Folge "Im Schmerz geboren"

"Tatort"-Kritik: Anstrengend, aber absolut sehenswert

Der jüngste "Tatort" mit Ulrich Tukur war als der blutigste und aufgeladenste aller Zeiten angekündigt worden. Aber wie war er denn nun tatsächlich? Eine TV-Kritik von Bettina Fraschke aus der HNA-Kulturredaktion.

Wie war denn nun der "Tatort"?

Total nervig.

Aber: auch echt spannend.

Überladen bis zum Geht-nicht-mehr.

Aber: Es machte richtig Spaß, sich auf die Anspielungs-Rätsel einzulassen.

Der gestrige "Tatort: Im Schmerz geboren" polarisiert. Und beide Pole des Meinungsspektrums treffen zu. Ja, es war anstrengend. Aber es war eben auch toll. Es war schön, dass das Fernsehen sich so was getraut hat. Mal. Einmal. Jede Woche muss man diesen manirierten Kram nun wirklich nicht sehen.

Aber die Szene, wo Ulrich Matthes als Richard Harloff auf dem Hof stand, auf dem Dach der Scharfschütze mit dem Gewehr im Anschlag. Und Harloff spielte mit dem Lichtpunkt der Waffe zärtlich wie mit einer Flaumfeder - bis er ihn auf die Brust des Gangsters Bosco wandern und ihn dann abknallen ließ. Das war eine großartige Sequenz. Thrillerartig spannend in ihrer Unausweichlichkeit und poetisch zugleich. Als ein Beispiel von vielen.

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Die Frage ist, was geblieben wäre, wenn der ganze formale Schnickschnack, der ganze Stil-Firlefanz mit all den Bildungsbürger-Anspielungen auf Theaterstücke und Filme nicht in dem Film von Michael Proehl (Buch) und Florian Schwarz (Regie) drin gewesen wären. Wäre die Geschichte dann noch groß genug, tragend?

Es bliebe ein Krimi über die nagende Rache. Über einen Mann, der über Jahrzehnte seinen Hass so in sich wachsen ließ, dass irgendwann der Moment kommen musste, wo er zuzuschlagen hatte. Der sich dafür ein perfides Spiel ausdachte, in dem er seinen Kontrahenten dazu zwang, sich schuldig und komplett machtlos zu fühlen.

Ja, sie wäre auch als solche tragend. Insofern war der ganze Form-Klimbim vor allem schmückender Zierrat. Das Gute war aber, dass der Film auf mehreren Ebenen funktionierte. Man konnte sich auf der formalen Ebene mit Hamlet, Shylock, Nabucco, Jules und Jim beschäftigen. Musste es aber nicht.

Allerdings drängte sich ein Verdacht auf: dass wir es hier mit einem Produkt zu tun haben, das für den Second Screen gestaltet worden ist. Für die Leute also, die auf Twitter und sonstwo im Ausstrahlungsverlauf des "Tatorts" kontinuierlich kommentieren, ihre Meinung äußern wollen, wie es immer mehr Leute Sonntag für Sonntag tun. Denen bot diese "Tatort"-Folge natürlich den perfekten Stoff, minütlich neues Rätselfutter. Und dazu muss man sagen: Liebe Fernsehmacher, bitte lasst die Kirche im Dorf, macht euren Sonntagskrimi nicht zum Futter für den Second Screen. Dann wird in Zukunft nämlich schnell aus einem künstlerischen ein stromlinienförmig angepasstes Produkt.

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