Geschäftsführer mit Helfersyndrom

Nach 20 Jahren an der Spitze von Werraland geht Gerd Hoßbach in Ruhestand

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Blicken gemeinsam auf fast 50 Jahre Werraland: (von links) der ehemalige, aktuelle und der zukünftige Geschäftsführer des Sozialunternehmens Werraland, Ehrenfried Emmerich, Gerd Hoßbach und Georg Forchmann.

Ein Geschäftsführer mit Helfersyndrom: Nach 20 Jahren an der Spitze von Werraland geht Gerd Hoßbach in Ruhestand

Die nackten Zahlen sind schon mal beeindruckend. Als Gerd Hoßbach Anfang des Jahrtausends die Geschäftsführung von Werraland übernahm, gab es hier 90 Mitarbeiter. Die Werkstatt und die Wohnbereiche bildeten das Herzstück. Heute, zum Ende seines Wirkens nach 20 Jahren, hinterlässt Hoßbach einen Betrieb mit 480 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten – eine Steigerung um 433 Prozent. Doch das sind ja nur die nackten Zahlen. „Ein Sozialunternehmen ist aber viel mehr“, sagt Hoßbach, der vergangenen Montag offiziell verabschiedet wurde.

Schon immer ein Helfersyndrom

Bis zur Geschäftsführung von Werraland hatte Hoßbach schon ein abwechslungsreiches Berufsleben hinter sich. Nach der Mittleren Reife in Eschwege hat er die Fachhochschulreife nachgeholt. Beruflich hat er sich aber erst mal für den Weg des Erziehers entschieden. Damit war ich in den 1970er-Jahren ein absoluter Exot“, erinnert er sich. Gerade einmal zwei Männer waren in seiner Klasse. Ein Helfersyndrom habe er aber schon immer gehabt. Im Kinderheim Burgenhof, heute Teil der Werraland-Gruppe, sammelte er erste berufliche Erfahrungen.

Erste Stelle im SOS-Kinderdorf

Schnell wurde ihm klar, dass sein beruflicher Werdegang hier noch nicht zu Ende ist. Er studierte Sozialpädagogik und nach dem Abschluss später noch Betriebswirtschaft. Eine erste Stelle bekam er in einem SOS-Kinderdorf an der Ostsee. Hier war er stellvertretender Leiter, später ging es zum Berufsausbildungszentrum nach Nürnberg. Nach zehn Jahren zog es ihn zur Diakonie nach Mittelfranken. „Nürnberg ist zwar zu meiner zweiten Heimat geworden, ich wollte aber aus Eschwege eigentlich nie weg.“ Jobs im Sozialwesen waren im Kreis rar gesät.

"Alles hat geboomt“

1999 ergab sich dann die Chance, die Aufgabe des ersten Leiters von Werraland, Ehrenfried Emmerich, zu übernehmen und damit zurückzukehren. „Ich habe ein total intaktes Unternehmen übernommen, alles hat geboomt“, erinnert sich Hoßbach. Von seinen vorherigen Stationen habe er viel Know-how mitgebracht. „Ich hatte aber auch viel Gestaltungsmöglichkeiten – so lange die Zahlen gestimmt haben.“ Werraland hatte einen Namen in der Region. Immer mehr Menschen mit Handicap kamen. Hoßbach setzte auf Dienstleistungen und hatte Erfolg. Das Unternehmen wuchs.

Gut fürs Image

Und auch in der Bevölkerung verschaffte Hoßbach Werraland mehr Anerkennung. Er baute den Weihnachtsmarkt zu seiner heutigen Größe aus. Über 4000 Menschen besuchen im Advent die Betriebsstätten. „Plötzlich kamen nicht mehr nur Eltern und Verwandte, sondern auch Menschen, die bislang keinen Bezug zu uns hatten“, sagt Hoßbach. Man habe vielen Menschen gleichzeitig das Angebot zeigen können. Das Öffnen sei gut fürs Image gewesen.

Mit der Namensänderung zu Werraland Lebenswelten hat Gerd Hoßbach das letzte große Projekt abgeschlossen. Auf Werraland kämen in Zukunft aber noch weitere Herausforderungen zu, die er nicht mehr erledigen kann. „Unsere Wohnheime müssen altersgerechter werden“, sagt Hoßbach. Das sei bislang noch nicht nötig gewesen. Barrierefreiheit sei ein großes Thema.

Lehren als Dozent

Seine Erfahrung wird Hoßbach weitergeben. An drei Instituten lehrt er zukünftig als Dozent und berät Unternehmen in Thüringen und Bayern. Mit Ehefrau Karin zieht es ihn auf die Lieblingsinsel Kreta. Mehr Zeit will er für seine Enkelkinder haben. Die Zwillinge (5) leben in Nürnberg. Vielleicht kann er ihnen die nackten Zahlen beibringen. Empathie und soziale Verantwortung gibt’s gratis.

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