Vermarktung der Mohn- und Kirschblüte in Gefahr

Naturpark-Geschäftsführer Marco Lenarduzzi zu Südlink: "Gewaltiger Eingriff in unsere Heimat“

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Würde in Mitleidenschaft gezogen werden: Die Bemühungen, die Mohnblüte bei Germerode als Aushängeschild der Region zu entwickeln, würde die Südlinktrasse durchkreuzen.

Autobahn 44, Südlink und Windkraft - wir sprachen mit Naturpark-Geschäftsführer Marco Lenarduzzi über die Auswirkungen auf die Natur in der Region.

Der Geo-Naturpark Frau-Holle-Land versucht seit Jahren den naturnahen Tourismus zu entwickeln. Mit Autobahn, Windkraftanlagen und der angedachten Südlink-Trasse stehen erhebliche Bedrohungen dieses Konzepts ins Haus. Wir sprachen mit dem Naturpark-Geschäftsführer über die Entwicklungen im Kreis.

Südlink in aller Munde: Herr Lenarduzzi, warum ist die geplante unterirdische Trasse aus Naturschutzsicht so kritisch?

Die Kabeltrasse ist ein gewaltiger Eingriff in unsere Heimat und die Heimat einer Vielzahl von seltenen Tieren und Pflanzen. Kein Landkreis in Hessen hat so viele Europäische Schutzgebiete wie der Werra-Meißner-Kreis. Darüber hinaus hat die Bundesregierung vor einigen Jahren sogenannte Hotspots der biologischen Vielfalt im ganzen Bundesgebiet ausgewiesen. Wir sind ein solcher Hotspot, und nun plant der Bund einen massiven Eingriff mitten durch die selbst erklärte Artenvielfalt. Wenn ich mir diese Baustelle in unserer kleinstrukturierten Landschaft vorstelle, läuft es mir kalt den Rücken herunter.

Was befürchten Sie für die Landschaft im Geo-Naturpark?

Waldschneisen und Heckenzüge müssen gerodet werden. Wiesen, Weiden und Felder werden zerschnitten und die Bodenstruktur wird zerstört. Der Wasserhaushalt der Landschaft ist gefährdet. Die Geologie im Geo-Naturpark ist sehr abwechslungsreich und weist in den geplanten Korridoren instabile Formationen mit Dolinen und Höhlen auf. Die Werra müsste etliche Male unterbohrt werden. FFH-Gebiete sollen kilometerweit unterbohrt werden. Es werden auch nach dem Bau weithin sichtbare Spuren in der Landschaft bleiben.

Sehen Sie die Bemühungen Ihrer Arbeit aus den vergangenen Jahren gefährdet?

Schon. Der Geo-Naturpark ist ein rechtlich nach Bundes- und Landesnaturschutzgesetz ausgewiesenes Gebiet. Die Trasse zerschneidet den Geo-Naturpark der Länge nach. Wichtiges Kriterium für den Bestand eines Naturparks in Hessen ist, wie bei den Biosphärenreservaten, ein Anteil von unzerschnittenen Räumen von mindestens 30 Prozent. Der Geo-Naturpark liegt hier aktuell mit 36 Prozent im Grenzbereich. Man muss auch bedenken, dass der Südlink noch zusätzlich zu den sehr großen Engriffen durch den Autobahnbau und die Windkraft erfolgen soll.

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Wo werden die konkreten Probleme liegen?

Marco Lenarduzzi sieht die touristische Vermarktung der Kischblüte bei Witzenhausen-Wendershausen in Gefahr.

Unsere großartige Natur ist das Rückgrat für den Tourismus. Wir haben Rückenwind im Tourismus, die entstandenen Angebote werden sehr gut genutzt. Man kann sich gut ausmalen, wie negativ und abschreckend die riesigen Baustellen auf Besucher wirken werden. Auch die Narben in der Landschaft werden nicht alle verschwinden. Darüber hinaus greift die Trasse während der Bauphase auch in die touristische Infrastruktur ein. Der Werra-Burgen-Steig Hessen muss gequert werden. Zudem werden der Premiumweg 17 Waldkappler Berge, der Premiumweg 21 Point India und der Premiumweg 22 Höllental zerschnitten. In Bereich des Korridors bei Wendershausen werden unsere Bemühungen zur weiteren Entwicklung der Kirschblüte und im Bereich Germerode gar die Mohnblüte in Mitleidenschaft gezogen. Schwer wiegt auch der mögliche Schaden für den Tourismus und den Kurbetrieb in Bad Sooden-Allendorf. Dort haben wir jährlich rund 410.000 Übernachtungen. Dieser Eingriff wird sich nachhaltig schlecht auf das Image der Kurstadt auswirken.

Wäre eine Trassenführung durch Thüringen sinnvoller?

St. Florian zünde Thüringen an? Nein. Es gibt auch in Thüringen Menschen und wertvolle Natur. Mir stellt sich vielmehr die Frage, ob eine solche vor langer Zeit beschlossene Stromtrasse überhaupt sinnvoll ist.

Würden Sie eine dezentrale Verteilung des Öko-Stroms favorisieren?

Ich bin kein Fachmann, vieles spricht für dezentrale Lösungen und innovativere Ansätze. Ich werde das ungute Gefühl nicht los, dass sich hier möglicherweise etwas verselbstständigt hat, das sich später als Fehler entpuppen könnte. Die Folgen tragen Steuerzahler, Stromkunden und die heimische Natur. Das muss überprüft werden, um die Notbremse ziehen zu können.

Video: So schön ist die Mohnblüte bei Germerode

Dieses Video ist Inhalt der Videoplattform Glomex und wurde nicht von der Werra-Rundschau erstellt.

Lässt sich Südlink noch verhindern?

Gehen wir aber mal davon aus, dass die Trasse für die Erreichung der Ziele der Energiewende unumgänglich ist: Dann soll die Trasse dort gebaut werden, wo die geringsten Schäden für Mensch und Natur entstehen. Das kann in Hessen sein oder in Thüringen. Eines ist mir dann aber wichtig: Die kritischen Punkte, die in Thüringen dazu geführt haben, dass die Trasse jetzt in Hessen verlaufen soll, müssen überprüft werden. Ich schenke da den Planern und ihren ständigen Beteuerungen wenig Vertrauen. Bestärkt werden meine Zweifel durch das Gutachten, das der Kreis in Auftrag gegeben hat. Dabei ist es offensichtlich geworden, dass mit zweierlei Maß gemessen wurde.

Ihr Wunsch?

Autobahn und Windkraftanlagen sind massive Eingriffe, die wir wegstecken müssen. Weitere Eingriffe in der Dimension von Südlink und weitere Windkraftanlagen wie zum Beispiel aktuell bei der Graburg müssen wir ablehnen.

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