Ratgeber

Was tun bei Wildunfällen und wie sich das Risiko minimieren lässt

Dämmerungsaktiv: Die meisten Unfälle mit Wild passieren abends oder in den frühen Morgenstunden, weil das Wild dann am aktivsten ist. Kollidiert ein Auto mit einem Wildschwein, beträgt das Aufprallgewicht 3,5 Tonnen, etwa das Gewicht eines Nashorns.
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Dämmerungsaktiv: Die meisten Unfälle mit Wild passieren abends oder in den frühen Morgenstunden, weil das Wild dann am aktivsten ist. Kollidiert ein Auto mit einem Wildschwein, beträgt das Aufprallgewicht 3,5 Tonnen, etwa das Gewicht eines Nashorns.

Viel Wald, viel Flur, viel Wild. Beinahe täglich sterben Wildtiere im Straßenverkehr – vom niedlichen Feldhasen bis zum dicken Keiler.

Werra-Meißner – Doch was ist zu tun, wenn es gekracht hat? Wir sprachen mit Dr. Jörg Brauneis vom Eschweger Jagdverein Hubertus.

Was ist der erste Schritt bei einem Wildunfall?

Zu allererst weitere Unfälle verhindern, also Warnblinkanlage anschalten, Warnweste anlegen, dann Unfallstelle sichern und Warndreieck aufstellen. Sollte ein Mensch verletzt sein, muss der Notruf gewählt werden (112), Erste Hilfe leisten.

Was ist mit dem verletzten Wild zu tun?

Zu verletzten, aber noch lebenden Tieren unbedingt Abstand halten. Dies ist ein Gebot des Selbstschutzes, da verletzte Tiere einen sich nähernden Menschen angreifen können. Zudem ist es ein Gebot des Tierschutzes, um dem verletzten Tier weitere Todesangst durch einen sich nähernden Menschen, seinen Todfeind, zu ersparen.

Was tun, wenn das Wild verendet ist?

Tote Tiere niemals ohne Handschuhe anfassen, es besteht Infektionsgefahr. Wenn man Einmalhandschuhe hat, das Tier sicher tot und nicht zu schwer ist, sollte man es an den Straßenrand aus dem Verkehrsraum ziehen, aber nur, wenn das ohne Gefahr durch den fließenden Verkehr möglich ist.

Wer muss informiert werden?

Zuständig ist der Jagdpächter oder das zuständige Forstamt (bei Straßen durch den Wald des Landes Hessen). Da der normale Verkehrsteilnehmer in der Regel nicht weiß, wer der zuständige Jagdpächter ist, sollte die Polizei per Notruf informiert werden, auch unbedingt den Standort melden. Die Polizei weiß immer, wer der zuständige Jäger ist. Sowohl Jagdpächter als auch die Polizei können für die Versicherung eine Wildunfallbescheinigung ausstellen.

Was tun, wenn Wild nur verletzt ist und wegläuft?

Einem geflüchteten Tier niemals folgen, in der Unfallmeldung die Fluchtrichtung mitteilen oder dem Jäger zeigen, evtl. auf der Straße die Stelle markieren, an der der Zusammenprall stattfand. Der Jagdpächter wird eine sogenannte Nachsuche mit einem Schweißhund durchführen oder veranlassen.

In Waldgebieten immer langsam fahren: Bereits ab 100 Stundenkilometern kommt es zum Crash.

An welchen Stellen muss mit wechselndem Wild besonders gerechnet werden?

Die meisten Unfälle passieren in den Abend- und frühen Morgenstunden, also in der Dämmerung, wobei Straßen durch den Wald und Übergangsbereiche zwischen Wald und Feld besondere Gefahrenschwerpunkte darstellen. Hier ist mit regelmäßigem Wildwechsel zu rechnen, da die Tiere zur Äsung vom Wald auf die Felder ziehen und danach wieder den Schutz des Waldes aufsuchen.

Aber auch die Zeitumstellungen im Frühjahr und Herbst führen zu vermehrten Wildunfällen, dass sich etwa der Herbst der Berufsverkehr plötzlich in die Dämmerung, die Hauptaktivitätszeit des Wildes verschiebt. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Brunftzeit der Rehe im Hochsommer, die Rehe sind dann „blind vor Liebe“.

Was tun, wenn ein Zusammenstoß unvermeidbar ist?

Lenkrad festhalten und unkontrollierte Ausweichmanöver vermeiden. Besonders gefährlich sind neue Straßen durch Waldgebiete, da das Wild seine gewohnten Wege nimmt. Und Achtung! Ein Tier kommt selten allein -– Autofahrer sollten stets mit Nachzüglern rechnen. Wenn die Ricke (beim Rehwild), die Leitbache (beim Schwarzwild) oder das Leittier beim Rotwild beschlossen hat, eine Straße zu überqueren, folgen die Kitze, die ganze Rotte oder das ganze Rudel blind, ohne selbst noch einmal zu sichern.

Darf ich als Nichtjäger ein schwer verletztes Tier von seinen Qualen erlösen?

Nein. Ausnahmen könnte es für solche Personen geben, die eine besondere Sachkunde haben, wie zum Beispiel Tierärzte.

Der Crashtest zeigt, wie gewaltig die Wucht des Aufpralls bei einem Wildunfall sein kann.

Darf ich das durch den Unfall verendete Wild mitnehmen?

Nein! Wer Unfallwild mitnimmt, macht sich der Wilderei strafbar. Das Fleisch von Wild, das durch einen Unfall getötet wurde, darf außerdem auf keinen Fall in den Verkehr gebracht werden. Wird bei einem Unfall schwer verletztes Wild vom Jäger erlöst, ist eine Eigenverwertung nach einer Fleischuntersuchung durch einen amtlichen Tierarzt möglich.

Was passiert beziehungsweise welche Strafe droht, wenn ich einfach weiterfahre?

Laut des hessischen Jagdgesetzes ist der Fahrzeugführer ganz besonders zur Anzeige des Unfalls bei der Polizei oder beim Jagdpächter verpflichtet, wenn Schalenwild (Rehe, Wildschweine, Hirsche, Mufflons) verletzt oder getötet wurde. Das ist eine Ordnungswidrigkeit. Darüber hinaus ist es ein Gebot des Tierschutzes, verletztes Wild zu melden.

Welche Strategien gibt es, um Wildunfälle möglichst zu vermeiden?

Häufig werden Wildunfälle im Ausmaß unterschätzt. Ein 20 Kilogramm schweres Reh besitzt bei einer Kollision mit Tempo 100 ein Aufschlaggewicht von fast einer halben Tonne. Das heißt also: Tempo runter! Auf risikoreichen Straßen sollte die Geschwindigkeit stark reduziert werden. Bei Tempo 80 kommt das Auto nach rund 55 Metern zum Stehen, bei Tempo 100 erst nach etwa 80 Metern. Stehen Tiere am Straßenrand, Fernlicht ausschalten, hupen und bremsen.

Regulieren Versicherungen durch Wildunfälle verursachte Schäden am Fahrzeug?

Das hängt vom Vertrag ab. In der Regel kommt die Teilkaskoversicherung für die Schäden am eigenen Auto nur für Unfälle mit Haarwild auf, wenn alles korrekt gemeldet wurde (Bescheinigung von Polizei oder Jagdpächter). Es gibt auch Versicherungen, die auch Unfälle mit anderen Tierarten versichern. (Von Stefanie Salzmann)

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