Montagsinterview

Sparkassen-Vorstand zur Filialschließung: „Nehmen öffentlichen Auftrag ernst“

Jemand zieht Bargeld aus einem Automaten.
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Sparkassen-Vorstand zur Filialschließung: „Nehmen öffentlichen Auftrag ernst“ 

Die Sparkasse Werra-Meißner hat kürzlich verkündet, 2021 vier Filialen zu schließen und weitere Geldautomaten abzubauen.

Eschwege – Betroffen sind die Filialen in Grebendorf, Niederhone, Netra und Frankershausen. Die Ankündigung hat für Kritik in der Bevölkerung gesorgt. Wir haben mit Vorstand Marc Semmel über die Beweggründe des Unternehmens gesprochen.

Herr Semmel, ist die kleine Geschäftsstelle auf dem Dorf durch die Digitalisierung ein Auslaufmodell?

Wir beobachten die Tendenz, dass es kleine Geschäftsstellen gibt, die im Schnitt nur von ein bis zwei Kunden pro Stunde aufgesucht werden. Während die Kunden früher für Zahlungsverkehr und Serviceleistungen regelmäßig in die Sparkasse kamen, sind immer mehr Kunden online unterwegs oder nutzen die Möglichkeiten unserer telefonischen Services.

Will die Sparkasse Werra-Meißner in eine sichere Zukunft führen: Vorstand Marc Semmel.  

Die Sparkasse hat einen öffentlich-rechtlichen Auftrag zu leisten. Ist der noch gewährleistet?

Gerade weil wir unseren öffentlichen Auftrag ernst nehmen und unsere Kunden sehr unterschiedliche Bedürfnisse haben, bieten wir ihnen alle möglichen Kanäle für ihre Geldangelegenheiten an – persönlich in unseren mit Personen besetzten Geschäftsstellen, per Telefon oder Video-Beratung, im Internet oder mit der Sparkassen-App. Rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr haben sie die Freiheit, kontaktlos mit Sparkassen-Card, mit dem Smartphone oder per Mausklick im Onlinebanking zu agieren. Die Versorgung über alle Kanäle wird auch in Zukunft weiterentwickelt.

Wurde die Coronakrise genutzt, um die Geschäftsstellen zu schließen?

Corona ist ganz sicher kein Vorwand, allerdings hat die Pandemie die Digitalisierung beschleunigt und das Verhalten der Menschen verändert. Als Folge von Corona sind noch mal sehr viele Kunden auf das Onlinebanking und die Nutzung der Sparkassen-App gewechselt. Es gibt immer mehr Menschen, die selbst kleinste Beträge digital und nicht mehr in bar bezahlen.

War die Schließung der Filialen alternativlos?

Wir versorgen den Werra-Meißner-Kreis umfassend und flächendeckend. Kein anderes Kreditinstitut ist mit Finanzdienstleistungen so präsent wie die Sparkasse – und das bleibt ja auch so. Den veränderten Rahmenbedingungen können wir uns allerdings nicht verschließen. Dazu gehört letztendlich auch die Erfüllung betriebswirtschaftlicher Belange, um den Herausforderungen der Zukunft gerecht zu werden. Eine kleine Geschäftsstelle, die im Schnitt noch von ein oder zwei Kunden pro Stunde aufgesucht wird, können wir nicht dauerhaft aufrechterhalten. Aber klar ist, Geschäftsstellen und Geldautomaten werden weiter gut erreichbar sein.

Welche Alternativen haben denn Kunden, die von den Filialschließungen betroffen sind?

Wir sind auch in Zukunft quer durch den Werra-Meißner-Kreis für unsere Kunden da. Im Übrigen erreichen uns die Kunden nicht nur in Geschäftsstellen, sondern über viele Kanäle, auch über Telefon, Internet oder Video-Beratung. Gerade diese Kanäle werden inzwischen stark genutzt, in Zeiten von Corona noch etwas stärker. Insbesondere älteren Kunden oder solchen mit einem Handicap bieten wir gern unsere telefonischen Services an. So können sie beispielsweise ganz einfach und sicher Überweisungen aufgeben oder sich Bargeld direkt nach Hause bestellen. Für intensive Beratungsgespräche ist der Weg zum nächsten Beratungs-Center nicht weit.

An Standorten, an denen die Geldautomaten abgebaut werden, gibt es aber keinen Ersatz. Was bietet die Sparkasse denen an?

Mit 32 Geldautomaten an 18 Standorten im Werra-Meißner-Kreis sind wir in allen Städten und Gemeinden präsent. Damit liegt die Versorgung mit Selbstbedienungstechnik und Geldautomaten deutlich über vergleichbaren Regionen. Und Geld bringen wir auch nach Hause.

Was muss ein Geldautomat leisten, damit sein Betrieb gerechtfertigt werden kann?

Ein Geldautomat sollte eine Auslastung von etwa 15 Verfügungen pro Stunde haben. Diese Automaten sind ja inzwischen absolute Hightech-Geräte, die zudem sicherheitstechnisch höchste Ansprüche erfüllen müssen. So ein Automat bedeutet eine Investition in hoher fünfstelliger Höhe.

Welche Bedeutung hat die Überland-Sparkasse für die Sparkasse Werra-Meißner?

Mit ihr wollen wir unseren Kunden im wahrsten Sinne des Wortes weiter entgegenkommen und möglichst flächendeckend und vielfältig bleiben. Und wir hoffen, dass die Menschen auch die Überland-Sparkasse gut annehmen. (Von Tobias Stück)

Zur Person: Marc Semmel (50) hat bei der Sparkasse in Gelnhausen (Main-Kinzig-Kreis) gelernt. Ein Studium an der Wirtschaftsuniversität in Wien schloss er mit dem Master ab. Tätig war Semmel kurzzeitig bei einer inhabergeführten Privatbank, bevor er zur Nassauischen Sparkasse Bad Homburg (Hochtaunuskreis) wechselte. Dort wie auch in seiner folgenden Station in Miltenberg-Obernburg (Bayern) übernahm er Leitungsaufgaben. Seit rund fünf Jahren ist Semmel bei der Sparkasse Werra-Meißner, seit eineinhalb Jahren Vorstand. Der 50-Jährige ist verheiratet. esp/ts

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