30 Jahre Mauerfall

Montagsinterview mit dem Ostbeauftragten: „Meckerer wird es immer geben“

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Ost-Beauftragter der Bundesregierung: Christian Hirte (rechts), hier auf einem Gruppenfoto nach Beratungen mit den offenbar beste ns gelaunten Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (Sachsen, von links), Reiner Haseloff (Sachsen-Anhalt), Dietmar Woidke (Brandenburg), Manuela Schwesig (Mecklenburg-Vorpommern), Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bodo Ramelow (Thüringen) und Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller. 

Mit dem Beauftragten der Bundesregierung für die neuen Bundesländer, Christian Hirte, sprachen wir über den Stand der Deutschen Einheit, das Verhältnis von Ost- und Westdeutschen.

Herr Hirte, am 9. November 1989 waren Sie 13 Jahre alt. Welche Erinnerungen haben Sie überhaupt noch an die DDR und die Zeit des Mauerfalls?

Vom Bauernhof meiner Großeltern in der thüringischen Rhön bis zum ersten Grenzzaun waren es etwa 50 Meter. Ich konnte die Grenze also sehen und bin in dem Bewusstsein aufgewachsen, dass es an dieser Grenze nicht weiterging. Heute ist unvorstellbar, dass an einer innerdeutschen Grenze Menschen zu Tode gekommen sind, weil sie von einer Seite auf die andere wollten. 

Ich kann mich an den Sommer '89 und dessen Fernsehbilder erinnern, mit Zehntausenden Flüchtlingen. Dass da was passierte, lag in der Luft. Die Fernsehbilder der friedlichen Revolution und des 9. November haben sich ja in unser aller kulturelles Gedächtnis regelrecht eingebrannt. In diesen Tagen hat sich vor unserer Haustür die Welt verändert.

Sie haben in Ihrem jüngsten Bericht zum Stand der Deutschen Einheit eine „extrem positive Entwicklung“ in Ostdeutschland festgestellt. Die Linke wirft Ihnen deshalb „Lobhudelei“ vor und offenbar sind auch viele Menschen sehr unzufrieden, wie sich an den aktuellen Wahlergebnissen ablesen lässt. Ist die bisherige Bilanz vielleicht doch nicht so positiv?

Meine Aufgabe ist es, die Themen, Herausforderungen und Interessen der neuen Bundesländer in Berlin klar anzusprechen und zu vertreten. Dazu gehört auch, dass wir die positiven Entwicklungen herausstellen, die es zweifelsohne gibt. 

Wenn wir in Europa und auf der Welt nach links und rechts schauen, dann kann doch keiner ernsthaft behaupten, dass es hierzulande keine positive Entwicklung gibt. 

Das gilt zumal mit Blick auf den Ausgangspunkt: Das schwere Erbe der DDR wirkt weiter. Gleichwohl wird es Meckerer immer geben, egal wie erfolgreich wir sind. Umfragen und Studien sollte man immer differenziert betrachten. 

Ich nehme wahr, dass es zur Politik der Großen Koalition in Berlin steigende Unzufriedenheit gibt. Der Maschinenraum läuft eigentlich auf Hochtouren, nur die Brücke ist sich meistens uneins. Das hat aber mit der gesamtdeutschen Bilanz der letzten 30 Jahre nichts zu tun.

Warum brauchen wir 30 Jahre nach der Einheit eigentlich immer noch einen Beauftragten für die neuen Bundesländer?

Weil es immer noch Unterschiede zwischen Ost und West gibt. Glauben Sie mir, gern würde ich eine andere Debatte führen, aber die Transformation von vierzig Jahren Sozialismus hin zu einer sozialen Marktwirtschaft dauert eben einige Zeit. Es war ein Fehler, Anfang der 1990er-Jahre immer wieder zu suggerieren, wir würden die Angleichung schneller bewältigen. Das wissen wir heute. Viele Bürger haben dafür aber nur begrenzt Verständnis.

Die Mauer ist jetzt länger weg, als sie Deutschland geteilt hat. Aber die Lebensverhältnisse bei Renten und Gehältern sind noch nicht völig angeglichen. Was ist da schiefgelaufen?

Wir werden nie erleben, dass wir in Deutschland überall gleiche Lebensverhältnisse vorfinden. Ja, es gibt Unterschiede zwischen Ost und West oder Stadt und Land, genauso wie es Unterschiede zwischen Nord und Süd sowie auch innerhalb des Westens gibt. Das Gehaltsgefüge des Westens ist beispielsweise viel heterogener als zwischen Ost und West. 

Für die Rentner haben alle Bundesregierungen immer etwas getan. Es gab kaum ein Jahr, in dem es keine Rentenerhöhung gab. Gerade die ostdeutschen Arbeitnehmer wurden und werden durch die Höherwertung von Ansprüchen und Beitragszahlungen bessergestellt. Das zu betonen ist mir wichtig, denn es kommt in den Rentendebatten häufig nicht vor.

In Westdeutschland halten immer noch viele die Ostdeutschen für „Jammerossis“. Trifft Sie ein solches Vorurteil auch persönlich?

Vielleicht ist das auch eine rein medial getriebene Debatte. Was ich weiß und für richtig halte, ist, dass wir positiv über uns und den Osten sprechen müssen. Wenn wir es nicht machen, macht es niemand.

Jeder fünfte Westdeutsche war angeblich noch nie in Ostdeutschland. Woran liegt das?

Sicher gibt es Bayern, die auch noch nicht in Rheinland-Pfalz waren. Ich vermute, Desinteresse. Es liegt vor allem in unserer Hand, das im Positiven zu drehen. Dafür arbeite und werbe ich.

Hier bei uns im ehemaligen Zonengrenzgebiet sind die Kontakte zwischen den Bundesländern sehr viel enger. Treffen Sie auch hier trotzdem noch auf Vorurteile und Unkenntnis?

Eher nicht. Ich beobachte vielmehr ein stetiges Zusammenwachsen, so wie es sich in guter Nachbarschaft gehört. Das trifft im Übrigen nicht nur für ehemals grenznahes Gebiet zu, sondern für die allermeisten Regionen im ganzen Land. 

Schauen Sie, wir haben doch mittlerweile die Situation, dass viele westdeutsche Gemeinden staunen, was im Osten alles aufgebaut wurde. Infrastruktur, Städtebau, Industrieansiedlung – in manchen Bereichen steht der Osten heute besser da als viele Regionen der alten Bundesländer.

Hessen und Thüringen haben historisch, politisch und wirtschaftlich enge Verbindungen. Gibt es vielleicht doch irgendwann noch ein gemeinsames Bundesland?

Die Idee, Bundesländer zusammenzulegen, kocht ja regelmäßig hoch. Ich sehe das kritisch. Der Föderalismus in Deutschland bildet die Vielfältigkeit der Regionen ab und führt dazu, dass wir zwar regional verschieden, aber trotzdem erfolgreich sind. Zentralistische Strukturen, wie zum Beispiel in Frankreich, führen nicht immer zu besseren Ergebnissen.

Wenn Ihre Kinder Sie heute nach der DDR fragen, was erzählen Sie ihnen über Ihr Geburtsland, was hätten Sie gern aus der DDR bewahrt?

Meine Kinder haben natürlich einen leicht überdurchschnittlich politischen Vater (lacht). Sie kennen die ehemalige Grenze vom Bauernhof meiner Großeltern. Viele Familienmitglieder wohnen heute noch in unmittelbarer Grenznähe. 

Ich berichte von Mauer und Stacheldraht, dass man nicht überall hin reisen konnte, von zwei Blöcken, von politischen Repressionen. 

Der real existierende Sozialismus hat in meiner Wahrnehmung nicht viel Bewahrenswertes. Das heißt aber nicht, dass wir nicht trotzdem ein glückliches und erfülltes Leben geführt haben. Die Freude an den kleinen Dingen und Erfolgen wäre auch heute noch wünschenswert.

Zur Person

Christian Hirte (43) wurde in Bad Salzungen (Wartburgkreis) geboren. Nach Abitur und Zivildienst studierte er Rechtswissenschaften in Jena. Das Studium schloss er 2001 mit dem ersten juristischen Staatsexamen ab. 

Seit 2004 ist er als Rechtsanwalt in Fulda tätig. Hirte arbeitet seit März 2018 als Parlamentarischer Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium. In diesem Amt ist er gleichzeitig Beauftragter der Bundesregierung für die neuen Bundesländer. 

Er ist zudem seit 2008 Mitglied des Deutschen Bundestages und seit 2014 stellvertretender Landesvorsitzender der CDU in Thüringen. Christian Hirte ist katholisch, verheiratet und Vater zweier Töchter sowie eines Sohnes. 

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