Das Tagebuch der Anne Frank mitreißend und lebensnah in Szene gesetzt

Ein normales Mädchen

Die mobile Produktion der Hersfelder Festspiele gastierte in Eschwege: Magdalena-Noemi Hirschal überzeugte als Anne Frank. Foto: Pujiula 

Eschwege. Mit dem weißen Sonntagskleidchen und den weißen Kniestrümpfen sah sie aus, wie Anne Frank wohl ausgesehen haben mag. Magdalena-Noemi Hirschal schlüpfte am Dienstag in die Rolle des jüdischen Mädchens, das nicht ganz 16-jährig im KZ Bergen-Belsen an Typhus starb und dessen Tagebuch die Welt bewegte.

Die mobile Produktion der 63. Hersfelder Festspiele gastierte an der Anne-Frank-Schule in Eschwege und präsentierte mit „Das Tagebuch der Anne-Frank“ ein erschütternd echtes Bühnenleben. Regisseur Holk Freytag hatte aus Fragmenten der Tagebücher eine beeindruckende Collage geschaffen - die nun von der österreichischen Schauspielerin hervorragend umgesetzt wurde. Sie war einfach Anne Frank, wie Abermillionen Leser sie in ihrer Fantasie wohl gesehen haben.

Die Bühne, eine Metallstruktur symbolisierte jenes Versteck in der Amsterdamer Prinsengracht 163, wo Anne mit Schwester, Eltern und vier weiteren Menschen sich jahrelang versteckt hielten, mit Hoffnung auf ein glückliches Ende - das doch nicht kam. Im August 1944 wurden sie verraten, die Mutter starb in Auschwitz, Annes Freund Peter starb bei einem Todesmarch. Nur der Vater überlebte.

Eine tragische Geschichte, wie sie sich damals millionenfach wiederholte. Aber mit ihrem Tagebuch ist Anne Frank zu einer Sprecherin der vielen Sprachlosen geworden und ihre Geschichte bewegt uns noch heute - die Geschichte eines Mädchens, das einfach und mit viel Herz über alles schreibt, was sie bewegt.

Das Publikum sah an diesem Abend ein heranwachsendes Mädchen („nicht schön, nicht klug, einfach glücklich“), das auch im engen Versteck das Wunder des Lebens nach und nach erlebt, mit Hoffnungen und Ängsten. Ein Mädchen, das über den ersten Kuss (von Peter) überschwänglich schreibt. Und das es einmal wagt, auf das Dach zu steigen um zum ersten Mal nach eineinhalb Jahren den Nachthimmel zu sehen.

Eine mitreißende, absolut textsichere Schauspielerin in einer behutsamen Inszenierung, die sparsam und sehr effektiv Musik einsetzte: Etwa die Originalversion von Over the Rainbow. Am Schluss streifte Anne einen Mantel mit dem Judenstern über und ging mit dem Koffer in der Hand auf die Reise ohne Wiederkehr.

Vo Francisco Pujiula

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