„Technik ersetzt Menschen nicht“: Interview zum sicheren Wohnen im Alter

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Von der Beratungsstelle „Technik im Alter“ Eschwege: (von links) Myriam Lamotte-Heibrock und Mirijam Holzhauer. Letztere steht unter Telefon 0 56 51/3 02 24 34 für Fragen zur Verfügung. 

Werra-Meißner. Barrieren im Lebensumfeld machen bewegungseingeschränkten Menschen das Leben schwer. Wir sprachen mit zwei Expertinnen aus dem Kreis über Lösungsmöglichkeiten.

Wir sprachen mit Myriam Lamotte-Heibrock, stellvertretende Fachbereichsleiterin im Fachbereich Jugend, Familie, Senioren und Soziales, sowie mit der Architektin, Wohnberaterin und Krankenschwester Mirijam Holzhauer von der kommunalen Beratungsstelle „Technik im Alter“ des Werra-Meißner-Kreises über das Angebot an und die Nachfrage nach Unterstützungsmöglichkeiten für ein sicheres und komfortableres Wohnen.

Seit wann gibt es die Beratungsstelle „Technik im Alter“?

Lamotte-Heibrock: Im Jahr 2013 gab es ein Förderprogramm vom Bundesministerium für Bildung und Forschung namens „Besser leben im Alter durch Technik“. Hierauf haben wir uns beworben. Insgesamt wurden 22 auf zwei Jahre befristete und vollfinanzierte Beratungsstellen für die gesamte Bundesrepublik eingerichtet, der Werra-Meißner-Kreis war eine davon. In den folgenden zwei Jahren konnten viele Menschen über technische Hilfsmittel beraten und in ihrem Alltag unterstützt werden.

Ende 2015 lief das Förderprogramm aus und der Werra-Meißner-Kreis entschied sich, die Beratungsangebote zu verstetigen. Seit dem 1. Januar 2016 ist „Technik im Alter“ eng mit dem Seniorenbüro und dem Pflegestützpunkt verzahnt und wird aus Kreismitteln finanziert.

Holzhauer: Heute gibt es von den einstigen 22 Beratungsstellen nur noch fünf bis sechs. Die anderen wurden bedauerlicherweise aufgelöst.

Was ist das Ziel der Beratungsstelle?

Holzhauer: Wir wollen erreichen, dass Menschen durch die Verwendung von technischen und mechanischen Hilfsmitteln so lange wie möglich in ihrer gewohnten Umgebung leben. Auch wenn es nur für eine gewisse Zeit ist, sollen sie nicht direkt in ein Heim einziehen, nur weil sie alt, krank oder bewegungseingeschränkt sind. In der Beratungsstelle haben wir eine kleine Sammlung an Dingen, die wir zum Ausprobieren an Interessierte verleihen. Denn erst wenn Menschen den Nutzen des jeweiligen Gegenstands spüren, lassen sie sich davon überzeugen.

Wo finden die Beratungen statt?

Holzhauer: Wir informieren über Gespräche oder Vorträge in der Öffentlichkeit. Die Beratungen erfolgen zum einen in meinem Büro oder ich fahre zu den Menschen nach Hause und schaue mir dort die Situation an, um ganz individuell auf Wünsche und Bedürfnisse einzugehen. Die Beratungen sind qualitätsgesichert, da ich regelmäßig an Fortbildungen teilnehme. Zudem empfehle ich neutral und bin an keine Partner gebunden.

Wer kann diese in Anspruch nehmen?

Lamotte-Heibrock: Alle Bürger aus dem Kreis. Wir haben keine Altersbegrenzung, jeder kann sich bei uns melden und beraten lassen.

Warum, denken Sie, wollen viele in ihrem Zuhause wohnen bleiben?

Lamotte-Heibrock: Die gewohnte Umgebung ist für ältere Menschen sehr wichtig, gerade im ländlichen Raum. Viele haben Wohneigentum und sind in nachbarschaftliche Strukturen und Vereine integriert. Ich kann gut verstehen, dass man dort solange wie möglich, auch mit Handicap, bleiben möchte.

Wie kommen die technischen Sachen bei den Menschen an?

Holzhauer: Technik polarisiert, die einen finden sie schlimm, andere nicht. Ich sage immer, Technik ist weder gut noch böse. Es kommt hier auf die individuellen Wünsche und Bedürfnisse der jeweiligen Person an. Sinnvoll ist sie dort, wo Lebensqualität gesteigert wird – und das kann bei jedem an einer anderen Stelle sein. Ersetzen kann Technik einen Menschen, beziehungsweise soziale Kontakte, nicht.

Welche Hilfsmittel sind besonders gefragt?

Holzhauer: Was immer gut ankommt, ist das Großtastentelefon und die funktionsreduzierte Fernbedienung. Beide besitzen gut sichtbare Knöpfe und sind einfach zu bedienen. Nachtlichter mit Bewegungssensor sind bereits in vielen Haushalten installiert. Dann gibt es noch die Servicesteckdosen, die mit wenig Kraftaufwand das Rausziehen von Kabeln ermöglichen. Nach einer Uhr mit Lautsprecher, Mikrofon und Ortungssystem wird öfter gefragt. Ganz ohne Strom nutzbar und daher beliebt ist der verlängerte Griff für das Öffnen von sonst nur schwer erreichbaren Fenstern.

Was geschieht nach einer Beratung?

Holzhauer: Danach vermitteln wir ggf. an Sanitätshäuser oder an Fachfirmen weiter, die die jeweiligen Gegenstände vertreiben. Darüber hinaus gibt es von der Handwerkskammer Kassel eine Liste mit allen Betrieben, die die Umsetzung von barrierefreien Lösungen anbieten und auf die wir verweisen.

Frau Holzhauer, was bereitet Ihnen in Ihrer Tätigkeit als Beraterin noch Schwierigkeiten?

Holzhauer: Menschen von dem großen Potenzial der Hilfsmittel zu überzeugen ist nicht immer eine leichte Aufgabe. Vieles ist einfach noch ungenutzt, weil niemand davon weiß oder sich davor scheut, neue Sachen auszuprobieren. Deswegen gibt es auch unsere Broschüre „Technische Hilfen für ein sicheres und komfortables Wohnen zu Hause“, in der einige Dinge kurz beschrieben werden.

Wann darf eine Wohnung als barrierefrei bezeichnet werden?

Holzhauer: Wenn diese alle Planvorgaben, die in der bautechnischen Norm DIN 18040 enthalten sind, erfüllt. Ansonsten können diese höchstens barrierearm, senioren- oder altersgerecht sein. Gerade in Altbauten sind die Vorgaben aber äußerst schwer umzusetzen. Aber auch dort kann man für Barrierefreiheit sorgen, indem Inventar umgestellt oder entfernt wird.

Gibt es derzeit ausreichend altersgerechte Wohnmöglichkeiten im Kreis?

Lamotte-Heibrock: In den vergangenen Jahren hat sich die pflegerische Versorgung den steigenden Bedarfen angepasst und wurde weiterentwickelt. Neue Alten- und Pflegeheime sind an zahlreichen Orten entstanden, sodass der stationäre Bedarf aus planerischer Sicht weitgehend gedeckt ist.

Nicht exakt erfassen lässt sich allerdings, wie viele barrierefreie Wohnungen es insgesamt im Werra-Meißner-Kreis gibt und wie viele demnach fehlen. Durch Gespräche und Befragungen stellte sich heraus, dass die Nachfrage danach sehr hoch ist. Derzeit werden in einigen Kommunen im Kreis barrierefreie Wohnungen gebaut. Mit Blick auf die demografische Entwicklung ist hier der Bedarf noch nicht gedeckt.

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