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Weiter Tabuthema: Über Abtreibungen wird nur wenig gesprochen

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Von: Julia Stüber

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Wer ungewollt schwanger ist und die Schwangerschaft abbrechen möchte, muss bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Dazu gehört auch die Beratungsbescheinigung von einer anerkannten Beratungsstelle.
Wer ungewollt schwanger ist und die Schwangerschaft abbrechen möchte, muss bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Dazu gehört auch die Beratungsbescheinigung von einer anerkannten Beratungsstelle. ©  imago/suedraumfoto

In Deutschland wurde kürzlich der Paragraf 219a abgeschafft. Das Thema Abtreibung beschäftigt viele Menschen – dennoch gilt es als Tabuthema.

Eschwege – Ärzte dürfen nun über einen Schwangerschaftsabbruch öffentlich informieren. In den USA wurde dagegen vor Kurzem ein Grundsatzurteil gekippt, dass das Recht auf Abtreibung bislang regelte. Die einzelnen Staaten können damit selbst entscheiden, ob sie den Abbruch erlauben, beschränken oder verbieten. Wir sprachen mit Susanne Weise von der Awo-Beratungsstelle für Schwangerschaft, Familie und Sexualität in Eschwege über den Abbruch der Schwangerschaft.

Warum ist das Thema Abtreibung immer noch solch ein Tabu?

Die Statistiken zeigen: Allein in Hessen gab es im vergangenen Jahr etwa 8000 Abbrüche, deutschlandweit insgesamt mehr als 90 000, die Zahlen sind seit Jahren in etwa gleich – circa 50 bis 60 Abbrüche pro 10 000 Frauen. Gesprochen wird trotzdem kaum darüber, es gibt immer noch Stigmatisierung und Tabuisierung. Das wird auch immer wieder angefacht von Anti-Choice- oder Lebensrechts-Bewegungen, in denen sich Abtreibungsgegner organisieren. Diese Entwicklungen sollten gut beobachtet werden, denn auch in Europa überschneiden sich deren oft christlich-fundamentalistischen Positionen mit denen extremer Rechter.

Wie können wir als Gesellschaft offener mit der Thematik umgehen?

Es wäre gut, den Zugang zu legalem und sicherem Schwangerschaftsabbruch als ein grundlegendes, aus den Menschenrechten abgeleitetes reproduktives Recht zu betrachten und in diesem Sinne zu normalisieren. Die Entscheidung darüber, wie das eigene Leben angesichts einer im eigenen Körper stattfindenden Schwangerschaft weitergehen soll, muss bei den Betroffenen selbst liegen. Es hilft sicherlich, mehr darüber zu reden, das Thema Abtreibung ist schließlich gerade hoch aktuell, ein Anlass, durchaus auch über eigene Erfahrungen zu sprechen.

Wie ist die aktuelle rechtliche Situation in Deutschland?

Der Schwangerschaftsabbruch ist im berühmten Paragraf 218 StGB geregelt: Ein Abbruch ist grundsätzlich strafbar. Wer ungewollt schwanger ist und die Schwangerschaft abbrechen möchte, muss bestimmte Voraussetzungen erfüllen: Meist reicht eine sogenannte Beratungsbescheinigung von einer anerkannten Schwangerschaftskonflikt-Beratungsstelle, mit der man zu einer ärztlichen Praxis oder in eine Klinik gehen kann. Bis zur 12. Schwangerschaftswoche (14 Wochen nach der letzten Menstruationsblutung) bleibt ein Abbruch nach der Beratungsregelung (95,8 Prozent aller Abbrüche) straffrei für die Schwangere wie auch für Ärzte und Ärztinnen.    Ein Abbruch ist in der Zeit auch ohne Beratung möglich mit einer kriminologischen Indikation, also bei einer Schwangerschaft nach einer Vergewaltigung. Die dritte Option ist die medizinische Indikation bei Gefahr für das Leben, oder die körperliche bzw. seelische Gesundheit der Schwangeren, das gilt theoretisch zu jedem Zeitpunkt der Schwangerschaft.

In welcher Situation befinden sich die Frauen, die zur Beratung kommen?

Es erscheint selbstverständlich, dass es ein Konflikt ist, einen Schwangerschaftsabbruch zu machen. Aber die Umstände, Gründe und Gefühle sind so unterschiedlich wie die Menschen. Eine besondere Situation ist es immer, für die einen ist sie schwer, für andere leichter. Wie sie erlebt wird, hängt nicht nur von moralischen Vorstellungen oder den Lebensumständen ab, sondern sicherlich auch zum Beispiel vom gesellschaftlichen Klima und der jeweiligen Gesetzeslage.   Aktuell wird in Deutschland die ELSA-Studie zu den „Erfahrungen und Lebenslagen ungewollt Schwangerer“ durchgeführt, um herauszufinden, wie überhaupt eine ungewollte Schwangerschaft unter welchen Einflussfaktoren erlebt und verarbeitet wird. Denn bisher gibt es da mehr Vermutungen und Meinungen als gesicherte Erkenntnisse.

Was zeigen die Erfahrungen in der Beratungsstelle?

Die Erfahrungen der langjährigen Mitarbeiterinnen zeigen, dass Schwangere – wenn sie frei entscheiden können und Unterstützung durch nahestehende Menschen sowie möglichst keine moralische Verurteilung durch die Umgebung erfahren – einen Schwangerschaftsabbruch gut in ihre Biografie integrieren können. Im Übrigen gilt das auch für Männer bzw. Partner oder Partnerinnen, die sich bei der Frage nach dem Abbruch einer Schwangerschaft ebenfalls in einem Konflikt befinden können und bei uns ein offenes Ohr finden.

Was ist für Sie besonders wichtig?

Unsere Beratung muss ergebnisoffen und neutral sein, wir müssen Informationen geben, zum Beispiel zu finanziellen oder sozialen Hilfen, die es der Schwangeren eventuell doch möglich machen könnten, die Schwangerschaft fortzuführen. Die Person, die eine Beratung bei uns aufsucht, muss grundsätzlich gar nichts von sich preisgeben, kann aber die Chance nutzen, über ihre Situation ins Gespräch zu kommen.   Wichtig ist, dass die Entscheidung gut informiert und frei von Druck gefällt werden kann. Dafür schaffen wir eine offene, vertrauensvolle Atmosphäre und urteilen nicht. Dazu gehört dann selbstverständlich auch die Information über Möglichkeiten und Methoden für einen Schwangerschaftsabbruch. Und zu allem, wozu es sonst noch so Fragen gibt.

Eine Frau ist ungewollt schwanger. Wie geht sie damit um?

Die Schwangerschafts-Beratungsstellen sind sicherlich gute Anlaufpunkte von Anfang an. Eine Beratung kann hier anonym und vertraulich stattfinden und ist kostenlos, auch mehrere Termine sind möglich. Bei der Schwangerschafts-Konfliktberatung erhält die Schwangere den nötigen Beratungsschein für einen Abbruch auf jeden Fall und hat dann die Freiheit, diesen zu nutzen oder auch nicht.  Alles kann besprochen werden, von Zweifeln, Überforderung, Panik über Geldsorgen und schwierige Lebensumstände bis hin zu Gewalt in der Beziehung bzw. Familie und vieles mehr.   Berater und Beraterinnen können zuhören und begleiten, beim Gedankensortieren helfen, informieren und weitervermitteln. Die Entscheidung liegt aber ganz allein bei der Schwangeren. Gespräche mit Freunden und Familie sind sicherlich auch hilfreich, und helfen, wie gesagt, schließlich auch bei einer Enttabuisierung und damit auch gegen das Gefühl, allein zu sein mit einer solchen Erfahrung.

Welchen Methoden gibt es, um eine Schwangerschaft zu beenden?

Bis zur neunten Schwangerschaftswoche gibt es die Möglichkeit für einen medikamentösen Abbruch, der meist zwei Termine in einer Praxis erfordert und Zuhause erlebt werden kann. Ein operativer Abbruch bis zur 12. Schwangerschaftswoche erfolgt meist ambulant – entweder unter Vollnarkose oder mit lokaler Betäubung. Alle Methoden sind sehr sicher, es kann aber selbstverständlich zu Nebenwirkungen und Komplikationen kommen.

Wer trägt die Kosten?

Wer wenig Geld hat, aktuell maximal 1325 Euro plus 314 Euro für jedes Kind plus eventuell ein Mietmehrbetrag, kann die Kostenübernahme auch für den Abbruch nach der Beratungsregelung bei der Krankenkasse beantragen. Das gilt auch für Empfänger und Empfängerinnen von Sozialhilfe. Das Einkommen von Haushaltangehörigen wird nicht berücksichtigt. Die Daten werden nach dem Antrag und der Erstellung der Kostenübernahmebescheinigung nicht gespeichert. Bei medizinischer und kriminologischer Indikation zahlt die Krankenkasse ohne Antrag.    Wer keine Krankenkasse hat, kann den Antrag dennoch bei einer beliebigen Kasse stellen, denn die Krankenkassen rechnen die Kosten schlussendlich mit den Bundesländern ab. Ein ambulanter Schwangerschaftsabbruch kostet je nach Methode und Praxis zwischen 350 und 650 Euro. Wir beraten gerne auch dazu.

Weitere Informationen gibt es auch unter awo-schwanger.de.

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