Elektrisch in die Zukunft: Antrieb aus der Steckdose

Werra-Meißner-Kreis soll zum Modelllandkreis für E-Mobilität entwickelt werden

Der Werra-Meißner-Kreis soll zum Modelllandkreis für E-Mobilität entwickelt werden. Einen entsprechenden Antrag haben die Kreistagsfraktionen von SPD, Bündnis 90/ Die Grünen und FDP gemeinsam formuliert.

Schrittweise solle künftig so das Ziel einer klimaneutralen Mobilität in der Region erreicht werden.

Elektromobilitätskonzept Nordhessen

Grundlage für den Vorstoß ist das Elektromobilitätskonzept Nordhessen, erstellt vom Unternehmen Pricewaterhouse Coopers (PWC) im Zusammenspiel mit dem Regionalmanagement Nordhessen und den fünf Landkreisen. Diese Studie zeigt unter anderem auf, an welchen Orten und in welcher Anzahl im Werra-Meißner-Kreis ein Ausbau der Ladesäuleninfrastruktur erfolgen muss, um E-Mobilität bedarfsgerecht anbieten zu können. In die Vorbereitungen sind nach Wunsch der Kreistagsfraktionen Vertreter der regionalen Energieversorger, der Wirtschaftsförderungsgesellschaft (WFG) sowie der IHK und der Handwerkskammer einzubeziehen.

„Wir stehen am Beginn eines neuen Zeitalters“

„Wir stehen am Beginn eines neuen Zeitalters“, sagte Jürgen Zick, Vorsitzender des Ausschusses für Kreisentwicklung, Wirtschaft und Verkehr. In diesem Gremium wurde der Antrag nun behandelt. „Es gilt, Mobilität und Auto neu zu denken.“

Viele Themen bedürften jetzt der Diskussion, ergänzte Landrat Stefan Reuß: Etwa die Situation des Autohandels, der Transport- und Logistikunternehmer sowie der Tankstellenbesitzer, die sich durch die E-Mobilität mit tiefgreifenden Veränderungen konfrontiert sehen.

WFG führt Interviews 

Genau solche Interviews mit betroffenen Branchen habe die WFG im Vorgriff auf die Diskussion des Antrages geführt, erklärte deren Geschäftsführer Dr. Lars Kleeberg. Grundsätzlicher Tenor: Kommunen und öffentliche Institutionen werden als Impulsgeber verstanden; des Weiteren solle eine mögliche E-Mobilitäts-Modellregion in einen größeren Rahmen eingebettet werden als ausschließlich in das Kreisgebiet. Häufig geäußerte Befürchtungen, dass das Stromnetz des Kreises für die E-Mobilität nicht ausreiche, wies Armin Schülbe, Leiter des EAM Regionalzentrums Nord, zurück.

Ladepunkte an Hauptverkehrsadern nötig

Das Elektromobilitätskonzept Nordhessen macht einen Bedarf von 219 zusätzlichen AC-Ladepunkten (Laden mit Wechselstrom) und 45 DC-Ladepunkten (Batterie wird mit Gleichstrom geladen) im Werra-Meißner-Kreis bis zum Jahr 2030 aus. Laut der Studie sollten sich diese entlang der Hauptverkehrsadern und nahe an den Städten befinden. Entschieden wird über den E-Mobilitäts-Antrag in der Kreistagssitzung am Montag, 17. Februar, 14 Uhr, in der Stadthalle Eschwege. 

Elektrisch in die Zukunft: Antrieb aus der Steckdose

Ladestation statt Tankstelle: Die Autos der Zukunft sollen mit einem Elektro- statt mit einem Verbrennungsmotor ausgestattet sein. Ob rein elektrisch, mit Hybridantrieb oder mit Brennstoffzelle – die Technik schreitet voran. Die Kraft aus der Steckdose, ihre Chancen und Risiken sind nun in den Diskussionen der Gremien des Kreistags angekommen.

Welche E-Mobilitäts-Angebote gibt es bereits? 

„Rund 60 Prozent der befragten Arbeitgeber unterbreiten ihren Mitarbeitern schon heute entsprechende Angebote“, führte Dr. Lars Kleeberg, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft (WFG) Werra-Meißner, vor dem Ausschuss für Kreisentwicklung aus. Das seien zum Beispiel das E-Bike-Leasing sowie das Bereitstellen von E-Autos und Ladesäulen auf dem Firmengelände.

Wie gestaltet sich die Nachfrage nach E-Mobilität in der Region? 

Spürbar ist eine solche bei Privatkunden, bei Stadtwerken und den Kommunen. Für Firmenfuhrparks sei die Technologie noch weitgehend uninteressant – „für Vielfahrer sind Dieselfahrzeuge nach wie vor das Maß der Dinge“, erläuterte Dr. Lars Kleeberg. Wegen der fehlenden Reichweiten der Fahrzeuge sei der E-Antrieb auch im Schwerlastverkehr kein Thema. „Unternehmen dieser Branche sehen die Zukunft in der Brennstoffzelle – allein wegen deren geringen Gewichts.“

Wie gehen Tankstellenbesitzer mit dem Thema um? 

Im Moment noch gelassen. Ein Eigenbetrieb von E-Ladesäulen der Tankstellenbetreiber ist nicht wirtschaftlich und daher im Kreisgebiet kaum zu finden. Mehr und mehr verstehen die Betreiber ihre Tankstellen zudem als Orte der Dienstleistung – etwa durch zusätzliche Waschanlagen oder als Abgabestelle für Briefe und Pakete.

Was kostet eigentlich eine E-Ladesäule? 

Eine E-Ladesäule hat ein Investitionsvolumen von 85 000 Euro, erklärte Armin Schülbe, Leiter des EAM-Regionalzentrums Nord. 25 000 Euro kostet dabei die Ladesäule selbst; die weiteren Kosten verteilen sich auf den Netzanschluss, die Station und den Tiefbau. „Die EAM unterstützt den Ladesäulenausbau im Kreis als Dienstleister auch für die Gewerbetreibenden“, sagte Armin Schülbe.

Welche Größenordnung an E-Fahrzeugen auf den Straßen wird angestrebt? 

4400 E-Autos sollen bis 2030 im Gebiet der EAM im Werra-Meißner-Kreis unterwegs sein, rechnete Armin Schülbe vor – 2019 waren es auf dieser Fläche noch 20. Wird die Zahl der Fahrzeuge gesteigert, wächst auch der Strombedarf – und zwar um 9900 Megawattstunden pro Jahr. „Für die E-Mobilität ist ausreichend Energie vorhanden“, erklärte der Leiter des Regionalzentrums Nord: Rund 60 000 Megawattstunden Überschuss aus erneuerbaren Energien erzeuge allein die EAM. Weiterhin wachse die Zahl der Privathaushalte mit Photovoltaikanlagen mit Stromspeicher: „Diese Energie kann für das Laden der E-Autos genutzt werden“.

Halten die Netze auch bei immens erhöhter Belastung? 

Ein klares Ja – geht es nach Armin Schülbe: „Selbst bei 100 Prozent Durchdringung entstehen keine Engpässe“. Nichtsdestotrotz macht der Energieversorger Schwachstellen aus, die bei erhöhter Stromabnahme durch Ladevorgänge möglicherweise für Probleme sorgen könnten – „das sind die Ortsnetzstationen und Transformatoren.“

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