Werra-Schifffahrt über die Jahrhunderte - Schiffe und Flöße bewegen die Region

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Auf dem Weg nach Hann. Münden passierten die Holzflöße auch die im Jahr 1735 erbaute Eschweger Schleuse. Im 1909 entstandenen Foto wartet ein Floß auf die Durchfahrt, ein zweites Floß schwimmt gerade in der Schleuse. M. Lückert

Vor allem in den Sommermonaten beleben Kanu- und Kajakfahrer, auch Wanderruderer die Werra heute sind Freizeitsportler die Nutzer. In früheren Jahrhunderten waren es Holzflößer und Handelsschiffe.

Werra-Meißner. Vor allem in den Sommermonaten beleben Kanu- und Kajakfahrer, auch Wanderruderer die Werra heute sind Freizeitsportler die Nutzer. In früheren Jahrhunderten waren es Holzflößer und Handelsschiffe.

Über ein Jahrtausend war die Werra für die Region als Handels- und Verkehrsweg von sehr großer Bedeutung. Der Süd-Nord-Verlauf erleichterte Waren- und Holzlieferungen aus Mitteldeutschland in die norddeutschen Küstenregionen und umgekehrt und verhalf Städten wie Wanfried, Eschwege, Bad Sooden-Allendorf und Witzenhausen in den vergangenen Jahrhunderten zu einem teilweise bescheidenen Wohlstand.

Neben dem Handel mit Getreide, Flachs, Mohn, Häuten, Erzen und Tonwaren, der erst gegen 1900 durch den Ausbau der Beförderung auf den Landwegen nachließ, war aber auch die Holzflößerei bis in die Dreißigerjahre des vergangenen Jahrhunderts auf Werra und Weser ein ganz wesentlicher Wirtschaftszweig. Ab 1905 entwickelte sich auf dem Fluss auch der Personenverkehr mit Dampfschiffen. Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Werra über viele Kilometer Grenzfluss, der aber keinen Handel und Verkehr mehr zuließ. In den vergangenen Jahrzehnten haben die Sportbootfahrer und -angler den Fluss aber als Freizeitrevier wiederentdeckt.

Eschwege

Schon die älteste Namensgebung für die Stadt Eschwege deutet an, wie wichtig in frühester Zeit die Werra für die Region war. Historiker Herbert Fritsche zitiert in seinen Aufzeichnungen: „Eskinivvach – die Siedlung bei den Eschen am fließenden Wasser“. Aber seit wann der Fluss als Handels- und Verkehrsweg genutzt wurde, ist ungeklärt. Werra-Fischer wird es in frühester Zeit schon gegeben haben. Schon 776 werden in einer Schenkungsurkunde Karls des Großen Fischer auf der Werra benannt, die in der Siedlung „Westera“, der Keimzelle Bad Sooden-Allendorfs, lebten. 979 wird in einer Urkunde der Abteien Fulda und Hersfeld die Werra genannt, das lässt in dieser Zeit schon regen Schiffsverkehr vermuten.

Bad Sooden-Allendorf

Ein Ursprung der Werra-Schifffahrt könnte, so vermutet Herbert Fritsche, in Bad Sooden-Allendorf zu suchen sein. Schließlich musste das schon seit Urzeiten „in den Sooden“ gewonnene Salz weiter transportiert werden. Aus Fischern wurden dann Bootsbauer und Schiffer, die das kostbare Salz auf Werra und Weser weiter in den Norden verschifften. Das war auch sicherer, weil der Weitertransport großer Warenmengen auf dem Land in Frühzeit und Mittelalter wegen der vielen Überfälle sehr riskant war.

Wanfried

Auch wegen der hohen Kosten auf dem Landwege stieg die Bedeutung der Flussschifffahrt im Mittelalter sehr schnell. Um das Jahr 1600 war ein erster Höhepunkt erreicht. Der Wanfrieder Historiker Walter Henze schildert, wie die „Schlagd“, der Wanfrieder Hafen entstand. Die Stadt ließ damals die Ufer befestigen und für 30 000 Taler sieben Lagerhäuser errichten, „alwo die von Bremen und Hollandt heraufkommende Kauffmanns-Güthere vor alhiesige Handelsleute ab- und eingeladen werden“. Die in Wanfried flussabwärts gestarteten Schiffe, die sehr oft auch von mitreisenden Passagieren genutzt wurden, brachten Obst, Getreide, Flachs, Raps, Tonwaren und Holz aus hessischen Wäldern bis nach Münden und Bremen und weiter nach Holland und England und in alle Welt.

Von über 250 000 Zentnern Abfuhr jährlich ist die Rede. Die Schiffer brachten Südfrüchte, Gewürze, Kaffee, Tabak, Reis, Stockfisch, Holländer-Käse, Kolonialwaren, aber auch Wein und Salz zurück. Über 80 000 Zentner Anfuhr wurden im Wanfrieder Hafen registriert. Einige Kaufmannshäuser in der Innenstadt sind heute Zeugnisse des damals einkehrenden Wohlstandes.

Fuhrleute aus Wanfried, aber auch aus den Nachbargemeinden Frieda und Völkershausen beförderten die Frachten mit ihren Gespannen weiter nach Erfurt, Nordhausen, Augsburg und Nürnberg. Dabei wachte die Stadt ängstlich darüber, dass das Monopol als Endstapelplatz im Hafen Wanfried auch erhalten blieb. So durfte zwischen Wanfried und Eschwege keine Ladung gelöscht oder aufgenommen werden. Erst nachdem die Waren in Wanfried verzollt waren, durften sie nach Eschwege abgefahren werden.

Streit mit Eschwege

1663 soll ein Wanfrieder Schiffer, der schon in Mihla Langensalzaer Getreide verlud, zu 10 Talern Strafe verurteilt worden sein, damals ein gehöriger Batzen Geld. Streit zwischen den Städten gab es auch, weil in Eschwege schon einige Schiffe anlegten, die Eschweger sogar Schlagdgeld verlangten. Namen wie Bremer Straße deuten darauf hin, dass in Eschwege, in „Brückenhausen“, tatsächlich Schiffe anlegten.

Stromab fuhren die Schiffe stets allein, schildert Historiker Walter Henze. Die Werra hinauf wurden fast immer drei Schiffe zu einer „Mast“ aneinandergekoppelt, und 30 Männer oder zehn Pferde zogen das Dreigespann an langen Seilen stromauf. Eine arge Schinderei für Mensch und Tier, die auch Opfer forderte. Noch heute ist das zwischen Eschwege und Wanfried verlaufende linke Werraufer als „Leinpfad“ bekannt.

Albungen

Etwa 200 Kilometer werraabwärts bis Hann. Münden schwammen die Holzflöße der Wernshäuser. Je nach Wasserstand brauchten die Flößer mehrere Tage, ehe sie über Treffurt und Wanfried, die Schleuse in Eschwege und dann weiter über Bad Sooden-Allendorf und Witzenhausen ihre Fracht in Hann. Münden ablieferten. Hier wurden mehrere kleinere Flöße zu größeren Weser-Flößen gebunden. Oft nutzten Privatpersonen die Gelegenheit der Reise flussabwärts.

Auf dem Weg nach Hann. Münden übernachteten Wernshäuser Flößer in Wanfried und im Albunger Gasthof „Heiligenstein“. Bodo Ortmeier, Erbe des vor einiger Zeit geschlossenen Gasthofes, fand in einem alten Fremdenbuch des Gasthauses die Notiz, dass „1904 die Thüringer Flößer auf der Talfahrt und der Heimreise hier im Heiligenstein übernachteten“. Die Heimreise von Hann. Münden traten die Wernshäuser Flößer immer zu Fuß an. Ortmeiers Kontakte zum historischen Flößerverein von Wernshausen bestätigen diese Nachrichten.

Wernshausen

Das Flößergeschäft ernährte ganz Wernshausen. Mitte des 19. Jahrhunderts waren sämtliche männlichen Einwohner Flößer, man zählte bis zu zwölf Flößerfirmen. 1847 erreichte die Flussflößerei einen Höhepunkt, 1880 Dielenflöße und 770 Langholzflöße schwammen auf der Werra Richtung Hann. Münden. Nach Fertigstellung diverser Bahnstrecken in den Jahren um 1860 trat ein Rückgang der Holztransporte ein, die Zahl der Flößer nahm bis zum Kriegsbeginn schnell ab, 1914 waren es nur noch 164. Viele der 150 Flößerfamilien veränderten sich, wanderten nach Amerika aus.

Das letzte Holzfloß

In der früheren Eschweger Tageszeitung „Werra-Bote“ war 1894 zu lesen: „Noch 19 Flöße gelangten über die Werra in die Weser, die oft mehrere Kisten Keramikware, auch Obst und Holzkohle als Oblast geladen hatten.“ 1904 schrieb das Blatt: „Auf unserem Werrastrom herrscht ein lebhafter Fahrbetrieb. Zehn Flöße mit mächtigen Baumstämmen aus dem Thüringer Wald, passierten unsere Stadt, begünstigt durch einen vorzüglichen Wasserstand der Werra, während von anderen Flüssen bei der gegenwärtigen Dürre über minimale Wasserstände berichtet wird.“ Im August 1926 las man: „Auf der Werra hielten gestern einige Holzflöße, die aber wegen des Umbaues der Schleuse den Weg durch den Mühlgraben nehmen mussten.“

Das „Eschweger Tageblatt“ meldete am 30. März 1933, dass die ersten Flöße des Jahres die Werra befuhren. Zwischen 1928 und 1939 waren es insgesamt nur noch 709 Flöße mit 14 000 Festmetern, die in den elf Jahren an Eschwege vorbei Richtung Hann. Münden schwammen. Das letzte Floß lenkten 1939 die Wernshäuser Heinrich Wagner und Otto Fleischmann, dann war ein großes Kapitel Flussgeschichte beendet. Während des Zweiten Weltkrieges und danach gab es keine neuen Aktivitäten, auch bedingt durch die Entwicklung der Werra zum Grenzfluss. Der Waren- und Holzhandel hatte längst andere Wege eingeschlagen.

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