Die Geschichte des Eschweger Bahnhofs

Seit 145 Jahren gehört der Bahnhof fest zu Eschweges Stadtbild

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Das dunkelste Kapitel des Eschweger Bahnhofs: die Bahnbetriebsanlagen in Eschwege nach dem Luftangriff der Alliierten vom 22. Februar 1945.

Seit 1875 ist Eschwege mit der Bahn zu erreichen. Seit zehn Jahren gibt es sogar wieder einen Stadtbahnhof. Edgar Brill hat für uns in der Eschweger Eisenbahngeschichte gestöbert.

Schon zu kurhessischen Zeiten, also vor 1866, war eine Nord-Süd-Verbindung der Eisenbahn geplant. Eschwege hatte immer um einen Bahnanschluss gebeten.

Der erste Bahnhof

Seit dem 30. Oktober 1875 ist Eschwege mit der Bahn zu erreichen – durch den Bau der Bebra-Friedländer-Bahn, die über Niederhone nach Eschwege als Stichbahn verlängert wurde. Ein festlich geschmückter Zug eröffnete an diesem Tag die Strecke unter lautem Hurra der ungefähr 1000 Zuschauer. 

Bereits mit der Eröffnung hatte Eschwege einen Güterschuppen, eine Laderampe, einen einständigen Lokschuppen und sogar eine Gleiswaage.

Mit der Eröffnung der Strecke (im Volksmund als Kanonenbahn bezeichnet) nach Malsfeld (– Treysa) 1879 gingen wahrscheinlich auch die königlichen Nebenwerkstätten (später Betriebswerkstätte, bzw. Bahnbetriebswerk, kurz als Bw bezeichnet) in Betrieb. 

Erst durch die Verlängerung der Strecke nach Leinefelde 1880 wurde der Bahnhof Eschwege Durchgangsbahnhof. Ab dem 1. Mai 1902 war Eschwege nicht nur Start- oder Zielbahnhof in Richtung Malsfeld oder Leinefelde. Ab diesem Tag konnte jetzt auch über Schwebda nach Treffurt und sogar fünf Jahre später bis Eisenach gefahren werden.

Nach 1908 bekam der Hausbahnsteig direkt am Empfangsgebäude eine Überdachung, 1912 wurde östlich davon noch ein Personentunnel gebaut, um den Fußgängern das Warten vor der oft geschlossenen Schranke zu ersparen. Mitte der 1930er- Jahre wurde auch der heutige Industriehof per Gleis an den Bahnhof angeschlossen. War doch hier ein Flugplatz entstanden und musste auch versorgt werden.

Zweiter Weltkrieg

Der Niedergang des Bw Eschwege begann mit dem Flieger-Angriff der Alliierten am 22. Februar 1945. Dabei wurde das Betriebswerk komplett zerstört sowie noch ein Teil der danebenliegenden Eisenbahnstraße. 

Das Bahnhofsgebäude wurde zwar getroffen, aber ist weitestgehend heil geblieben. Bei diesem Angriff kamen 44 Menschen ums Leben. Nur einen Tag später war die Strecke Eschwege – Niederhone wieder befahrbar.

Nachkriegszeit

Nach dem Krieg wurde nur noch ein Teil der Nebenwerkstätte als Triebwagenschuppen wieder aufgebaut. Ab 1954 kamen die ersten Schienenbusse nach Eschwege. Später kamen noch ein Turmtriebwagen und zwei Kleinlokomotiven hinzu. 

Zum Ende des Winterfahrplans 1958/59 wurden die letzten Dampfloks vom Bw Eschwege abgezogen. Im Herbst 1974 wurden dann auch die Schienenbusse abgezogen und 1975 das Bw Eschwege aufgelöst. Die letzte Dampflok, die planmäßig mit einem Personenzug nach Eschwege kam, fuhr am 2. Juni 1973. Ab jetzt fuhren hier nur noch Dieselloks und Schienenbusse.

Und es gab hier am Bahnhof auch eine Lorenbahn, die beim Prellbock an der Verwaltung des Güterbahnhofes begann, über eine Brücke die Niederhoner Straße überquerte und zum Eschweger Gaswerk führte, das sich auf dem Gelände der Eschweger Stadtwerke befand. 

Die Brücke musste 1967 abgerissen werden, nachdem der Lkw einer hiesigen Baufirma mit einem Kran im Schlepptau das Bauwerk rammte und den Mittelpfeiler stark beschädigte.

Der Güterumschlag in Eschwege war in den Nachkriegsjahren beträchtlich, hatte doch im sogenannten Industriehof jede Firma einen Gleisanschluss. Eine Dampflok wurde extra für die Zustellung und Abholung der Güterwagen dafür eingesetzt, die damit den ganzen Tag zu tun hatte. 

Massey Ferguson allein verschickte täglich einen ganzen Zug mit landwirtschaftlichen Maschinen und Zubehör. Doch auch hier war der Rückgang unaufhaltsam durch den Individualverkehr. Vereinzelt war noch Güterverkehr, teils bis 1996, auf der gesamten Strecke Wanfried über Eschwege bis Kassel vorhanden.

In den 1980er-Jahren wurden die Häuser in der Eisenbahnstraße komplett abgerissen, um einer geplanten Umgehungsstraße Platz zu machen, aber aus diesen Vorhaben ist bis heute nichts geworden.

Ende des Bahnhofs

Mit Einstellung des Personenzugverkehres nach Wanfried 1981 und des kompletten Personenzugverkehres von Eschwege nach Kassel zum 31. Mai 1985 war der Bahnhof nach über 100 Jahren Geschichte. Auf dem Bahngelände wurde der Rückbau bis auf die nötigsten Gleise vorgenommen. Teilflächen des Bws wurden zum Tennisplatz bzw. Lagerplatz für den städtischen Bauhof.

Der Personenverkehr am Eschweger Bahnhof wurde am 31. Mai 1985 eingestellt.

Der Triebwagenschuppen wurde teilweise umgebaut zum Busbahnhof. Das Bahnhofsgebäude wurde an die Waldorfschule verkauft, die es zwischenzeitlich renoviert hat.

Eschwege West

Von 1985 bis 2009 war Eschwege West bei Niederhone 24 Jahre Eschweges Tor zur Welt. Vier Kilometer außerhalb von Eschwege fand Personenverkehr statt. 

Es gab ein Empfangsgebäude, ansonsten nur zugige Bahnsteige. In einer Zeit, in der die meisten Verkehrsteilnehmer sowieso ein Kraftfahrzeug besitzen, wurde er als Verkehrsanbindung höchst unattraktiv. Mit dem Bau des Stadtbahnhofs entfiel die Funktion von Eschwege West als Personenverkehrshalt für Eschwege.

Neuer Stadtbahnhof

Bereits im Herbst 1997 wurden die ersten Weichen für den neuen Stadtbahnhof gestellt. Ein Jahr später war die Finanzierung für den zehnprozentigen Anteil der Stadt Eschwege an dem Neubau des Stadtbahnhofs mitsamt der Strecke gesichert. Im Februar 2003 hatte man der Öffentlichkeit die ersten Pläne des neuen Stadtbahnhofs vorgestellt. 

Nachdem ein Betrieb der DB AG ausgeschlossen war, ging man auf die Suche nach privaten Bauherrn und Betreibern. 2005 wurde von der Stadt das ehemalige Bahnareal erworben. Am 12. Juli 2006 kam die Nachricht, dass auch das Land Hessen und der Nordhessische Verkehrsverbund (NVV), neben dem Bund, sich finanziell am Bau beteiligen. 

Am Freitag, den 20. April 2007 unterzeichneten der hessische Minister für Wirtschaft und Verkehr, Dr. Alois Riehl, und der Geschäftsführer des NVV, Wolfgang Dippel, den Vertrag über den Bau und die Finanzierung des Eschweger Stadtbahnhofs sowie der Stichstrecke im Rathaussaal in Eschwege. 

Baubeginn

Der erste Bauabschnitt, der in mittelbarer Verbindung mit dem neuen Stadtbahnhof steht, war die Verbindung Schützengraben – Kuhtrift mit der neu entstandenen Kreuzung. 

Am 19. September 2008 gaben der hessische Wirtschafts- und Verkehrsminister Alois Riehl gemeinsam mit dem Eschweger Bürgermeister Jürgen Zick mit dem ersten gemeinsamen Spatenstich den Startschuss für die Bauarbeiten zur Reaktivierung der Stichstrecke nach Eschwege und den Bau des Bahnhofs. Mit dem Bau des neuen Stadtbahnhofes wurde das komplette Gleisfeld des alten Bahnhofs umgestaltet. 

Dem Rückbau der Gleise und der Ladestraße folgten der Abriss des etwa 100 Meter langen Güterschuppens mit Verwaltung und Verladebahnsteig, der Bahnsteige des Bahnhofes und der Unterführung. 

Einweihung

Am 20. Mai 2009 fand für den Stadtbahnhof das Richtfest statt. Nach fast 25-jährigem Dornröschenschlaf wurde Eschwege wieder an das Schienennetz angeschlossen. Der Stadtbahnhof wurde am 12. Dezember 2009 in einem großen Bahnhofs- und Volksfest unter großer Beteiligung der Eschweger Bevölkerung eingeweiht. Der Ausklang dieses Tages wurde mit einem prächtigen Feuerwerk begangen. 

Zahlen, Daten, Fakten

Verbaut wurden rund 3500 Kubikmeter Beton, verlegt wurden 4700 Meter Gleis und verarbeitet wurden 25 000 Tonnen Bahnschotter. Dafür benötigten die Arbeitsgemeinschaften etwa 50 000 Arbeitsstunden. Der neue Stadtbahnhof ist jetzt ein Kopfbahnhof und besitzt zwei Gleise. 

Auf dem alten Bahnhofsvorfeld direkt östlich des alten Bahnhofs kann man kostenlos parken. Der Stadtbahnhof wird vom Cantus angefahren auf der Strecke Bebra – Göttingen im stündlichen Takt. 

Der Eschweger Stadtbahnhof heute. 

Auszeichnungen

2010 erhält der Stadtbahnhof einen Sonderpreis von Allianz Pro Schiene für die Aufnahme des Schienenverkehrs in die Innenstadt Eschwege. 2013 bekommt der Stadtbahnhof Eschwege den European Rail Award für den besten kleinen europäischen Bahnhof. 

2014 erhält der Stadtbahnhof den Deutschen Verkehrsplanungspreis für die beste Verkehrslösung zur Verkehrsverlagerung vom Auto auf umweltfreundliche Verkehrsmittel. 2016 wird der Stadtbahnhof mit dem VCÖ-Mobilitätspreis für Nachhaltigkeit ausgezeichnet

Von Edgar Brill

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