Telefonat im Flugzeug

Plötzlich alles anders: So erlebte Michael Roth den SPD-Wirbel in Berlin

Berlin. Der Weg schien vorgezeichnet: mit Sigmar Gabriel als Parteichef und Kanzler-Kandidat in einen nach Umfragen aussichtslosen Wahlkampf starten. Doch dann ließ Gabriel die SPD-Bombe platzen. Einen Tag später blickt der Heringer Staatsminister Michael Roth auf turbulente Stunden zurück.

Jack Sparrow soll es sein, der berühmte Piratenkapitän, der sich exzentrisch gibt, mehr als einmal tot geglaubt wurde und doch die einzige Konstante einer Filmreihe ist, deren Nebendarsteller schneller wechseln als Sparrow seinen Säbel zieht. Von daher ist es gar nicht so abwegig, dass sich Staatsminister Michael Roth für das Kostüm des Freibeuters entschieden hat, in dem er am kommenden Wochenende eine Karnevalsveranstaltung besucht.

Natürlich – Frank-Walter Steinmeier und Sigmar Gabriel, das sind keine Nebenrollen in der internationalen Politik. Und doch ist es Roth, der bleibt. "Im Auswärtigen Amt bin ich das Kontinuum", sagt der 46-Jährige. Roth wirkt aufgeräumt und erleichtert beim Gespräch mit unserer Zeitung am Mittwochmittag in seinen Büroräumen im Berliner Paul-Löbe-Haus neben dem Reichstag. Da ist die überraschende Ankündigung, dass SPD-Chef Gabriel auf Kanzlerkandidatur und Parteivorsitz verzichtet, keine 24 Stunden her.

„Dann steigt man aus dem Flieger aus und alles kommt anders“, hatte Roth am Dienstag als erste Reaktion beim Kurznachrichtendienst Twitter geschrieben. Hessens SPD-Vorsitzender Torsten Schäfer-Gümbel hatte ihn über die Entwicklungen informiert. Roth selbst saß im Flugzeug von Malta nach Frankfurt, als ihn das Telefonat noch unmittelbar vor dem Start erreichte.

Anders – das gilt aus Roths Sicht auch für seinen neuen Chef Gabriel, mit dem er sich gestern zur ersten Abstimmung traf. Steinmeier, das sei „einer der coolsten Typen, die ich kenne“, sagt Roth. Erfahren, unaufgeregt, belastbar und stets ruhig. „Die wenigen Kontroversen, die wir hatten, haben wir immer in ruhigen Gesprächen geklärt. Gabriel wird da schonmal lauter und deutlicher. Da sind wir uns ähnlich.“ Aber damit könne er, Roth, umgehen, denn nachtragend oder unfair sei der designierte Außenminister nicht. Jetzt merke man, dass Gabriel großes Interesse an dem Ressort habe. „Er hatte viele Fragen und wirkte neugierig“, beschreibt Roth das Treffen.

Neben einem Neustart im Auswärtigen Amt steht der Heringer unmittelbar vor den Herausforderungen des Wahlkampfes. Der sei in diesem Jahr ein ganz anderer als noch 2013. Sozialen Medien müsse man eine größere Bedeutung einräumen, bekanntmachen müsse er sich inzwischen wohl nicht mehr. Für seinen größten Herausforderer, den CDU-Kreisvorsitzenden Timo Lübeck, findet er respektvolle Worte: „Das ist ein anständiger Typ“, sagt er. Dennoch: Roths klares Ziel ist es, den Wahlkreis zu gewinnen. „Ich habe noch große Lust auf Politik.“ Die Konstante will er bleiben. Gegen ihn ist schließlich selbst Jack Sparrow ein Neuling.

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