Interne Meinungsverschiedenheiten

Stadtparlament: Petra Strauß und Jörg Heinz haben ihre Mandate abgegeben

Setzen sich seit Jahrzehnten für ihre Heimatstadt ein: Jörg Heinz und Petra Strauß haben sich jetzt nach 20 bzw. 16 Jahren aus der Stadtverordnetenversammlung Eschwege freiwillig verabschiedet.
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Setzen sich seit Jahrzehnten für ihre Heimatstadt ein: Jörg Heinz und Petra Strauß haben sich jetzt nach 20 bzw. 16 Jahren aus der Stadtverordnetenversammlung Eschwege freiwillig verabschiedet.

Petra Strauß und Jörg Heinz hatten nach der Kommunalwahl Ende März ihr Mandat in Eschwege zurückgegeben. 16 bzw. 20 Jahre hatten sie die Geschicke der Stadt mitbestimmt.

Eschwege – Als sich vor einer Woche die Stadtverordnetenversammlung für die neue Wahlperiode das erste Mal zusammengesetzt hat, fiel auf, dass zwei bekannte Gesichter in Reihen der SPD-Fraktion fehlten. Der Abgang kam überraschend.

Der Rücktritt aus der SPD-Fraktion

Amtsmüde seien beide nicht gewesen, betonen sie im Gespräch mit unserer Zeitung. Nicht umsonst hätten sie sich vor der Wahl auf den aussichtsreichen Listenplätzen zwei und acht aufstellen lassen. Petra Strauß spricht von einer Ehre, so gut platziert worden zu sein. „Wir hatten die Plätze nicht, um Wählerstimmen zu fangen.“ Innerhalb der Fraktion seien aber interne Dinge vorgefallen, die sie so nicht akzeptieren konnten. „Wir haben die gleiche Entwicklung erkannt, die wir so nicht mittragen konnten“, begründet Jörg Heinz den Entschluss, den beide unabhängig voneinander getroffen hatten. Heinz wird der Fraktion weiter beratend zur Seite stehen und sich im Ortsverein einbringen.

Gemeinsame Erfolge für ihre Heimatstadt

Wenn beide auf die Arbeit im Stadtparlament zurückblicken, denken sie an die Weiterentwicklungen ihrer Heimat, für die sie gestritten haben. Den Stadtbahnhof haben sie gegen viele Widerstände durchgesetzt, den Marktplatz umgestaltet, Eschwege zu einer familienfreundlichen Stadt auditiert, „Bunt statt Braun“ ins Leben gerufen, städtische Wohnungen gesichert und sich für den Erhalt und Umbau der Stadthalle eingesetzt.

Klimaschützerin Petra Strauß

Petra Strauß hatte sich im Laufe ihrer Zeit als Abgeordnete den Kampf für den Klimaschutz auf die Fahnen geschrieben. Nachdem sie sich zunächst für Familienpolitik engagiert hatte und auch Vorsitzende des Tourismuszweckverbands war, setzte sie sich für den Umbau Eschweges zu einer klimaneutralen Stadt ein. „In den vergangenen zehn Jahren waren die Fortschritte aber gering“, sagt sie rückblickend. Noch immer hält sie die Anstellung eines Klimamanagers, der die Initiativen der Stadt bündelt und lenkt, für unbedingt notwendig. „Als klimaneutrale Stadt hätten wir ein Alleinstellungsmerkmal, das guter Grund für Zuzug sein könnte“, sagt sie.

Zur Person Petra Strauß

Petra Strauß (67) ist von Beruf Hotelfachfrau und Steuergehilfin. Seit 2006 saß sie in der Stadtverordnetenversammlung. Zuletzt war sie auch stellvertretende Stadtverordnetenvorsteherin. Sie saß zehn Jahre im Aufsichtsrat der Projektentwicklungsgesellschaft und war Mitglied im Umweltausschuss sowie stellvertretende Vorsitzende im Ausschuss für Soziales und Kultur. Seit 2016 ist sie Vorsitzende des Fördervereins für den Botanischen Garten in Eschwege. Petra Strauß ist verheiratet, Mutter von drei Kindern und Großmutter von zwei Enkelkindern. ts

Finanzexperte Jörg Heinz

Jörg Heinz war in der Fraktion der Experte für die kommunalen Finanzen. „Sie sind die Grundlagen allen politischen Handelns“, erklärt er, warum ihm das Thema in der Vergangenheit so wichtig war. In seinen fünf Jahren als Vorsitzender des Finanzausschusses hatte er zusammen mit Stadtkämmerer Reiner Brill das Augenmerk auf die Konsolidierung der Finanzen gelegt. Momentan bemängelt er, dass trotz vorhandener Finanzmittel zu wenig investiert werde. Geld aus Fördertöpfen sei bereits vorhanden. „Das Geld liegt auf der Bank und inzwischen müssen wir dafür Strafzinsen zahlen“, erklärt er das Problem. Eschwege beteilige sich an zu vielen Projekten und Programmen. „In der Stadtverwaltung haben wir aber nicht die Manpower, um alles abzuarbeiten und anzugehen.“ Weil auch die Fördermittel Co-finanziert werden müssten und die Stadt eine hohe Eigenbeteiligung über Kredite vorhalte, befürchtet er Steuererhöhungen, die eigentlich nicht sein müssten.

Zur Person Jörg Heinz

Jörg Heinz (60) arbeitet als Oberstudienrat an der Friedrich-Wilhelm-Schule und dem Oberstufengymnasium. Seit 32 Jahren ist er Mitglied in der SPD, war Juso-Vorsitzender und führte den Ortsverein Eschwege. 2015 war er Bürgermeisterkandidat der SPD und unterlag Amtsinhaber Alexander Heppe. 2001 wurde er erstmals in die Stadtverordnetenversammlung gewählt. Jeweils 20 Jahre war er Mitglied im Haupt- und Kulturausschuss sowie im Finanzausschuss der Stadt Eschwege. Jörg Heinz ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. ts

Umgang mit Kritik

Nach mehreren Jahrzehnten in der Politik sei ihnen ein dickes Fell gewachsen, sagen beide. „So lange die Kritik und die politischen Dispute sachlich bleiben, habe ich kein Problem damit“, sagt Heinz, der sich am Rednerpult zahlreiche Verbalduelle mit seinen politischen Gegnern geliefert hat. „Natürlich muss man auch ein bisschen streitsüchtig sein – im positiven Sinne“, sagt Petra Strauß. Im Privatleben umgibt sie sich nicht mit Kommunalpolitikern, um dann nicht auch noch Berührungspunkte zu haben.

Erkenntnisse im Rückblick

Als Bürgermeisterkandidat ging bei Jörg Heinz die Kritik ins Private. „Da hatte sich schon Zettel an meinem Auto in der Garage kleben.“ In dieser Zeit ist beim Haustür-Wahlkampf im besonderen Maße mit den Menschen ins Gespräch gekommen. „Da habe ich viel mitgenommen.“ Mehr Dialog mit den Bürgern wünschen sich beide ehemalige Abgeordnete. „Manchmal lebt man in der politischen Arbeit in einer Blase“, sagt Petra Strauß. (Tobias Stück)

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