Sie weiß, was Hilfe heißt

Werra-Meißner: So erleben Betroffene Pflege - auch in Coronazeiten

Eine Frau mit kurzen Haaren sitzt in einem Stuhl. Sie trägt ein gelbes T-Shirt.
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Zufrieden, dass jetzt alles anders ist: Elfriede Grebenstein hat ihr Haus verkauft und wohnt im Seniorenwohnheim, ihre Entscheidung bereut sie nicht.

Pflegebedürftige werden in Seniorenheimen und in Krankenhäusern gepflegt, was das für Betroffene bedeutet, hat uns eine Seniorin berichtet.

Werra-Meißner – Elfriede Grebenstein wohnt im Seniorenwohnheim am Brückentor, weil sie genau das möchte. Die 83-Jährige hat 2018 ihr Stadthaus in Eschwege verkauft und ist in die Seniorenresidenz an der Straße Vor dem Brückentor gezogen. „Erst war alles voll und da bin ich in ein Doppelzimmer gezogen und habe gewartet“, sagt Grebenstein.

Nach einigen Wochen hatte die Seniorin dann auch ein eigenes Zimmer und seitdem ist der Wohnbereich zwei das Zuhause von Elfriede Grebenstein.

„Ich kann machen was ich will!

Wenn sie sich von dort auf den Weg zum Wochenmarkt, über die Werrabrücke zum Obermarkt macht, fährt sie die Strecke im Rollstuhl. „Wenn ich dann auf dem Markt bin, kommen Bekannte und die sagen dann, ach, du bist im Altenheim“, sagt Grebenstein. „Aber ich sage dann, nein“, erklärt sie mit erhobenem Finger. „Ich bin im Hotel.“ Sie könne es nicht schöner haben, sagt sie. „Ich bekomme gewaschen und geputzt und kann machen, was ich will“, sagt die Heimbewohnerin.

Grebenstein fühlt sich wohl im Brückentor, das liege auch daran, das sie viele alte Bekannte wiedertreffe. Aus dem Werratalverein, der Berufsschule, dem Skiclub und aus der eigenen Familie kommen die bekannten Gesichter. „Meine Schwägerin besuche ich hier jeden Tag und sage ihr auch immer gute Nacht“, erzählt Elfriede Grebenstein.

Zu Geburtstagen kommen dann gleich mehrere Besucher vorbei und die Senioren treffen sich. „Da trinken wir auch mal ein Glas Sekt“, sagt die 83-Jährige. Damit die Heimbewohner nicht zwischen Tür und Angel anstoßen müssen, hat Grebenstein um eine Sesselecke gebeten und dort sitzen die Mitbewohner seitdem, immer wenn es etwas zu feiern gibt. „Für mich ist die Familie mein Ein und Alles und jetzt ist meine Familie hier“, sagt Grebenstein.

Die Familie fehlt ihr

Der Sohn und die Enkelkinder haben sie aber schon seit fast zwei Jahren nicht mehr richtig besuchen können. „Corona“, sagt sie nur. Manchmal hat Grebenstein ihren Sohn von Weitem am Zaun zur Wohnanlage getroffen, dann haben sie sich zumindest ein wenig unterhalten können, sonst telefoniert die 83-Jährige mit ihrer Familie.

„Ach, es ist alles gut“, sagt sie trotzdem. Elfriede Grebenstein redet lieber von den schönen Dingen, die sie erlebt. Und das, obwohl die Seniorin sehr krank ist. Durch eine Augenerkrankung sieht Grebenstein nur noch wenig. Sie hat ein steifes Bein und seit einem Sturz auf dem eigenen Hof hat sie starke Schmerzen im Rücken. Die Krankheiten lässt sich die Heimbewohnerin jedoch kaum anmerken.

Trotzdem ist sie gerade deshalb im Seniorenheim. „Wenn ich nicht krank wäre, wäre ich nicht hier“, sagt sie. Als ihr Mann 2018 starb und sie nach einem Sturz ins Krankenhaus kam, zog sie nicht wieder in ihr altes Haus zurück. „Um hier zu leben, habe ich alles verkauft und jetzt will ich davon ja auch noch etwas haben“, sagt die Seniorin. „Denn wer nicht kämpft, hat schon verloren“, sagt sie. Dass sie früher viel Sport getrieben habe, komme ihr jetzt zugute, sagt Grebenstein. Tagesziele seien der Park hinter der Wohnanlage oder der Weg in Richtung Werratalsee. Oder sie besucht die Schwestern auf den Wohnbereichen. Denn Elfriede Grebenstein hält viel von den Mitarbeitern im Brückentor, auch weil sie selbst jahrelang in der Altenpflege gearbeitet hat. „Ich bin früher in das Mutterhaus in Kassel gefahren“, erklärt sie. Dort hätten sie die Rufe der Pflegebedürftigen besonders bewegt. „Die alten Frauen saßen mit ihren dunklen Kleidern am Fenster und haben immer so gerufen; komm doch mal, das hat mich geprägt“, sagt Grebenstein.

„Nicht jeder versteht das“

Heute wohnt sie selbst in einem Seniorenwohnheim und wird umsorgt. „Ich bin dankbar und zufrieden, hier zu wohnen, auch wenn das nur wenige begreifen können“, sagt sie.

Elfriede Grebenstein denkt positiv, auch wenn die Schmerzen sie mal aus der Ruhe bringen. „Das Beste ist, sich hinzusetzen und so zu machen“, sagt die 83-Jährige, lehnt sich in ihrem Stuhl unter den großen Bäumen zurück, schließt die Augen und breitet die Arme weit aus. (Kim Honickel)

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