Gemeinsamer Auftrag von Werra-Meißner-Kreis und Stadt Göttingen

Suedlink: Gutachten wirft Tennet einseitige Trassenprüfung vor

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Viele Kritikpunkte (rot): Zwei Gutachterbüros haben die Begründungen von Tennet für den Trassenverlauf des Suedlinks überpr üft – sowohl die Alternativen 1 (gelb, 69b, 74, 77) und 2 (blau, 70b, 80), die noch im Rennen sind, als auch die jeweiligen Alternativrouten im Westen (weiß, 73, 76) und Osten (weiß, 78).

Neue Munition gegen Südlink haben Vertreter des Werra-Meißner-Kreises und der Stadt Göttingen präsentiert: Sie werfen Tennet eine einseitige Prüfung der möglichen Trassen vor.

Tennet hatte die Trassenpläne im Februar veröffentlicht, davon betroffen sind auch weite Teile des Werra-Meißner-Kreises. Eine Landrat Stefan Reuß, Erster Beigeordneter Dr. Rainer Wallmann und Göttingens Stadtbaurat Thomas Dienberg erklärten, dass Tennet bei der Bewertung der Trassenvarianten 1 (Göttingen und Werra-Meißner-Kreis) und 2 (Thüringen) mit zweierlei Maß gemessen und ähnlich gelagerte Probleme unterschiedlich bewertet haben soll. Das sei das Ergebnis zweier Gutachten. 

Als prägnantes Beispiel nannte Dienberg ein Gebiet bei Bad Langensalza (Unstrut-Hainich-Kreis), wo sich laut Tennet Feldhamster nahe eines Wasserschutzgebiets ansiedeln könnten. Das habe Tennet als Ort mit „sehr hohem Konfliktpotenzial“ bezeichnet. Nur „hohes Konfliktpotenzial“ werde dagegen einer ähnlichen Fläche westlich von Göttingen zugeschrieben, wo sich das Wasserschutzgebiet Gronespring ebenfalls als Lebensraum für Feldhamster eignet. An keiner der beiden Stellen seien die Tiere bislang nachgewiesen, betonte Wallmann. Die Kombination sei deshalb so unglücklich, weil Wasserschutzgebiete nicht für die Trasse unterbohrt werden dürften, in Feldhamsterlebensräumen aber auch keine Kabel in Gräben verlegt werden dürften.

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Man hätte starke Zweifel an Tennets Begründung des Trassenkorridorvergleichs gehabt, vor allem beim Gewässerschutz, so Reuß. Daher habe man die Fachbüros Oecos (Hamburg) und Geonik (Kassel) mit einer ergebnisoffenen Prüfung beauftragt. Die Kosten von insgesamt 20 000 Euro teilen sich der Werra-Meißner-Kreis (70 Prozent wegen des längeren Trassenanteils) und die Stadt Göttingen (30 Prozent). 

Die Bedenken des Kreises seien vom Gutachten bestätigt worden, so Wallmann. Laut der Gutachter habe Tennet die „fast durchgängige hohe bis sehr hohe Konfliktintensität bei den Schutzgütern Tiere und Pflanzen auf einer Strecke von fast 60 Kilometern“ im Werratal nicht ausreichend berücksichtigt.  

Diese Beispiele für unzureichend berücksichtigte Konfliktpunkte wurden im Pressegespräch vorgestellt:

Querung ICE-Trasse

Bei Groß Ellershausen (Göttingen) müsste der Suedlink die ICE-Trasse unterqueren. Nicht berücksichtigt worden sei, dass auch das 380-KV-Erdkabel Wahle-Mecklar, eine Gashochdruckleitung, ein Bach, die A 7 sowie eine Kreis- und eine Landstraße gequert werden müssten.

Schürzeberg/Berkatal

Nahe des Schürzebergs bei Oberrieden sind das Eisenbahnviadukt, sowie mehrere Forst-Vorranggebiete und ein Steilhang mögliche Hindernisse für den Suedlink. Ähnlich sieht die geologische Lage im Berkatal aus. Eine Bohrung sei in beiden Fällen kaum vermeidbar, sagte Gerhard Müller-Lang, Leiter der Unteren Naturschutzbehörde beim Werra-Meißner-Kreis. Tennet habe die Notwendigkeit aber nicht thematisiert.

Schweinsbachtal

Südlich von Abterode baut eine Firma im Schweinsbachtal seit einiger Zeit Kalk ab – Tennet habe nur den veralteten Stand als geplantes „Vorranggebiet für Rohstoffabbau“ erwähnt. Auch die Auswirkungen der Sprengungen für den Kalkabbau seien nicht thematisiert worden.

Ringgau-Netra

Im Ringgau gibt es laut Müller-Lang gleich zwei Probleme: Zum einen würde ein Engpass am geplanten Gewerbegebiet zwischen den Ortsteilen Röhrda und Netra nicht ausreichend beachtet. Zum anderen gibt es laut der aktuellen Planung zwischen Netra und dem angrenzenden Wasserschutzgebiet nur einen 60 Meter breiten Korridor für die Trasse. „Das Erdkabel würde direkt an den Gärten entlanglaufen“, so Müller-Lang. Für Tennet sei das aber kein Konfliktpunkt.

An Ostermontag hatte es in Herleshausen und Lauchröden eine länderübergreiefende Großdemo gegen Südlink gegeben: Zusammen gegen Südlink: Tausende beteiligen sich an Demonstration

Hetjershausen

Nach aktueller Planung soll die Trasse durch einen 160 Meter breiten Engpass zwischen dem westlichen Göttinger Ortsteil Hetjershausen und dem Baugebiet Hasenwinkel verlaufen – laut Dienberg liegt die erlaubte Grenze für einen Engpass bei 150 Metern. Falls der Suedlink westlich an Hetjershausen vorbeilaufe, sei zudem ein Neubaugebiet in Gefahr, das gerade entwickelt wird. Fünf bis sechs der bislang 30 Käufer wollten ihre Grundstücke zurückgeben, weil dort der Suedlink verlaufen soll. Immissionschutzrechtlich sei der Verlauf zwar zulässig, so Dienberg. Aber man müsse auch jenseits von Grenzwerten dafür sorgen, dass die Trasse bei den Bürgern akzeptiert werde. Er fürchtet, dass den Baugrundstücken nun ein Makel anhafte.

Es sei klar, dass es bei einem so großen Trassenprojekt zu Pauschalisierungen komme. Dadurch steige aber die Gefahr von Fehlinterpretationen, bilanzierten die Vertreter von Werra-Meißner-Kreis und Stadt Göttingen im Pressegespräch. Gerade kritische Stellen müssten viel detaillierter geprüft werden, bevor man einer der beiden Trassen (Göttingen/Werra-Meißner oder Thüringen) den Vorzug gebe.  

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Das sagen Tennet und TransnetBW

"Die fachliche Einschätzung des Werra-Meißner-Kreises und der Stadt Göttingen liegt uns nicht vor, daher können wir dazu nichts sagen“, sagt Sprecherin Ulrike Hörchens auf Anfrage für Tennet und Transnet BW. „Unser Vorschlag für den Erdkabelkorridor ist aus detaillierten Untersuchungen der Korridorvarianten entstanden.“ Die Bundesnetzagentur prüfe den Tennet-Vorschlag, Alternativen und Stellungnahmen Betroffener und lege dann den genauen Verlauf des Korridors fest.

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