BLICKPUNKT WERRA-MEISSNER Eschweger Firma Thalheim rüstet 1981 Forschungsschiff aus

Herz des Forschungsschiffs  „Polarstern“ kommt aus Eschwege

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Das deutsche Forschungsschiff Polarstern in der zentralen Arktis: Vor einer Woche ist der Forschungseisbrecher zur größten Arktis-Expedition unserer Zeit ausgelaufen.  Das Bild stammt aus der Sommer-Expedition 2015 in die Arktis.

In dem Antarktis-Forschungsschiff Polarstern, das jetzt zur größten Expeditions ins Eis aller Zeiten aufgebrochen ist, wurde Technik aus Eschwege verbaut. 

Eschwege. Diegrößte Arktis-Expedition unserer Zeit ist am Freitag voriger Woche gestartet. Der deutsche Forschungseisbrecher„Polarstern“ ist mit zahlreichen internationalen Forschern an Bord ausgelaufen, um sich für ein Jahr im winterlichen Polareis einfrieren zu lassen. An Bord befindet sich aber außerdem Technik aus Eschwege, ohne die an Bord der Polarstern nichts ginge.

Gerät muss wartungsfrei von -45 bis +80 Grad Celsius funktioneren

Das Gerät sollte nicht nur äußerst robust sein, es sollte wartungsfrei und toleranzfrei bei Temperaturschwankungen zwischen minus 45 Grad Celsius bis plus 80 Grad Celsius arbeiten. Die Anfrage, ob sie sich imstande sähen, ein solches Gerät zu bauen, erreichte die Eschweger Firma Thalheim-Tachometerbau 1975 von AEG: Die war Ausrüster für die Motoren des Forschungsschiffes „Polarstern“, mit deren Bau damals in Kiel begonnen wurde – die AEG war einer der Hauptkunden der Eschweger Firma.

Drei Wochen dauert Entwicklung des Prototypen

Ein Tachogenerator der Firma Thalheim-Tachometerbau aus Eschwege. 

„Das war für uns eine gewaltige Herausforderung“, erinnert sich Dr. Klaus Thalheim, Gründer und Chefentwickler des Unternehmens, heute. Mit seinen beiden Elektromechanikern Hans-Joachim Sterzing und Herbert Quade macht er sich sofort ans Werk. „Wir haben angefangen zu simulieren und zu fantasieren, die mechanische Abteilung unter Leitung von Helmut Weidenbach hat unsere Ideen umgesetzt.“

Innerhalb von drei Wochen war der Prototyp des Tachogenerators für die Polarstern fertig. „Unsere Stärke war immer unsere Schnelligkeit“, sagt der heute 82-jährige Thalheim, der sein Unternehmen vor knapp 20 Jahren verkauft und sich zur Ruhe gesetzt hat.

Als 1982 die Polarstern in Dienst genommen wird, werden sämtliche Hilfsmotoren und -aggregate von Tachogeneratoren der Firma Thalheim-Tachometerbau aus Eschwege betrieben. „Sie sind das Herzstück der Motorensteuerung des Schiffes“, sagt Thalheim stolz.

„Ich war überrascht, als ich jetzt in der Zeitung las, dass es die Polarstern immer noch gibt“, sagt Thalheim. „Aber unsere Geräte scheinen wie geplant seit 38 Jahren bis heute wartungsfrei zu laufen.“ Zurückgelegt hat die Polarstern seit ihrer Jungfernfahrt bis heute 2,7 Millionen Kilometer. 1991 war die Polarstern der erste Eisbrecher, der den Nordpol erreicht hat. „Bis dahin hatten das nur atomar betriebene Eisbrecher und U-Boote geschafft“, weiß Thalheim.

Die Arktis-Expedition

Wieder ausgelaufen ist der deutsche Forschungseisbrecher Polarstern Ende voriger Woche Richtung Norden zur größten Arktis-Expedition der Geschichte. Ein Team von 600 Menschen vom Wissenschaftler bis zur Krankenschwester lässt sich im Polareis für ein ganzes Jahr einfrieren und mit dem Eis treiben, um wissenschaftliche Daten erstmals aus der Polarnacht und dem winterlichen Eis erheben zu können.

Das Polareis, dessen gewaltige Schollen im Winter bis zu zwei Meter und dicker werden, lösen permanente Erschütterungen und Vibrationen aus, denen die Technik an Bord des Schiffes ebenfalls standhalten muss, erklärt Thalheim.

Seit dem Bau des Tachogenerators für die Polarstern hat das Unternehmen mehr als 200 Schiffe weltweit mit Tachogeneratoren und Messgeräten ausgestattet.

Die Firma Thalheim-Tachometerbau 

Erfinder, Konstrukteur, Unternehmenr: Dr. Klaus Thalheim aus Eschwege (82) stattete mit den Tachogeneratoren seiner Firma Thalheim-Tachometerbau über 200 Schiffe aus, darunter das Forschungsschiff Polarstern, das jetzt auf die große Arktis-Expedition aufgebrochen ist. 

Das UnternehmenThalheim-Tachometerbau, heute Baumer Thalheim, wurde in den 1950er-Jahren von Dr. Klaus Thalheim gegründet – zunächst als Ein-Mann-Unternehmen, das allerdings im Laufe der Jahrzehnte stetig wuchs. Gründer Klaus Thalheim, dessen Vater in Leipzig eine Tachometerfabrik hatte, und den Klaus Thalheim als „genialen Konstrukteur“ beschreibt, legte den Grundstein mit seinem Wissen und Know-how auf dem Gebiet. Die Leipziger Fabrikbesitzer waren enteignet worden, die Familie versuchte einen Neuanfang im Westen. Klaus Thalheim studierte Elektrotechnik und Elektro-Medizin. Er kehrte nach seinem Studium nach Eschwege zurück und startete hier in einem ehemaligen kleinen Frisörgeschäft an der Bismarckstraße. „Wir wollten hier eine Fertigung aufbauen, hatten aber kein Geld“, erzählt er. Von Präwema bekommen sie eine Drehbank, die sie als Lohnunternehmer abarbeiten. Als im Jahr 1957 die Mittel des kleinen Betriebes so knapp sind, dass die Löhne nicht gezahlt werden können, geht Thalheims Mutter zu einem Eschweger Stadtrat und bittet um einen Kredit von 450 Mark. Der wird ihr tatsächlich gewährt, allerdings muss sie als Pfand ihren Wintermantel hinterlegen.

Genialer Retter in der Not: die Sternenlichter

Ein weiterer Coup gelingt Dr. Klaus Thalheim in den 1970er-Jahren, als es der Firma finanziell nicht gut geht. Der Erfinder tüftelt gerade mit dem neuen Werkstoff Glasfaser und überlegt, digitale Messgeräte zu bauen. Doch die damals noch aufwendige und extrem teure Logistik lässt ihn das Projekt abbrechen.

Mit einer Rolle Glasfaser spielt und experimentiert er und entdeckt dabei dessen Eigenschaften beim Lichtfluss. Tritt Licht über die einzelnen Fasern an einem Ende ein, gibt die Faser das Licht erst wieder am anderen Ende frei. Der Effekt ist ein puscheliger Sternenhimmel. Thalheim drechselt Füße, baut Glühlampen ei,n erfindet das Sternenlicht und dazu den Slogan: „Hast du Sternenlicht im Haus, geht die Liebe niemals aus.“ Sämtliche Frankfurter Bordelle reißen ihm die Lampen förmlich aus den Händen, Scheichs statten im großen Stil ihre Harems damit aus. „Damit haben wir so viel Geld verdient, dass wir alle Sorgen los waren.“

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