Eschweges Stadtbahnhof ist zehn Jahre in Betrieb - „Erwartung weit übertroffen“

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Der Eschweger Stadtbahnhof nahm vor genau zehn Jahren seinen Betrieb auf. Der Erfolg gibt es Projekt recht. Die Fahrgastzahlen haben sich seither um 130 Prozent gesteigert. 

Eschwege – Der Stadtbahnhof in Eschwege feiert in diesen Tagen den zehnten Geburtstag seit seiner Wiedereröffnung im Jahr 2009 und hat sich in dieser Zeit zu einem echten Motor der Mobilität in der Region ausgezeichnet. Die Fahrgastzahlen wurden im Vergleich zum Jahr 2008 um rund 130 Prozent gesteigert. Außerdem gewann der Stadtbahnhof internationale Preise für Nutzerfreundlichkeit und Verkehrsplanung. 2013 wurde er als bester kleiner Bahnhof Europas ausgezeichnet.

Fast 25 Jahre war Eschwege ohne Personenverkehr 

Fast ein Vierteljahrhundert mussten die Eschweger auf den Personenverkehr per Zug verzichten. Im Mai 1985 fuhr hier der letzte Zug; erst am 12. Dezember 2009 wurde die Strecke auf Betreiben des damaligen Bürgermeisters Jürgen Zick wieder in Betrieb genommen. Mehr noch: Eschwege bekam ein moderne Bahnhofsgebäude mit angegliedertem Busbahnhof, der die Fahrgäste in den gesamten Landkreis verteilt.

400.000 Menschen nutzen den Bahnhof jedes Jahr 

Das Engagement kann sich sehen lassen. Regelmäßig erhöhen sich die Fahrgastzahlen. Während an der Vorgänger-Haltestelle Eschwege-West in Niederhone 2008 gut 500 Fahrgäste gezählt wurden, schaffte es der Eschweger Stadtbahnhof gleich im ersten Jahr, die Zahlen zu verdoppeln. Inzwischen steigen hier pro Jahr über 400.000 Menschen ein und aus. Insbesondere für Pendler ist der Bahnhof mit angrenzenden kostenlosen Parkplätzen interessant.

Stadtbahnhof hat gesamtes Viertel aufgewertet 

Der Neubau des Stadtbahnhofs hat indes eine Sogwirkung im Umfeld ausgelöst. „Es wurde nicht nur eine Industriebrache beseitigt, hier entsteht ein neues Viertel“, sagt Eschweges Bürgermeister Alexander Heppe. Die Verbindung zur Innenstadt, die Friedrich-Wilhelm-Straße, wurde durch Stadtumbaumittel umgestaltet. In der Folge wurden hier 87 Wohungen renoviert. Direkt gegenüber wird gerade der Werraufer-Park fertiggestellt. Über 50 Neubauwohungen, Büros und Geschäfte wurden für über 20 Millionen Euro durch einen privaten Investor gebaut. In näherer Umgebung entstehen gerade das Ärztezentrum und eine Kita. „Der Stadtbahnhof hat die Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern weit übertroffen“, sagt Jürgen Zick in der Rückschau. 

Verbindungen nach Kassel, Göttingen und Fulda

Der Stadtbahnhof umfasst ein Empfangsgebäude, ein zweigeschossiges Parkhaus sowie einen großen, neuen zentralen Omnibusbahnhof, der gemeinsam mit Gleis 1 einen Kombibahnsteig bildet. Im Personenverkehr wird er von allen Nahverkehrszügen der Cantus Verkehrsgesellschaft zwischen Göttingen und Bebra (RB7) bedient, die teilweise bis nach Fulda fahren. Im Inneren gibt es einen Wartebereich, Toilette, NVV-Center und eine Bäckerei mit Café.

Interview mit dem langjährigen Eschweger Bürgermeister Jürgen Zick: "Eschwege zurück ans Netz bringen"

Vor zehn Jahren wurde Eschweges neuer Stadtbahnhof in Betrieb genommen. In den Jahren davor hat es an Kritikern und Bedenkenträgern gegen das Projekt nicht gemangelt. Doch der Erfolg des kleinen Bahnhofs hat alle Erwartungen erfüllt und übertroffen. Wir sprachen mit Eschweges langjährigem Bürgermeister Jürgen Zick, der den Bau des neuen Eschweger Stadtbahnhofs maßgeblich vorangetrieben hat. 

Herr Zick, fahren Sie mit der Bahn? 

Ich habe eine Bahncard 25 und war gerade mit der Bahn in St.-Mandé, in Hanau und in diesem Jahr auch zweimal in Hannover. Dorthin mit dem Auto zu fahren, wäre unsinnig gewesen. Ich fahre gern mit dem Zug. 

Sie gelten so ein bisschen als der Vater des Eschweger Stadtbahnhofs. 

Der Erfolg hat viele Väter. Die Stadt, der Kreis, das Land, die Hessische Landesbahn und der NVV haben bei dem Projekt eng zusammengearbeitet. Aber im öffentlichen Diskurs musste ich mir viel anhören und aushalten. 

Was zum Beispiel? 

Ein Stadtverordneter hat zum Beispiel noch wenige Monate vor Eröffnung den Bahnhof eine Fehlinvestition und ein Millionengrab genannt. Nach seiner Meinung hätte man für das Geld jeden Eschweger mit dem Helikopter nach Eschwege-West fliegen und zudem noch den dortigen Haltpunkt ausbauen können. Es hat also an Skeptikern und Bedenkenträgern wahrlich nicht gefehlt. 

Was hat Sie gegen alle Widerstände so überzeugt, dass der Bau des Stadtbahnhofs die richtige Entscheidung ist? 

Als 1985 der Personenverkehr der Bahn nach Eschwege eingestellt wurde, war das Geschrei groß. Ich wollte mich nicht damit abfinden, dass die Kreisstadt abgehängt wurde. Der Haltepunkt Eschwege-West war nicht zeitgemäß und völlig unattraktiv. Verkehrsinfrastruktur zu schaffen ist ein entscheidender Standortfaktor in einer Zeit, in der der Mobilitätsgedanke an Bedeutung gewinnt. Wir mussten Eschwege wieder ans Netz bringen. 

Wer hat Ihre Vision unterstützt? 

Mit dem damaligen Geschäftsführer des NVV in Kassel hatten wir eine starke Kraft. Aber auch in den städtischen Gremien gab es über alle Fraktionen hinweg eine breite Mehrheit. Bei diesem zukunftsweisenden Projekt wären wir unserer Verantwortung nicht gerecht geworden, wenn wir diese Chance verstolpert hätten. 

Die Stadt hat den Bahnhof mit mehr als drei Millionen Euro mitfinanziert. War Ihnen nicht manchmal mulmig? 

Wenn man von etwas überzeugt ist, muss man den Weg auch gehen. Keiner wusste mit Sicherheit, ob das funktionieren würde. Es war ein Wagnis. Aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Und bis heute hat der Stadtbahnhof die Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern weit übertroffen. 

Die Gegend um den Stadtbahnhof hat sich in den vergangenen zehn Jahren sehr verändert. 

Ja, der Bahnhof ist eine Mobilitätsdrehscheibe für alle Verkehrsteilnehmer, also für Bahnfahrer, Busnutzer, Pendler und Radfahrer geworden. Der Busbahnhof ist integriert, es gibt einen Taxistand, Carsharing-Fahrzeuge und Park-and-Ride-Parkplätze. So war er auch konzipiert. Das Bahnhofsviertel hat einen deutlichen Entwicklungsimpuls erlebt und an Attraktivität gewonnen. Das sieht man heute zum Beispiel an den neuen Wohnungsbauprojekten, dem Ärztehaus und der geplanten Kindertagesstätte. Und es wird noch viel mehr passieren. 

Der Eschweger Stadtbahnhof ist bisher mit drei innovationsorientierten Preisen ausgezeichnet worden. 

Ja. 2013 wurde er mit dem European Rail Award als bester kleiner europäischer Bahnhof ausgezeichnet. 2014 folgte der deutsche Verkehrsplanungspreis und in Wien die nächste internationale Ehrung. Der dort vergebene VCÖ-Mobilitätspreis ist Österreichs größter Wettbewerb für nachhaltige Mobilität. Eschwege konnte sich damals gegen weitere 340 Mitbewerber durchsetzen. Die Eschweger dürfen sich freuen und auch stolz auf ihren Bahnhof sein.

Wie erlebten Sie die Eröffnung des Stadtbahnhofes am 12. Dezember 2009? 

Wir sind in Niederhone in den Cantus eingestiegen, der Zug war geschmückt und brechend voll. Und dann sind wird nach Eschwege in den neuen Bahnhof eingefahren. Es herrschte Volksfeststimmung. Für mich war das ein sehr glücklicher Moment.

Zur Person: 

Jürgen Zick ist Jurist und war 24 Jahre lang, von 1985 bis 2009, Bürgermeister der Stadt Eschwege. Er wurde in Hannover geboren und ist in Eschwege aufgewachsen. Jura studierte Zick in Göttingen, später war er Leiter der Rechtsabteilung beim Landkreis unter Landrat Eitel Höhne. Jürgen Zick ist Vater von drei erwachsenen Kindern und verwitwet. Mit Beginn seiner Amtszeit 1985 als Bürgermeister wurde in Eschwege der Personenzugverkehr eingestellt, der neue Stadtbahnhof ging zwölf Tage nach seinem Ausscheiden aus dem Amt in Betrieb. 

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