Schmerzambulanz am Klinikum Eschwege - Schmerzarbeit ist nicht wie in der Werkstatt

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Nimmt sich Zeit: Bei Dr. med. Bernd Schlei dauern die Gespräche zur Erstanamnese für chronische Schmerzpatienten bis zu eineinhalb Stunden. Schlei ist seit Juni Chefarzt der wieder eröffneten Schmerzambulanz. 

Chronische Schmerzpatienten können sich am Eschweger Krankenhaus in der Schmerzambulanz einer komplexen Therapie unterziehen. 

Eschwege. In Deutschland leidet fast jeder sechste Mensch unter chronischen Schmerzen. Dauerhafter Schmerz beeinträchtigt den Alltag der Betroffenen meist massiv. Im Juni dieses Jahres hat unter Leitung des neuen Chefarztes, Dr. med. Bernd Schlei, am Klinikum Werra-Meißner wieder eine Schmerzambulanz eröffnet. Hier werden gemeinsam mit dem Patienten Therapien zur Schmerzbekämpfung und Schmerzbewältigung entwickelt.

Eins schickt der erfahrene Schmerzmediziner gleich voraus: „Wir sind keine Werkstatt, in die man reingeht und aus der man schmerzfrei wieder rausgeht.“ Die Therapie bei chronischen Schmerzpatienten ist komplex.

Wie erfolgt die Diagnostik?

Wer sich bei der Ambulanz im Krankenhaus Eschwege meldet, bekommt zunächst ein 18 Seiten umfassendes Papier zugesandt – den Deutschen Schmerz-Fragebogen. Über den wird mit schon homöopathischer Genauigkeit Ort, Dauer, mögliche Ursachen, Medikation, vorhergehende Behandlungen und Therapien sowie psychische Auswirkungen des Schmerzes abgefragt. Liegt der ausgefüllte Bogen vor, erhält der Patient bei Dr. Bernd Schlei einen Termin. „Für dieses Erstgespräch nehme ich mir viel Zeit – zwischen einer und eineinhalb Stunden“, sagt er. Das sei wichtig, weil die meisten der Menschen, die bei ihm landen, bereits eine „wahre Odyssee“ auf der Suche nach Hilfe hinter sich haben. Er sichtet zudem alle Vorbefunde und untersucht den Patienten körperlich gründlich vom Scheitel bis zur Sohle.

Was kann die ambulante Therapie?

Schlei schlägt den Patienten nach der Anamnese eine Therapie vor. „Ich erkläre ihnen alle Vor- und Nachteile.“ Wichtig sei, sich auf eine Therapie zu einigen, der Patient müsse damit einverstanden sein und sie mittragen.

Werden die Schmerzpatienten nur ambulant behandelt, sind die Möglichkeiten eingeschränkt. Schlei kann medikamentös behandeln, in speziellen Fällen Spritzen geben und Krankengymnastik verordnen. „Damit erschöpfen sich unsere Möglichkeiten im ambulanten Bereich“, sagt er.

Was kann die stationäre Therapie? 

Wenn das alles nicht ausreiche, um einem Patienten Linderung zu verschaffen, gibt es am Klinikum Werra-Meißner die Möglichkeit einer stationären, sogenannten multimodalen Behandlung. Dafür gibt es im Krankenhaus in Witzenhausen acht Betten. Zum Behandlungskonzept gehört, dass die Patienten an einer Psychotherapie teilnehmen. Hier stelle sich die Urfrage nämlich, wer zuerst da war, die Henne oder das Ei? „Wer ständig unter Schmerzen leidet, hat ein Risiko depressiv zu werden. Auf der anderen Seite haben depressive Menschen ein erhöhtes Schmerzempfinden“, weiß Schlei.

Wie  funktioniert die stationäre Therapie?

Jeweils an einem Montag werden acht Patienten für 17 Tage stationär aufgenommen. Während dieser Zeit haben sie ein festes Programm aus verschiedenen Disziplinen wie Psychotherapie, Einzel- und Gruppengespräche, Ergo- und Physiotherapie.

„Es geht darum, die Patienten zu aktivieren und aus ihren angenommenen Schonhaltungen rauszubringen“, erklärt der Arzt. Das betreffe vor allem Menschen mit Rückenschmerzen. Dafür gibt es ein gezieltes, muskelaufbauendes Training, das sich auch für viele Gelenkbeschwerden, wie zum Beispiel am Knie, eignet.

„Unser Vorstellung ist nicht, dass die Patienten nach 17 Tagen völlig schmerzfrei entlassen werden, sondern, dass sie während ihres Aufenthaltes etwas finden, dass sie für sich mitnehmen und zu Hause fortführen können.“ Da können gymnastische Übungen, aber genauso auch passende Praktiken zur Entspannung sein.

Wer kommt für einen stationären Aufenthalt infrage?

Einmal im Monat gibt es am Klinikum ein sogenanntes Assessment, an dem neben den Ärzten auch alle Therapeuten anderer Disziplinen teilnehmen. Vier Patienten werden eingeladen, für jeden gibt es circa eine halbe Stunde Zeit. Dann wird gemeinsam entschieden, ob ein stationärer Aufenthalt infrage kommt.

Welche Arten von Patienten gibt es? 

Schlei unterscheidet zwischen drei Arten von Patienten. Gruppe eins sind die „Vermeider“, die sich in eine dauerhafte Schonhaltung begeben und damit ihr Leiden in aller Regel noch verschlimmern.

Gruppe zwei sind die „Durchhalter“, die trotz Schmerzen alles leisten, was ihnen der Alltag abverlangt. Und die dritte Gruppe sind nach der Erfahrung von Schlei Patienten mit einem Medikamentenüberkonsum, die in einen stationären Entzug gehören.

Wann sind die Sprechzeiten? 

Die Schmerzambulanz am Krankenhaus Eschwege ist Montag bis Freitag von 9 bis 14 Uhr geöffnet, Tel. 0 56 51/ 82 23 91.

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