Psychologe sagt: "Getrennte Paare sollten Kinder nicht in Streit miteinbeziehen"

Häufig entscheiden sich Eltern nach einer Trennung bei der zu regelnden Betreuung ihrer gemeinsamen Kinder für das Wechselmodell. Was das ist erklärt Psychologe Klaus Ritter.

Was bedeutet Wechselmodell?

Beim Wechselmodell geht es um die Regelung der elterlichen Sorge nach Trennung oder Scheidung. Es beinhaltet, dass beide Elternteile ihre Kinder betreuen. Dabei ist das Regelmodell paritätisch, das heißt, dass das Kind zur Hälfte bei der Mutter und zur Hälfte beim Vater lebt. Möglich ist aber auch eine anderweitige Aufteilung, beispielsweise eine 70:30-Lösung.

Warum wird dieses Modell bei Eltern zunehmend populärer?

Das Modell verbreitet sich, weil viele Eltern auch nach dem Scheitern ihrer Paarbeziehung in erzieherischer Verantwortung bleiben wollen. Das hat auch damit zu tun, dass das Kind in der heutigen Kleinfamilie enorm an Bedeutung gewonnen hat. Eltern möchten, dass die Intensität der Bindung zu ihrem Kind auch nach einer Trennung der Eltern erhalten bleibt. Viele Väter sehen sich in der Verantwortung, umfangreich die weitere Entwicklung des Kindes zu prägen. Auch die Fachwelt sowie Familiengerichte empfehlen das Wechselmodell.

Wie kommen Kinder mit dem Leben an zwei Orten zurecht?

Kinder sind durch die Trennung ihrer Eltern oft sehr verunsichert. Für ein Viertel aller Scheidungskinder ist diese seelische Verunsicherung sehr nachhaltig und begleitet sie möglicherweise ihr ganzes Leben. Neuere Untersuchungen zeigen, dass bei etwa einem Viertel der Scheidungskinder nachhaltige seelische Verunsicherungen und Defizite entstehen. Wie gut Kinder eine Scheidung verarbeiten, hängt sehr von der Konstruktivität der Eltern ab. Je mehr Streit es gibt, desto belastender ist es für die Kinder. Ungünstig für das Kind ist es außerdem, in die Streitigkeiten der Eltern einbezogen zu werden.

Ab welchem Lebensalter eignet sich das Wechselmodell für Kinder?

Bei primärer Erziehung durch ein Elternteil ist die Bindung bis zum Alter von zirka sechs Jahren stärker. Bei einer bis dato stabilen Erziehung haben die Kinder ab sechs eine eigene feste Bindungsstruktur entwickelt, die sie auch verarbeiten können. Bei jüngeren Kinder ist es problematisch, weil deren seelische Strukturen noch nicht ausreichend gefestigt sind. Die spielen meist nur mit, aus Angst, neue Verluste zu erleben. Zusammengefasst: Zwischen sechs und zwölf Jahren ist das Modell gut umsetzbar, mit der Pubertät entwickeln Jugendliche ihren eigenen Lebensstil und entscheiden selbst, wo sie leben möchten.

Welche Voraussetzungen müssen Eltern mitbringen?

Eine wichtige Voraussetzung ist, dass beide Elternteile in räumlicher Nähe leben. Damit können die Kinder ihre sozialen Kontakte pflegen, unabhängig davon, bei wem sie gerade sind. Das Gleiche gilt auch für Schule und Kindergarten. Wichtig ist auch, dass die Kinder jeweils den Kontakt zum anderen Elternteil, bei dem sie gerade nicht sind, pflegen können – egal, ob telefonisch oder persönlich. Außerdem ist es sinnvoll, zum Beispiel ein Übergabetagebuch zu führen, damit kein Elternteil Ereignisse oder Entwicklungen des Kindes verpasst.

Welches ist das favorisierte Zeitmodell?

Die meisten Eltern entscheiden sich für einen wöchentlichen Wechsel. Das ist ein guter Zeitrahmen. Eine Woche ist nicht so lang, dass der andere Elternteil sehr vermisst wird. Am Wochenende wird dann getauscht.

Gibt es eine Möglichkeit, eine Testphase zu machen?

Eltern und Kinder können eine Erprobungsphase machen. Wenn es nicht funktioniert, kann das Modell auch beendet werden. Kein Familiengericht wird ein Wechselmodell gegen die Haltung eines Elternteils anordnen, weil es bei den Eltern hohe Anforderungen an Austausch, Kommunikation und Absprachefähigkeit mit dem Ex-Partner stellt.

Wann würden Sie Eltern von einem Wechselmodell abraten?

Es ist keine gute Idee, wenn ein oder beide Partner die Trennung auf ihrer Paarebene noch nicht verarbeitet haben. Die Elternebene muss konstruktiv gelebt werden. Wenn beispielsweise ein Partner einseitig noch die Hoffnung hat, dass der gemeinsame Umgang mit dem Kind auch für ein Aufleben der Paarbeziehung sorgen kann, ist das ungünstig und konfliktträchtig. Außerdem ist es wichtig, dass Feindbildprojektionen überwunden werden und der andere Elternteil grundsätzlich als förderlich für das Kind anerkannt wird.

Welche Rolle spielen neue Lebenspartner bei dem Modell?

Es ist gut und konstruktiv für die kindliche Entwicklung, wenn es möglichst viele soziale Kontakte gibt. Denn nicht selten fixieren sich Kinder nach der Trennung auf ein Elternteil und versuchen, den Partner zu ersetzen und Verantwortung zu übernehmen. Dies nennt man Parentifizierung und beinhaltet eine emotionale Überforderung des Kindes. Das ist aber nicht gut, denn es bindet zu viele kindliche Ressourcen.

Gut ist, wenn möglichst viele Menschen, auch Großeltern, sich kindgerecht einbringen. Dann können die Kinder ihre unterschiedlichen Bedürfnisse auch auf mehrere Menschen verteilen. Kinder lernen in dieser Konstellation unterschiedliche und wichtige Beziehungen parallel zu führen, entwicklungspsychologisch wird hier die Kompetenz der Triangulation gefördert.

Vortrag zum Thema: Der Psychologe Klaus Ritter wird am Mittwoch, 14. August in Witzenhausen einen Vortrag zum Thema „Wechselmodell nach Trennung und Scheidung“ halten. Die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr und findet im Saal des Rathauses in Witzenhausen, Am Markt 1, statt.

Zur Person

Klaus Ritter (61), ist in Kassel seit 1992 niedergelassener Psychologe, Psychotherapeut und Psychiater in einer Praxisgemeinschaft. Seit 1991 ist Ritter bundesweit für Familiengerichte als familienpsyologischer Sachverständiger sowie als Gutachter zum Umgangsrecht und Kindeswohl tätig. Ritter hat in Berlin Psychologie studiert, seine Ausbildung zum Analytiker hat er in Göttingen absolviert.

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