Ernteausfälle in vierstelliger Höhe

Wenn die Wildgans wildert: Federvieh frisst Felder bei Eschwege leer

Ein von Wildgänsen leer gefressenes Feld zwischen Eschwege und Grebendorf.
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Die wachsende Wildgans-Population hat schlimme Folgen für die Landwirtschaft: Das Zuckerrübenfeld der Familie Strauß an den Werraauen ist fast zur Hälfte abgefressen; die Ernte im Eimer. 

Zwar galten Wildgänse – Grau-, Nil- und Kanadagans – als ausgestorben, doch jetzt leben sie wieder in der Region. In großer Zahl, das führt zu Problemen.

„Willkommen, du kleines Gänsetier! Sei tausendmal willkommen hier!“ – der berühmte Reim von Wilhelm Busch (1832-1908) muss in den Ohren der Landwirte Reinhard und Johannes Strauß aus der Gemeinde Meinhard wie Hohn klingen. Zu Hunderten sind Graugänse über ihr Zuckerrübenfeld in den Werraauen zwischen Eschwege und Grebendorf hergefallen, haben rund 25 000 Quadratmeter Fläche abgefressen.

„Durchschnittswerte der letzten Rübenernten verwendend, können wir von 175 Tonnen Rüben ausgehen, die dadurch weniger geerntet werden können“, rechnen die Landwirte vor. Das entspreche in etwa 31,5 Tonnen Zucker. „Finanziell beläuft sich der Ernteausfall auf einen mittleren vierstelligen Betrag.“

Schadensmeldungen häufen sich beim Kreisbauernverband

Längst kein Einzelfall ist die Familie Strauß. Die Futter suchenden Gänse fressen den Landwirten die Gräser und Pflanzen vom Acker – Keimlinge vom Getreide, reife Ähren und anderes Feldgemüse. Das bedeutet enorme Ernteausfälle, insbesondere, weil die Tiere punktuell ganze Äcker leerräumen und nicht überall nur ein bisschen zuschlagen.

Die Meldungen zu enormen Schäden, verursacht in erster Linie durch Grau- und Nilgänse, häufen sich beim Kreisbauernverband. „Rechnet man die Aufwendungen, also Saatgut, Düngung, Pflanzenschutzmaßnahmen und Bodenbearbeitung, gegen den Fraßschaden, ist das Ergebnis existenzbedrohend“, sagt Uwe Roth vom Kreisbauernverband.

Tiere hinterlassen Unmengen an Kot

Weiteres Problem: Weil Gänse im Gegensatz zu Kühen nur einen Magen haben, können sie den Großteil der aufgenommenen Nahrung nicht verwerten. Also wandert diese schnell wieder durch ihren Körper. Auf den Wiesen sind es Unmengen an Kot, den die Gänse hinterlassen. Und dieser kann durch die Fäkalkeime zu einer ernsten Gefahr für Weidetiere werden.

Fordern schnelles Handeln: (von links) Reinhard und Johannes Strauß mit Uwe Roth. Im Hintergrund ist die Fraßfläche zu erkennen. 

Bekannt ist das Problem, seit die Population der Wildgänse wieder ungehemmt zunimmt. Der Biologe Johann David Lanz von der Klinik für Vögel, Reptilien, Amphibien und Fische der Uni Gießen etwa ist ein verlässlicher Ansprechpartner für den Kreisbauernverband und die Landwirte; hat mit sogenannten Ablenkungsfütterungen versucht, die Gänse von den Feldern wegzulocken. „Leider ohne Erfolg“, sagt Uwe Roth.

800 Brutpaare pro Jahr im Kreis

Eine Bejagung der Tiere sei möglich, wenngleich äußerst schwierig und mühsam, weil die Felder meist nahe bewohnter Gebiete liegen. 64 Grau- und Nilgänse sind zuletzt in einer Saison im gesamten Werra-Meißner-Kreis geschossen worden – eine Zahl, verglichen mit den 800 Brutpaaren des vergangenen Jahres, verschwindend gering. Auch natürliche Feinde haben die Wildgänse mit Ausnahme des Fuchses so gut wie keine.

Bejagung vom 1. August bis zum 31. Oktober

Graugänse waren noch bis vor wenigen Jahren vom Aussterben bedroht. Deshalb ist die Jagd stark eingeschränkt und nur über drei Monate – vom 1. August bis 31. Oktober – erlaubt. Der Umstand, dass die Population seit ein paar Jahren stark wächst, wurde noch nicht ins Jagdrecht aufgenommen.

Jäger dürfen nur auf Gänse schießen, wenn sichergestellt ist, dass keine Unbeteiligten durch Kugeln verletzt werden, die ihr Ziel verfehlen. Die Jagd mit Schrot, die für weniger verirrte Kugeln sorgen könnte, sei bei Gänsen schwierig: Dazu darf man höchstens 35 Meter von der Gans entfernt sein.

Was also fordern die Landwirte? „Wir brauchen einen Topf, aus dem wir für Ernteausfälle solcher Art entschädigt werden können“, sagt Reinhard Strauß. In benachbarten Bundesländern werden bereits solche Hilfen zur Verfügung gestellt.

In Hessen kommen die Landwirte noch komplett selbst für die Kompensation des Schadens auf. „Weiterhin sind klare Vorgaben nötig, wie die Population der Wildgänse eingedämmt oder wenigstens stabil gehalten werden kann“, ergänzt Landwirt Christian Menthe aus Grebendorf.

Denn dass die ansässigen Tiere wieder zu Zugvögeln werden und aus der Region abziehen, ist eher nicht anzunehmen.

Rasante Ausbreitung von Wildgänsen in wassernahen Gebieten

Wildgänse breiten sich rasant aus, vor allem in Gegenden mit vielen Wasserflächen, wie rund um den Werratalsee bei Eschwege. Dort fühlen sich die Tiere so wohl, dass sie sesshaft werden, das ganze Jahr über bleiben – und ihre Exkremente hinterlassen.

Inzwischen haben sich die Gänse so stark vermehrt, dass sie in ihrer Masse kaum mehr in den Griff zu bekommen sind. Jagdmethoden wie bei Rehen oder Wildschweinen funktionieren bei den Gänsen nicht.

Ihre Nahrung suchen Graugänse hauptsächlich weidend an Land. Sie leben von Pflanzen, sowohl Land- als auch Wasserpflanzen, dabei hauptsächlich von kurzen Gräsern und Kräutern sowie in geringerem Umfang von Stauden und Wurzeln.

Sie sind in der Lage, mit ihrem Schnabel unterirdische Pflanzenteile auszugraben. Im Herbst suchen Graugänse bevorzugt Maisstoppelfelder auf, auf denen sie energiereiche Körnernahrung finden.

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