Straffreiheit für Gewalttat unter Drogen-und Alkoholeinfluss

29-Jähriger muss in Entzugsklinik

ARCHIV - 29.12.2011, Berlin: Eine goldfarbene Justitia-Figur steht im Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg vor Aktenbergen. Die Berliner Justiz hat im Vorjahr 6,8 Millionen Euro Bußgelder eingenommen. Diese wurden von Gerichten oder der Staatsanwaltschaft für die Einstellung von Verfahren verhängt. (zu "Eingestellte Strafverfahren: Fast sieben Millionen Euro Bußgelder" vom 29.07.2018) Foto: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
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Ein 29-jähriger Mann, der im Dezember vorigen Jahres in Eschwege einen älteren Mann angegriffen und verletzt hatte, wird zwar nicht bestraft, muss aber in eine Entzugsklinik gehen.

Ein 29-jähriger Mann, der im Dezember vorigen Jahres in Eschwege einen älteren Mann angegriffen und verletzt hatte, wird zwar nicht bestraft, muss aber in eine Entzugsklinik gehen. Zum Tatzeitpunkt stand der Mann unter massiven Einfluss von Alkohol und Drogen.

Eschwege/Kassel – Nur wenn er es schafft, dank einer langfristigen Therapie in einer psychiatrischen Einrichtung in Zukunft auf Drogen zu verzichten, wird der 29-jährige aus Eschwege eine Chance haben, etwas aus seinem Leben machen zu können. Davon ist der Vorsitzende Richter der 11. Strafkammer beim Hessischen Landgericht in Kassel überzeugt.

„Ergreifen Sie diese Chance beim Schopfe“, appellierte Dr. Senger am Ende der Verhandlung an den jungen Mann, der am Abend des 1. Dezember vorigen Jahres in der Eschweger Innenstadt nach Überzeugung des Gerichts einen 53-jährigen Mann vom Fahrrad gestoßen, ihn geschlagen und getreten und dabei verletzt hatte. Weil er diese Tat während einer durch Drogen- und Alkoholmix verursachten psychotischen Störung beging, sei er nicht in der Lage gewesen, sein Verhalten bewusst zu steuern. Wegen seiner Schuldunfähigkeit könne das Gericht keine Strafe aussprechen, sondern ordne die Unterbringung in einer Entziehungseinrichtung an, so der Richter in der Erläuterung des Urteils. Da der Angeklagte keine Rechtsmittel einlegen will, ist das Urteil rechtskräftig. Der 29-Jährige wird zur Therapie in die psychiatrische Klinik nach Bad Emstal-Merxhausen überstellt.

Was an dem Dezemberabend passiert war, schilderten der Angeklagte, der Geschädigte sowie mehrere Zeugen, Passanten ebenso wie Polizeibeamte, die er festgenommen hatten. Er habe sich bedroht gefühlt, berichtete der 29-Jährige, als der Radfahrer auf ihn zugefahren sei. Zu dem Zeitpunkt sei er seit Tagen auf Achse gewesen, habe verschiedene Drogen konsumiert und kurz zuvor in einer Kneipe noch einige Biere getrunken. Wie der Geschädigte und Zeugen berichteten, rief der Angeklagte etwas wie „Warum willst du Zombies töten?“ und schlug auf den älteren Mann ein.

Richter Dr. Senger las Eintragungen über Verfahren vor, die 2006 begannen und verschiedene Taten und Strafen von Jugendarrest bis zu einer Haftstrafe beinhalteten. Die Gutachterin, eine Fachärztin für Psychiatrie der Klinik in Merxhausen (Landkreis Kassel), hatte biografische Daten parat: In Nordrhein-Westfalen geboren, kam er bereits mit drei Jahren in ein Kinderheim, weil der Vater in Haft und die Mutter in Behandlung war. Beide Eltern konsumierten erhebliche Mengen Alkohol. Als Grundschüler zog er mit der Mutter nach Eschwege, wurde später wegen Verhaltensauffälligkeiten in der Kinder- und Jugendpsychiatrie Mühlhausen behandelt. Die 7. bis 9. Klasse verbrachte er an der Schlossbergschule in Homberg/Efze, legte den Hauptschulabschluss ab. Damals begann der Drogenkonsum. Ab dem 14. Lebensjahr trank er Alkohol, ab dem 16. Lebensjahr kamen Haschisch, synthetische Drogen, Kokain und Heroin dazu. Diese Mischung führte laut Sachverständiger 2019 zu psychotischen Störungen. Nach weiteren Vorfällen – unter anderem zerstörte er im Frühjahr 2020 Fenster am Krematorium in Eschwege und behauptete, dort würden Säuglinge verbrannt – , wurde er im März in die geschlossene Psychiatrie in Haina (Waldeck-Frankenberg) eingewiesen, wo er bis jetzt war. Seit Mitte Mai wird auf Medikamente verzichtete, der Angeklagte sei frei von psychotischen Störungen. Das wertete sie als Beleg dafür, dass die Ausbrüche durch Drogenmissbrauch verursacht würden. Eine paranoide Schizophrenie liege nicht vor. Staatsanwältin und Verteidiger waren sich einig, dass die Unterbringung im Drogenentzug die richtige Entscheidung sei. Es gebe Erfolgsaussichten, zumal der Angeklagte den Willen zu einer Therapie geäußert habe.  

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