Bundestagskandidaten im Porträt

„Bei uns ist etwas entgleist“: Stefan Wild aus Rotenburg kandidiert für die AfD 

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Lesen ist sein Hobby: Vor allem Sachbücher stehen beim Bundestagskandidaten der AfD, Stefan Wild, hoch im Kurs. Unser Foto entstand auf der Terrasse seines Hauses.  

Rotenburg. Exzentrisch ist Stefan Wild nicht. Lesen sei sein Hobby, sagt er auf die Anfrage bei welcher Freizeitbeschäftigung wir ihn begleiten können. Also findet das Treffen auf der heimischen Terrasse statt, wo der Bundestagskandidat der AfD seine Lieblingswerke zum Besten gibt.

Thilo Sarrazin gehöre dazu, zuletzt Daniel Specks „Bella Germania“. Vor allem lese er aber politische Sachbücher.

Das merkt man im Gespräch: Der 57-Jährige kennt sich aus, macht sich Gedanken. Allein über die an sich selbst gestellte Frage, wo seine Heimat sei, kann er minutenlang laut nachdenken. Eine Antwort findet er nicht.

Obwohl seine Mutter aus Remsfeld bei Homberg stammt, kommt Wild in Tettnang am Bodensee zur Welt und verlässt den Süden Deutschlands auch lange Zeit nicht. Er studiert Medizin in Ulm und absolviert seinen Zivildienst in Konstanz. Die medizinische Karriere, sie ist ihm in die Wiege gelegt. Dennoch sei sein Vater, ein Vertriebener aus dem Sudetenland, ein eher subtiles Vorbild gewesen. „Er hat das zwar nicht so gesagt, aber ich glaube, er hat es sich schon gewünscht“, sagt Wild.

Erst Ende der 80er-Jahre kommt Wild nach Melsungen, arbeitet zunächst in der Chirurgie, wechselt ein paar Jahre später ans Herz- und Kreislaufzentrum in Rotenburg. Zu dieser Zeit wird er auch politisch aktiv, ist Mitglied bei der FDP. Dort habe ihn das Zusammenspiel von Freiheit und Verantwortung fasziniert, sagt er. Liberale Elemente sind ihm auch heute noch wichtig, er sieht sie auch in der AfD, der er 2015 beitritt.

Zwei Ereignisse hätten ihn zu dem Schritt bewegt: die Zahlungen an südeuropäische Länder während der Wirtschaftskrise und die Flüchtlingswelle der vergangenen Jahre. „Ich hatte das Gefühl, in Deutschland entgleist etwas und keiner macht was“, begründet er seinen Schritt. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs habe sich das Land stets weiterentwickelt. „Nur jetzt sind wir wieder etwas abgesackt“, sagt er.

In seinem privaten Umfeld sei die Entscheidung, sich der AfD anzuschließen auf wenig Verständnis gestoßen. Auch seine Frau und Kinder seien eher skeptisch. „Dabei möchte ich auf Entwicklungen aufmerksam machen und nicht hetzen“, sagt er. Deutschtümelei und Germanenkult sei nicht seins.

Stefan Wild denkt groß. Fragt man ihn nach seiner Motivation, für den Bundestag zu kandidieren, fallen schnell die Begriffe Energiewende, Europa und Islamisierung. Lokale Themen hat er auch, doch die kommen zögerlich. Gesundheitliche Versorgung zum Beispiel. Oder Schulpolitik. „Ich frage mich: Was wird aus dieser Gegend? Wir müssen uns doch weiterentwickeln und zur Marke werden“, sagt er. Zu wenige junge Menschen, die die Region zum Studieren verlassen, kämen wieder zurück.

Dem müsse man entgegenwirken. Als Reaktion auf den demografischen Wandel müsse man Dörfer bewusst so zurückbauen, dass sie lebenswert bleiben. Er macht keinen Hehl daraus, dass sich seine Partei kommunalpolitisch noch in einer Lernphase befinde. „Das ist nicht gerade einfach“, sagt Wild. Er wird sich seine Gedanken gemacht haben.

Stefan Wild (57) stammt aus Tettnang am Bodensee. Nach einem Medizinstudium in Ulm arbeitete er in Melsungen, eher er Anfang der 90er-Jahre ans HKZ in Rotenburg wechselte. Einen Facharzt hat er nie gemacht. Heute ist er im Medizin-Controlling des Krankenhauses tätig. Patientenversorgung macht er nicht mehr. In seiner Freizeit widmet sich Wild der Literatur und Musik, spielt in einer Rotenburger Guggengruppe Trompete. Er lebt mit seiner Frau in der Nachbarschaft des HKZ. Das Paar hat zwei erwachsene Kinder.

Wilds Ziele für die Region

· Region gezielt zu einer eigenen Marke weiterentwickeln 

· Anreize schaffen, um junge Menschen in der Region zu halten 

· Ärztliche Versorgung sicherstellen 

· Dörfer lebenswert halten, gegebenenfalls gezielt zurückbauen Weitere Informationen:www.afd-hersfeld-rotenburg.de

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