Landkreise Kassel und Werra-Meißner

Modellregion für Ökolandbau: „Wir wollen Begeisterung wecken“

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Fleischlieferanten, Landschaftspfleger und Touristenattraktion: Schafe können in der Modellregion Ökolandbau viele wichtige Aufgaben übernehmen. Unser Bild entstand an den Kripplöchern bei Frankershausen.

Die Hessen wollen mehr Bio-Produkte. Doch die müssen importiert werden, weil Hessen nicht genug produziert. Jetzt sollen die Landkreise Kassel und Werra-Meißner als „Modellregion Ökolandbau“ Anbau und Vermarktung vorantreiben.

Wir sprachen mit Koordinatorin Sabine Marten über Ziele und Projekte der Modellregion Ökolandbau.

Frau Marten, seit September vertreten Sie die Modellregion im Werra-Meißner-Kreis. Was hat sich seither getan abseits der Großveranstaltungen zum Start?

Sabine Marten: Wir hatten bereits zwei Anfragen von Landwirten und einem verarbeitenden Betrieb, die auf Bio umstellen wollen. Auch gab es zwei Anfragen von Studenten, die uns in ihre Masterarbeiten einbeziehen wollen. Die Lenkungsgruppe arbeitet sehr gut zusammen, das macht einfach Spaß.

Also ist eine Ihrer Aufgaben die Umstellungsberatung?

Marten: Nicht direkt. Ich helfe bei der Suche nach den richtigen Ansprechpartnern und knüpfe Kontakte. Wir überlegen, ob wir ein Patenschafts-Modell ins Leben rufen können, in dem Bio-Höfe Umsteller begleiten und an ihren Erfahrungen teilhaben lassen.

Liegt die Last der Bio-Offensive denn nur auf den Schultern der Landwirte?

Marten: Es reicht nicht, nur das Rohprodukt ökologisch herzustellen. Wir brauchen auch Verarbeiter für Bio-Produkte, die man als Markenzeichen der Region vorzeigen kann - und der Mehrwert bleibt hier. Ich will auch Wurst aus der Region kaufen, nicht nur Fleisch. Dazu müssten die Fleischer vermehrt Bio-Zutaten verwenden. Es könnte auch Bio-Mostereien geben, die heimisches Obst zu Bio-Säften verarbeiten.

Die Modellregion hat drei Schwerpunkte: Grünlandsicherung, Bildungsarbeit und Vermarktung. Wie sieht das aus?

Marten: Um Grünland zu sichern, müssen wir einen höheren Preis für Bio-Fleisch etablieren. Dadurch bekommen die Landwirte Anreize, auch extreme Lagen zu beweiden, die man landwirtschaftlich nicht anders nutzen kann. Wenn etwa Schafe am Meißner den Kalkmagerrasen kurz halten und Verbuschung verhindern, ist das wichtig zum Erhalt der Kulturlandschaft. Die Schafe erreichen aber ihr Schlachtgewicht später, weil ihr Futter nicht so reichhaltig ist. Trotzdem muss sich diese Haltungsart für Landwirte lohnen.

Wie wollen Sie in puncto Bildung vorgehen?

Marten: Hier wollen wir zuerst die nächste Generation ansprechen. Denn obwohl wir auf dem Land leben, wissen viele Kinder nichts über Landwirtschaft. Es wäre toll, wenn jede Schule einen Paten-Bio-Hof hätte. Aber wir wollen auch intensiv mit dem Schulbauernhof in Oberrieden als erster Anlaufstelle zusammenarbeiten.

Und bei der Vermarktung?

Marten: In Witzenhausen gibt es viele Menschen, denen Bio wichtig ist. Diese Begeisterung wollen wir in den Südkreis bringen - und dazu auch die Gastronomie ins Boot holen, die wiederum den Tourismus stärken kann. Es ist wichtig, sie besser mit den Produzenten zusammenzubringen: Gastronomen können nicht für den Kauf ihrer Zutaten mehrere Höfe anfahren. Gleichzeitig können Landwirte nicht überallhin liefern. Eine Idee wäre, Depots einzurichten oder Lieferwege abzustimmen. Wir müssen ermitteln: Wer braucht was und welche Produkte sind vorhanden? Wenn die Restaurants wenigstens ein Bio-Gericht anbieten würden und etwas über die Herkunft ihrer Produkte erzählen könnten, wäre das ein erster Erfolg.

Zudem wollen wir den Kontakt der Region zur Stadt Kassel verstärken und Edeka- und Rewe-Märkte, die ihr Sortiment selbst gestalten können, veranlassen, mehr Produkte aus der Region anzubieten.

Wie können Menschen mit geringem Einkommen einbezogen werden? Bio- und regionale Produkte sind oft teurer.

Marten: Ein Weg wäre, den Wert des Fleisches fair zu bezahlen, aber weniger Fleisch zu essen. Verbraucher könnten bewusster einkaufen und hin und wieder regionale Produzenten unterstützen. Denn die zahlen hier Steuern und geben ihr Geld hier aus. So kann man die ganze Region stärken.

Kürzlich war die Modellregion Thema des Hochschultags in Witzenhausen. Was haben Sie davon mitgenommen?

Marten: Es gab viel Begeisterung und Interesse für dieses Projekt, viele Teilnehmer haben angeboten, ihre Erfahrungen einzubringen. Auch der Hirnforscher Gerald Hüther war da: Er hat betont, dass wir die Menschen für Bio begeistern müssen, wenn wir Erfolg haben wollen.

Wie wollen Sie das machen?

Marten: Das geht nur über Aufklärungsarbeit, nicht mit dem erhobenen Zeigefinger. Die Begeisterung der Produzenten muss anstecken. Dazu würden wir gern Landpartien anbieten - Touren für Einheimische und Touristen zu Bio-Höfen. Dort könnten sie sich über die Herkunft der Lebensmittel informieren.

Zur Person

Sabine Marten (54) ist gelernte Gärtnermeisterin und gebürtige Schleswig-Holsteinerin. Seit 1988 lebt sie in Nordhessen: Zunächst in Kaufungen, seit 2007 in Witzenhausen. Seit September ist sie halbtags Koordinatorin der Ökolandbau Modellregion im Werra-Meißner-Kreis. Mit der anderen halben Stelle arbeitet sie für den Dreschflegel e.V.. Marten lebt in einer Partnerschaft und hat einen erwachsenen Sohn.

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