1. Werra-Rundschau
  2. Eschwege

Spaß an der guten Sache: So arbeiten die Fahrer bei der Eschweger Tafel

Erstellt:

Von: Tobias Stück

Kommentare

Das Gute vom Schlechten trennen – das ist die Aufgabe der Einholer der Eschweger Tafel. Sie treffen vor Ort eine Vorauswahl, in der Ausgabe im Grünen Weg wird noch mal sortiert. „Die Rampe verlassen wir immer picobello“, sagt Michael Fernau (rechts). „Das ist unser Markenzeichen.“
Das Gute vom Schlechten trennen – das ist die Aufgabe der Einholer der Eschweger Tafel. Sie treffen vor Ort eine Vorauswahl, in der Ausgabe im Grünen Weg wird noch mal sortiert. „Die Rampe verlassen wir immer picobello“, sagt Michael Fernau (rechts). „Das ist unser Markenzeichen.“ © Tobias Stück

Die Zahl der Klienten steigt stetig, die der Mitarbeiter nicht. Die Eschweger Tafel braucht zusätzliche Ehrenamtliche. Wir haben die Fahrer einen Vormittag bei der Arbeit begleitet.

Eschwege – Schon um kurz vor 8 Uhr ist Michael Fernau bestens gelaunt. Er stellt sich als Michi vor und holt umgehend eine Fleece-Jacke mit dem Logo der Eschweger Tafel aus seinem Auto. „Damit auch alle wissen, dass du zu uns gehörst“, sagt er lachend – per Du sind wir seit der ersten Minute. An diesem Montagmorgen klappern wir zu dritt die Supermärkte ab, um für die Klienten der Tafel überschüssige Lebensmittel abzuholen.

Der Dritte im Bunde ist Joseph Salloum. Er ist Fahrer und einer von zwei Teilzeitkräften, die die Eschweger Tafel fest beschäftigt. Er fährt jeden Vormittag wenigstens eine Tour mit dem Lieferwagen der Tafel. Seine Partner, die ihm beim Einsammeln der Lebensmittel helfen, wechseln beinahe täglich.

Am Montag stehen immer die Supermärkte und Discounter in Wanfried und Eschwege auf dem Tourenplan. Montags, mittwochs und freitags werden große Runden gefahren, dienstags und donnerstags kleinere. Auch ein zweites, kleineres Auto ist noch unterwegs. Damit fährt Hans-Peter Kohlus, der ansonsten eine Art Hausmeister bei der Tafel ist, beispielsweise mehrmals in der Woche Bäckereien an.

Mit rund 60 grünen, leeren Kisten fahren Michael Fernau und Joseph Salloum morgens los. Im besten Fall sind mittags alle Kisten mit Waren der Supermärkte umgefüllt.
Mit rund 60 grünen, leeren Kisten fahren Michael Fernau und Joseph Salloum morgens los. Im besten Fall sind mittags alle Kisten mit Waren der Supermärkte umgefüllt. © Stück, Tobias

Um 8.15 Uhr kommen wir in Wanfried an. Erste Station ist der Edeka-Markt von Winfried Gärtner. Michi Fernau springt aus dem Wagen und meldet uns beim Personal an. Joseph Salloum fährt uns indes zur Laderampe hinter dem Supermarkt. Dort, wo normalerweise kein Kunde hinkommt, steht schon alles bereit. 14 schwarze Kisten mit Lebensmitteln, Überschussware vom Wochenende, warten darauf, in die grünen Kisten der Eschweger Tafel umgeladen zu werden.

Die Supermarkt-Mitarbeiter haben am Montagmorgen schon aussortiert. Verpackte Lebensmittel, deren Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist, Obst und Gemüse, das nicht mehr verkauft werden kann, stehen bereit. „Wir müssen jetzt schauen, was wir in unsere Ausgabe mitnehmen können“, sagt Michi Fernau. Was man keinem mehr anbieten kann, wie verdorbenes Obst oder verwelkter Salat, bleibt gleich an Ort und Stelle. Die Geschäfte haben dafür Abfalltonnen bereitgestellt, in denen die Lebensmittel schweren Herzens entsorgt werden müssen.

Sofort machen sich Michi und Joseph an die Arbeit. In Windeseile sind die ersten Kisten umsortiert. Mit geschultem Blick werden die schlechten Lebensmittel aussortiert, während ich drei mal hinschauen muss, ob etwas den Weg in die Kisten findet oder zurückgelassen wird. Das Meiste wird eingepackt. Was der ersten Kontrolle standgehalten hat, wird im Grünen Weg von den Männern und Frauen in der Ausgabe noch mal streng geprüft, bevor es an die Klienten ausgegeben wird. Wie die Ameisen im Wald verwerten die Abholer der Tafel auf der Laderampe die Lebensmittel. Damit nehmen sie auch den Händlern Arbeit ab. „Die Rampe verlassen wir immer picobello“, sagt Michael Fernau. „Das ist unser Markenzeichen.“

Die schweren Kisten – jede wiegt fast 15 Kilo – trägt Joseph Salloum in den Sprinter. Seit 2015 ist der Syrer mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern (15 und 13) in Deutschland. In seiner Heimat arbeitete er als Automechaniker. In Deutschland ist er halbe Tage bei der Tafel angestellt. „Er ist ein Glücksfall“, sagt der Vorsitzende der Eschwege Tafel, Hans Liese. Leute wie Joseph bräuchte er mehr, die Finanzierung ist aber schwierig. Deswegen sucht die Tafel jetzt verstärkt Kraftfahrer und Mitfahrer, die zusätzliche Touren übernehmen können. Denn die Tafel könnte noch mehr Lebensmittel einsammeln. „Die Spendenbereitschaft ist inzwischen enorm“, sagt Liese. Was fehlt, sind Helfer.

36 Ehrenamtliche versorgen 440 Bedürftige

Seit 1998 existiert die Tafel in Eschwege. Gegründet wurde sie im Stadtteilladen auf dem Heuberg. 2000 zog sie in die Hospitalstraße, 2011 in die Hindenlangstraße, vor einem Jahr in die Mauerstraße. 38 Ehrenamtliche sorgen für den reibungslosen Ablauf. Mehr als 25 Unternehmen spenden regelmäßig. 200 Abholer sind bei der Eschweger Tafel registriert. Insgesamt werden derzeit rund 440 Personen versorgt, darunter 170 Kinder. Ein Viertel der Kunden sind Rentner – Tendez steigend. Durch die steigende Inflation sind häufiger Menschen mit kleinen und mittleren Renten betroffen. Etwa 60 Kunden kommen pro Ausgabetag, um die Waren abzuholen. Jeder Einkauf hat einen Wert von rund 30 Euro.

Zwei Teilzeitkräfte und 36 Ehrenamtliche stemmen die Arbeit an fünf Tagen in der Woche. Neben den Abholern, den Sortierern und den Ausgebern muss die Verwaltung des Vereins erledigt werden. Viel Bürokratie ist dazu notwendig. Um diese Arbeiten kümmert sich der Vorstand. „Auch hier könnten wir Unterstützung und Verjüngung gebrauchen“, sagt Vorsitzender Hans Liese. ts Foto: julia stüber

Kontakt: Wer bei der Eschweger Tafel mitarbeiten möchte, meldet sich unter 0 56 51/33 80 92 oder info@eschweger-tafel.de. Weitere Informationen unter eschweger-tafel.de

Die ersten 14 Kisten sind verladen, es geht wenige Meter weiter zum Wanfrieder Aldi-Markt. Hier sind es mehr Kisten, dafür sind sie kleiner. Das Spiel beginnt von Neuem. Ware umpacken, begutachten, aussortieren, verladen. Nach einer halben Stunde kommt man schon ins Schwitzen. „Ich brauche eigentlich kein Fitnessstudio mehr“, scherzt Michael Brill, während er eine Kiste weiterschiebt. Nach seinem 70. Geburtstag hat der ehemalige Geschäftsstellenleiter einer Krankenkasse in Eschwege überlegt, was er Sinnvolles in seiner Rente anfangen könnte. Über einen Bekannten ist er zur Tafel gekommen – und geblieben. „Ich fühle mich hier sehr wohl.“ Hier trifft er Gleichgesinnte, die auch noch in seinem Alter sind. Zwischen 65 und 82 Jahren sind die Ehrenamtlichen der Tafel. „Das bedeutet nicht, dass wir nicht auch Jüngere nehmen“, sagt Liese. Die Arbeit steht aber meistens vormittags an, was es für Berufstätige nicht einfach macht.

Nachdem wir weitere Kisten im Tegut- und Lidl-Markt in Eschwege eingeladen haben, ist der Mercedes-Sprinter erst mal voll. Das Auto wurde vor anderthalb Jahren vom Eschweger Autohaus Schäfer übergeben. Mercedes hat die Hälfte des Listenpreises übernommen, Sponsoren wie der Rotary Club Eschwege und der Lions-Club Eschwege-Werratal haben Geld dazugegeben. Seitdem sind Joseph und seine Kollegen 28 000 Kilometer gefahren.

Die Produkte werden drei mal pro Woche an die Klienten ausgegeben.
Die Produkte werden dreimal pro Woche an die Klienten ausgegeben. © Stück, Tobias

Jetzt geht es zurück in die Warenausgabe im Grünen Weg. Die Lebensmittel werden von den Ausgeberinnen und fleißigen Helfern im Hintergrund begutachtet. Sie müssen jetzt zügig sortieren und einräumen. Am Nachmittag kommen schon die ersten Klienten, die für zwei Euro einen halben Wocheneinkauf erledigen können.

Für Joseph und Michi geht’s noch mal in den Sprinter. Zwei weitere Supermärkte warten noch. Und morgen früh um 8 Uhr beginnt die Arbeit von vorn. (Tobias Stück)

Auch interessant

Kommentare