Impfrat im Interview

Werra-Meißner-Kreis: „Wir mussten für die Entscheidungen geradestehen“

Voraussichtlich noch bis Ende September geöffnet: Täglich werden im Impfzentrum in Eschwege Menschen aus dem Werra-Meißner-Kreis geimpft.
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Voraussichtlich noch bis Ende September geöffnet: Täglich werden im Impfzentrum in Eschwege Menschen aus dem Werra-Meißner-Kreis geimpft.

Was passiert mit übrig gebliebenem Impfstoff gegen Covid-19? Diese Frage erregte Anfang des Jahres die Gemüter im Werra-Meißner-Kreis, sodass ein Impfrat ins Leben gerufen wurde.

Werra-Meißner – Obwohl sie zu keiner priorisierten Gruppe gehörten, erhielten Landrat Stefan Reuß und der Erste Kreisbeigeordnete, Dr. Rainer Wallmann, im vergangenen Dezember jeweils eine Dosis des Impfstoffes gegen Corona. Als im Februar das intransparente Vorgehen publik gemacht wurde, hagelte es aus der Bevölkerung und den Parteien im Werra-Meißner-Kreis Kritik. Als Folge riefen die beiden Politiker den Impfrat ins Leben.

Das Gremium – bestehend aus sieben Mitgliedern (siehe Kasten) – nahm Ende Februar seine Arbeit auf. Bis zur Aufhebung der Impfpriorisierung am 7. Juni berieten sie darüber, wer einen früheren Impftermin bekommen sollte. Dafür prüften sie in sieben etwa zweistündigen Sitzungen Anträge von Menschen aus dem Kreis, die entweder krankheitsbedingt oder beruflich auf eine unverzügliche Impfung angewiesen waren, erklärt Dr. Eckhard Schinkel, Sprecher des Impfrates und Leitender Veterinärdirektor beim Kreis.

Zum einen waren das die sogenannten Härtefallanträge. Also Personen, die zwar in eine Priogruppe gehörten, bei denen aber eine besondere Eilbedürftigkeit bestand. „Zum Beispiel bei Krebspatienten, bei denen wieder eine Chemotherapie und eine stationäre Behandlung vorgesehen waren.“

Bei einigen wenigen Personen war das Krankheitsbild aber auch nicht in der Impfverordnung aufgeführt. „Die konnten in den Anträgen begründen, warum sie in gleicher Weise priorisiert sind“, erklärt Schinkel. Dann war der Impfrat außerdem für die Überwachung der Warteliste zuständig. Denn an einzelnen Tagen blieb in der Summe noch Impfstoff für weitere Impfungen übrig.

Dann sollte das Impfzentrum eine Liste mit Personen zur Verfügung haben, die kurzfristig vorgezogen werden konnten. Diese Warteliste entsprach der Priorisierung. Auf diese Weise entstand eine Liste mit 190 Personen, die dem Gesundheitsamt als Empfehlung für eine vorgezogene sowie für kurzfristige Impfungen vorgelegt wurden, so Schinkel. Inzwischen seien diese alle geimpft.

MONTAGSINTERVIEW Dr. Eckhard Schinkel, Sprecher des Impfrates, über die Beratungen

Muss jemand schneller geimpft werden und hat auch ein Anrecht darauf – oder nicht? Mit dieser Frage beschäftigte sich der Impfrat zu dem auch Dr. Eckhard Schinkel gehört.

Dr. Eckhard Schinkel - Gesundheit, Verbraucherschutz und Veterinärwesen Werra-Meißner-Kreis

Wir sprachen mit ihm über die Arbeit des Impfrates und welchen Einfluss die Zusammensetzung der siebenköpfigen Gruppe in den Beratungen hatte.

Dr. Schinkel, der Impfrat wurde ins Leben gerufen, als Landrat Stefan Reuß und Dr. Rainer Wallmann als Erster Beigeordneter in der Kritik standen. Inwiefern hat das die Arbeit beeinflusst?
Gar nicht. Wir waren insbesondere am Anfang restriktiv und wollten uns rechtlich sicher sein, weil wir auch für die Entscheidungen geradestehen mussten.
Wie kam das bei den Menschen an, die Anträge gestellt haben?
Es gab immer einzelne Personen, die nicht mit der Entscheidung einverstanden waren. Es gab zwei, drei Fälle, die wir abgelehnt haben und die aufgrund der Entscheidung vom Verwaltungsgericht letztendlich auf die Warteliste kamen. Dann gab es einen Fall, bei dem sich jemand an die Presse gewandt hat und einen Shitstorm auslöste. Mit einer Pressemitteilung haben wir versucht, die Gemüter zu beruhigen. Allerdings wussten wir auch, dass wir als Impfrat nicht beliebig vielen Personen zu einer Impfung verhelfen können. Die Mengen waren beschränkt.
Wie ist der Impfrat an die Entscheidungen rangegangen?
In der Anfangszeit und der Zeit, wo sehr, sehr viele Anfragen kamen, haben wir stark auf die Priorisierungsgruppen geachtet. Daher konnten wir nur einzelne gesundheitlich schwer vorgeschädigte Personen berücksichtigen. Als im April die Impfstofflieferungen deutlich zunahmen, konnten wir etwas großzügiger werden. Aber auch, weil nicht mehr so viele Anträge kamen. Wir konnten dann Personen mit schweren Vorerkrankungen aufnehmen, ohne lange zu diskutieren.
Wie hat sich das angefühlt?
Es war eine Erleichterung.
Konnten Sie gedanklich auch mal abschalten und sich von der Last der Entscheidungen freimachen?
Wenn man jeden Tag an diesem Thema sitzt, kann man auch nicht mehr abschalten. Teilweise habe ich das mit nach Hause genommen und einzelne Anträge waren so berührend, dass sie einfach im Gedächtnis bleiben. In der heißen Phase saß ich außerdem auch Samstag- und Sonntagvormittag im Büro, um E-Mails zu beantworten. Unter der Woche war das neben dem laufenden Betrieb gar nicht zu schaffen.
Wann gab es den größten Ansturm von Anfragen im Postfach?
Den gab es am Anfang, als die Priorisierungsstufen 1 und 2 Impfungen bekamen. Dazu gehörten nämlich nicht nur die Alten, sondern auch bestimmte Berufsgruppen mit jungen Menschen. Zum Beispiel das Pflegepersonal in den Seniorenheimen. Das war vielen Älteren nicht bewusst und die haben das dann nicht verstanden. Als klar war, die Geimpften haben deutliche Vorteile etwa bei Urlaubsreisen, da haben wir noch mal einen größeren Ansturm erwartet. Der blieb aber aus.
Waren sich die Mitglieder des Impfrates bei den Beratungen schnell einig?
Bei den meisten Fällen schon. Es hat sich schnell eine gewisse Linie in der Beurteilung herausgebildet. Es war aber auch von den Anträgen abhängig: Welche Informationen geliefert wurden und wie plausibel der Antrag war. Sicherlich hätte man aus einer Befragung noch mehr rausholen können. Aber uns lagen die Unterlagen mit den relevanten Informationen vor. Bei der Sichtung sind wir uns dann meistens aber schnell einig geworden.
Neben Medizinern waren auch Juristen und ein Theologe an den Entscheidungen beteiligt – wie hat sich das auf die Zusammenarbeit ausgewirkt?
Die Juristen haben immer mal wieder darauf hingewiesen, dass wir uns streng an der Impfverordnung orientieren müssen. Bei allen, insbesondere auch unserem Theologen, war insgesamt die Problematik zu spüren, wie schwer sich die Pandemie auf die Bevölkerung niederschlägt und welche Hoffnungen die Menschen mit einer Schutzimpfung verbinden. Da kommt natürlich der Wunsch auf, möglichst viele zu unterstützen.
Die Mitglieder gehören der älteren Generation an. Hätte es dem Impfrat nicht gutgetan, wenn zumindest ein junger Mensch beteiligt gewesen wäre?
Bei der Auswahl der Mitglieder hat der Kreisausschuss auf eine große Bandbreite geachtet. Das Alter spielte dabei keine Rolle. Eventuell hätte man mit der Öffnung der Priorisierungsgruppe 3 den Impfrat noch um eine Person aus der jüngeren Generation erweitern können.
Was hat Sie persönlich motiviert, Teil des Impfrates zu werden?
Einerseits fand ich wichtig, dass die Impfdosen gerecht verteilt werden. So wie es in der Impfverordnung mit der Priorisierung, die ich für sinnvoll halte, vorgesehen ist. Andererseits wollte ich den Personen helfen, die durch das Raster gefallen sind, aber einen triftigen Grund hatten, früher geimpft zu werden.

Von Hanna Maiterth

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