Kraniche haben sich nicht verirrt

Fragen und Antworten: Ornithologe Wolfram Brauneis zum Vogelzug in der Region

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Keilhakenflug: Durch den verspätet einsetzenden Winter flüchten die Kraniche jetzt erst in den wärmeren Südwesten. Hier wurde am Sonntag ein Trupp über Wanfried fotografiert. 

Werra-Meißner. Haben Sie auch an Silvester und den vergangenen Tagen Kranichzüge über der Region gesehen und sich gewundert? Was machen die Vögel hier, die normalerweise schon im November den Werra-Meißner-Kreis passieren? Wir klären mit dem Ornithologen Wolfram Brauneis die wichtigsten Fragen.

Noch sind scheinbar nicht alle Kraniche in ihren Winterquartieren. Woran liegt das?

Aufgrund der milden Witterung im November und Dezember sind nicht alle bei uns in Deutschland und weiter östlich rastenden Kraniche in ihre spanisch-portugiesischen Winterquartiere, hauptsächlich in die Extremadura, geflogen. Mit dem jetzt ostwärts einsetzenden, relativ strengen Winter haben sich die Vorzeichen geändert. Schnee lässt sie keine Nahrung mehr finden und die Schlafgewässer frieren zu.

Wovon haben sich die Vögel in den vergangenen Wochen bei uns ernährt?

Solange der Schnee ihnen nicht ihre Nahrung auf abgeernteten Maisfeldern zudeckt und auch die Reste auf Kartoffel- und Rübenfeldern für die Kraniche erreichbar bleiben, harren die Vögel dort aus. Natürlich brauchen sie auch noch offene Flachwasserseen als Schlafplätze für die Nacht.

Warum hat man in den vergangenen Tagen vermehrt Kraniche am Himmel entdecken können?

Der östliche Wind unterstützt die Großvögel und treibt sie in südwestliche Richtungen. In der Region ist seit Silvester eine vorwiegend wolkige, teils neblige Wetterlage vorherrschend. So müssen die Kraniche unseren Raum in tieferen Flügen überqueren. Das hat ihre Keilhakenflüge für uns gut sichtbar gemacht und selbst bei Dunkelheit waren ihre trompetenhaften Rufe zu hören.

Teilweise sind die Vögel in Richtung Osten geflogen. Haben sie die Orientierung verloren?

Nein. Die Meldungen von teils nach Osten fliegenden Winterflüchtern darf nicht verwechselt werden mit der eingeschlagenen Hauptflugroute. Nicht ungewöhnlich ist es gerade in solchen Situationen, dass die Kraniche kurzzeitig einen solchen Kurs wählen, um günstige Aufwinde zu suchen, mit deren Hilfe sie einen west- oder südwestlichen Flug einschlagen.

Fliegen die Kraniche jetzt nicht mehr in ihre eigentlichen Winterquartiere?

Vermutlich nicht. Die beobachteten Trupps werden wohl nicht mehr bis in die Extremadura fliegen. Der Raum der südlichen Champagne mit dem größten Stausee Frankreichs, Lac du Der-Chantecoq, wo auch zehntausende ihrer Artgenossen überwintern, wird ihnen noch Platz bieten. Milde Winter haben eben längst andere, zusätzliche Gebiete für die Kraniche als Überwinterungsareale interessant werden lassen.

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