Tourismus im Werratal: „Es fehlt etwas Spektakuläres“

Viele touristische Attraktionen, aber nichts wirklich Spektakuläres in der Region - dieses Fazit zieht Jutta Riedl, Tourismuschefin für Eschwege. 

Eschwege – Jutta Riedl leitet die Abteilung Freizeit, Tourismus, Marketing der Stadtwerke Eschwege. In der Region um Eschwege erkennt sie zahlreiche touristische Attraktionen. Aber: „In unserer freizeitorientierten Welt mit grandiosen Angeboten fehlt etwas Spektakuläres“, sagt die Touristikfachwirtin.

Was fehlt der Region, um touristisch so richtig durchzustarten?

Die Region, wenn ich einmal das Gebiet auf den Geo-Naturpark Frau Holle Land im Werratal beziehe, ist von der touristischen Infrastruktur her sehr gut aufgestellt, weil wir ja vehement gemeinsam das Ziel verfolgen, den Naturtourismus auszubauen. Es wird stetig an der Verbesserung und Ergänzung gearbeitet. Allerdings gibt es immer noch große Defizite in der zeitgemäßen, innovativen Qualität im Beherbergungsangebot, in der Gastronomie sowie im professionellen Marketing.

Wie kann der Werratalsee als eines der touristischen Highlights noch professioneller vermarktet werden?

Der Werratalsee ist ein attraktiver Baustein im gesamten touristischen Angebot und muss im Kontext mit anderen Angeboten vermarktet werden. Die Infrastruktur am See ist sicher dafür ganz entscheidend. Vor allem sollte das Baden in der kompletten Saison möglich sein, insofern erwarten wir eine Verbesserung durch die Plane im See.

Welche Infrastruktur fehlt rund um das Gewässer für den durchschlagenden Erfolg?

Für die Investitionsfläche am Nordufer gibt es seitens der Wirtschaftsförderung der Stadt erfolgversprechende Bemühungen. Gastronomie, Urlaubswohnen und Freizeitinfrastruktur sind an dieser Stelle zwingend. Meine Präferenz liegt im Freizeitbereich immer noch bei einer Wakeboardanlage, um junges Publikum anzuziehen. Außerdem fehlt ein Bootsverleih mit witzigen Tretbooten, Stand-Up-Paddling und so weiter. Eine Adventure-Golfanlage sowie Rutschen in den See wären weitere Attraktionen (gutes Beispiel ist der Xantener See). Der Fantasie sind da keine Grenzen gesetzt.

Welches sind neben Werra, Meißner und Werratalsee die landschaftlichen Magneten in und rund um Eschwege und was fehlt, um diese Anziehungspunkte für den Tourismus attraktiver zu machen?

Die herrliche Mittelgebirgslandschaft mit Bergen, Burgen, Wald und Wasser ist von jeher der Magnet. Wichtig sind die Highlights wie Open-Flair-Festival und andere Feste sowie Mohn- und Kirschblüte. In Eschwege fehlt ein attraktives ganzjährig geöffnetes zeitgemäßes Mitmachmuseum zum Beispiel in den Speicherhäusern am Mühlgraben. Man könnte durch Zusammenlegung des Stadtmuseums, des Eisenbahnmuseums, des Zinnfigurenkabinetts sowie durch Eröffnung einer neuen attraktiven Abteilung zur Open-Flair-Geschichte gepaart mit Veranstaltungen für Groß und Klein Geschichte, Kunst und Kultur auf besondere Weise erlebbar machen. In unserer freizeitorientierten Welt mit grandiosen Angeboten fehlt außerdem etwas Spektakuläres. Das kann die Seilbahn vom Kletterwald zum Ufer des Werratalsees, ein Skywalk oder eine Hängebrücke von Berg zu Berg, ein Baumhaushotel mit innovativem Wirtshaus und Schmetterlingspark sein.

Sie fordern seit Jahren ein modernes Hotel mit mindestens 50 Zimmern und 100 Betten in Eschwege, um eine Busgruppe unterbringen oder ausreichend Betten für eine Tagung anbieten zu können. Dafür erhalten sie viel Zuspruch von allen Seiten. Woran scheitert es?

Es ist recht schwierig, einen Investor zu finden. Mit einem gezielten, innovativen Standortmarketing und einem interessanten Grundstück oder Objekt auf einem Grundstück wäre es sicher möglich gewesen. Aus dem Grund bin ich immer noch der Meinung, dass es gelingen muss und auch zwingend für Eschwege zur Vermarktung der sanierten Stadthalle ist, auf dem vorhandenen Grundstück ein Gästebettenhaus von einem Investor errichten zu lassen, der dann die komplette Stadthalle professionell betreiben lässt. Auch kann ich mir sehr gut die Stadt als Investor vorstellen. Tourismus ist ein wirtschaftspolitisch entwicklungsfähiger Wirtschaftszweig. Vielleicht klappt es ja nach der Coronakrise irgendwann noch.

Die Eschweger Hotellerie hat Defizite im oberen Segment. Die Unternehmerfamilie Kühnemund baut gerade ein zweites Objekt in dieser Kategorie. Ein Beispiel auch für andere Investoren?

Ich freue mich sehr für Eschwege über diese Investition auf Müllers Weiden an diesem besonderen Standort. Weitere Investitionen in Beherbergungsangebote wären ein Glücksfall für Eschwege. Die Investition muss aber immer mit einem umsetzbaren Marketingkonzept für das Angebot einhergehen. Somit wäre ein „besonderes“ und vermarktungsfähiges Angebot für den Beherbergungsbereich mit Restaurant wünschenswert, gern auch an der Werra.

Wanderer, Randwanderer, Kanuten, die sich nach einem sportlichen Tag am Abend ein wenig Luxus in schönem Ambiente wünschen – ist nicht genau das die Zielgruppe, die gern angesprochen wird?

Der Gästewunsch ist vielfältig, genau wie die Gästeschicht. Nicht nur Wanderer, Radler und Kanuten, sondern auch Gäste, die mit dem Wohnmobil angereist sind oder Hotelgäste fragen in der Tourist-Information oft nach einem schönen Restaurant oder einem Beherbergungsangebot direkt am Wasser. Eine Weinstube oder ein gehobenes Restaurant werden ebenso vermisst. Vielleicht ergibt sich ja in Zukunft etwas, man soll die Hoffnung nie aufgeben.

Welche Urlauber fühlen sich sonst noch besonders wohl in Eschwege?

Eschwege als charmante Kleinstadt in bester Naturlage kann vielfältige Urlaubsinteressen bedienen. Knaus Camping- und Wohnmobilplatz sowie Ferienwohnungen in sehr guter Qualität sprechen Paare genauso wie Familien oder Kleingruppen an. Die Jugendherberge ist für Schulklassen und Gruppen ein gutes Beherbergungsangebot. Tagesgäste, die das Stadterlebnis wünschen, sind unsere Gäste ebenso wie Kurzurlauber, die das Naturerlebnis und das Kleinstadtfeeling lieben. Kurzurlauber und Geschäftsreisende sind eher in der Hotellerie und Gastronomie untergebracht.

Hat das Ausscheiden Meinhards aus dem Tourismuszweckverband Eschwege geschadet?

Es war prinzipiell eine gute Sache, die touristische Infrastruktur in der Region, im sogenannten „Eschweger Becken“, gemeinsam für Eschwege, Meinhard und Wanfried zu entwickeln und zu vermarkten. Es ist wie immer im Leben, alles hat seine Zeit. Deshalb gibt es für Eschwege keinen Schaden.

Welche Auswirkungen hat die Neuorganisation unter der Regie der Stadtwerke?

Strategisch passen wir bestens ins Portfolio. Leider hat uns die Krise ebenso voll erwischt wie das Espada Freizeitbad und den Kletterwald. Die Synergie besteht darin, dass wir uns um das Marketing der Stadtwerke kümmern und die Stadtwerke die Verwaltungsaufgaben für uns übernehmen. Es gibt immer schnelle Entscheidungen. Wir sind dankbar, dass der Bürgermeister, die Gremien der Stadt, der Aufsichtsrat und die Geschäftsleitung der Stadtwerke Eschwege diesen Weg mit uns gegangen sind. Ansonsten sind wir weiterhin die Tourist-Information der Kreisstadt Eschwege, die ja auch den finanziellen Beitrag für unsere hoheitlichen Aufgaben leistet und die Nachhaltigkeit und Ergänzung der touristischen Infrastruktur finanziert.

Wie sehr schadet Corona dem Tourismus in der Region?

Es kommt darauf an, wie lange noch Freizeiteinrichtungen, Einzelhandel, Hotellerie und Gastronomie geschlossen sein müssen beziehungsweise keine touristischen Gäste aufnehmen dürfen. Das kann ich seriös nicht umfänglich beurteilen. Es bleibt zu hoffen, dass das Reisen bald wieder möglich ist und der Verdienstausfall nicht zu Schließungen in unserer Region führt. An dieser Stelle wünsche ich allen Betrieben alles Gute und einen „langen Atem“ und bitte die Einheimischen, die regionalen Betriebe während und nach der Krise zu unterstützen.

Wie geht es mit dem Tourismus nach Corona weiter?

Diese Saison ist eine der schwierigsten Herausforderungen für die komplette Branche. Wir dürfen alle gespannt sein, welche Auswirkungen die Corona-Krise zutage bringt. Letztlich sind ja nicht nur die Fluggesellschaften, die Reisebüros, die Tourist-Informationen, die Hotels und Gastronomen betroffen, sondern auch die Arbeitsplätze im Handel, im Personenverkehr jedweder Art sowie in der Freizeitindustrie, kurzum sind Betriebe des kompletten Wirtschaftskreislaufes gefährdet.

Kann die Region nicht vielleicht sogar Nutzen daraus ziehen, wenn Flug- und Auslandsreisen zunächst nicht möglich sein werden und die Deutschen ihren Urlaub in Deutschland verbringen müssen?

Ich gehe sogar sehr stark davon aus, dass der Inlandsurlaub ein Gewinner dieser Krise sein wird, wenn das Reiseverbot nicht mehr lange anhält. Deutschland ist ein ausnahmslos attraktives Reiseland.

Am Monatsende gehen Sie in Rente. Wohin führt Ihre erste Reise unter der Voraussetzung, dass weltweit sämtliche Ziele offenstehen?

Ich fahre sehr gerne Fahrrad, und somit ist mein erstes Reiseziel die Elbe. Ich bleibe also in Deutschland.

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