Beschuldigtem droht Psychiatrie

40-Jähriger wegen gefährlicher Körperverletzung vor Gericht: Gutachter bescheinigt wahnhafte Vorstellungen

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Vor dem Landgericht Kassel wird der Fall verhandelt. Morgen soll das Urteil folgen.

Gefährliche Körperverletzung wirft die Staatsanwaltschaft einem 40-jährigen vor, der sich deswegen seit gestern vor dem Kasseler Landgericht verantworten muss.

Update, 18.12.2019, 17.45 Uhr: Der 40-jährige Flüchtling aus Somalia, der im Februar 2018 einen Mitbewohner in einer Unterkunft in Eltmannshausen mit einem Stuhl und einem Messer verletzt hatte, bleibt in der forensischen Psychiatrie. 

Das hat die 11. Strafkammer des Kasseler Landgerichts entschieden. Der Göttinger Psychiater Dr. Georg Stolpmann hatte gestern in seinem Gutachten eine „paranoide, halluzinatorische Psychose“ diagnostiziert, die dem Krankheitsbild der Schizophrenie zuzuordnen sei. 

Gutachter: Angeklagter lebt in einer anderen Realität

„Der Beschuldigte lebt in einer anderen Realität, ihm fehlt die Fähigkeit zur Einsicht in das Unrecht des eigenen Handelns“, führte der Psychiater aus. Er höre Stimmen, die ihm Aufträge erteilen, denen er schutzlos ausgeliefert sei. Eine Therapie könne ihm helfen, allerdings fehle ihm die Einsicht, krank zu sein, sodass er sich einer Mitarbeit verweigere und auch die Einnahme der nötigen Medikamente ablehne. 

Gutachter schildert die wahnhaften Vorstellungen des Angeklagten

Stolpmann schilderte die wahnhaften Vorstellungen des Flüchtlings, der 2015 über Kenia und Malta nach Deutschland gekommen war. So glaube er, die amerikanische Bundespolizei habe ihm einen Chip in den Kopf gepflanzt, überwache, verfolge und steuere ihn. Man habe seine DNA ausgetauscht, sodass er der eigenen Identität nicht mehr vertraue: „Ich bin nicht mehr ich“, habe er während der Untersuchung gesagt. Sein Gehirn sei online und damit für alle sichtbar. Das FBI verhindere die notwendige Reinigung seines Gehirns. 

Gutachter empfiehlt Unterbringung in Psychiatrie

Diese wahnhaften Vorstellungen könnten immer wieder zu Angriffen auch auf ihm völlig unbekannte Menschen führen, weshalb die Unterbringung in der Psychiatrie dringend angeraten sei, sagte der Mediziner. Stolpmann bescheinigte dem Analphabeten, der nach eigenen Angaben nie eine Schule besucht habe, eine Intelligenz am unteren Durchschnitt. Sein Asylantrag wurde bereits abgelehnt. Da seine Krankheit aber in Somalia nicht adäquat behandelt werden kann, darf er nicht abgeschoben werden.

40-Jähriger wegen gefährlicher Körperverletzung vor Gericht

Erstmeldung, 16.12.2019, 6.30 Uhr:  Der Mann leidet vermutlich unter paranoider Schizophrenie, sodass es in dem sogenannten Sicherungsverfahren nicht um eine Bestrafung, sondern um eine unbefristete Einweisung in eine forensische Psychiatrie geht.

Laut Staatsanwältin Kreiling soll der Beschuldigte am 5. Februar 2018 in der Flüchtlingsunterkunft in Eltmannshausen nach einem verbalen Streit mit einem 59-jährigen Landsmann zu einem Stuhl gegriffen, damit auf den Kontrahenten eingeschlagen und ihn am Bein getroffen haben. Anschließend habe er ein Taschenmesser mit fünf Zentimeter langer Klinge gezogen und dem Älteren damit eine drei Zentimeter lange Schnittwunde am Unterarm zugefügt.

Krankhafte Störungen 

Der Beschuldigte leide unter einer krankhaften seelischen Störung, von ihm seien weitere Gewalttaten zu erwarten, sagte Kreiling. Deshalb komme eine Unterbringung in der Psychiatrie in Betracht.

Seit der Tat sitzt der Somalier bereits in einem psychiatrischen Krankenhaus in Haddamar. Vor Richter Dr. Christian Springmann und seiner Kammer schilderte der Beschuldigte das Geschehen. Danach sei der 59-Jährige in den Gemeinschaftsraum gekommen und habe sofort den Fernseher ausgeschaltet. 

Er habe ihn wieder an-, der andere wieder ausgeschaltet. Dann habe er von dem Älteren eine Ohrfeige erhalten. Er habe den Stuhl genommen und zugeschlagen, von einem Messer wisse er nichts, berichtete der mittelgroße, eher schmale Mann mithilfe einer Dolmetscherin.

Geschädigter sieht anderen Verlauf

Der Geschädigte gab einen anderen Verlauf der Ereignisse an. Er habe den Beschuldigten aufgefordert, die anderen Bewohner des Heimes in Ruhe zu lassen. Daraufhin sei der völlig ausgerastet und habe mit dem Stuhl zugeschlagen. Den gegen seinen Hals geführten Messerstich habe er mit dem hochgerissenen Unterarm auf Kosten einer Schnittverletzung abwehren können. Dann sei die Polizei gekommen.

Bereits zuvor war der 40-Jährige bei verschiedenen Vorfällen so auffällig geworden, dass die Arbeiterwohlfahrt (Awo), die in Eschwege die Flüchtlingsheime betreibt, eine weitere Unterbringung abgelehnt hatte. Unter anderem war er wegen sexueller Belästigung polizeibekannt geworden. 

Der 40-jährige Asylbewerber ist vermutlich im Jahr 2015 auf unbekannten Wegen von Somalia nach Deutschland gekommen. Seit Anfang 2016 war er im von der Awo betriebenen Flüchtlingsheim in Eschwege, später in der inzwischen geschlossenen Einrichtung in Eltmannshausen untergebracht. Sein Asylantrag wurde inzwischen abgelehnt, weil eine politische Verfolgung nicht nachgewiesen wurde. Abgeschoben werden kann er wegen seiner Krankheit trotzdem nicht.

Der 40-jährige Somalier glaube, dass er vom FBI verfolgt werde. Er sei fest davon überzeugt, dass ihm die US-amerikanische Bundespolizei einen Chip ins Gehirn gepflanzt habe, um ihn so steuern zu können. 

Mit diesen Worten schilderte gestern der rechtliche Betreuer des Beschuldigten als Zeuge die gesundheitlichen Probleme des Mannes, um den er sich seit drei Jahren kümmert. 

Schon im Juli 2017 war dieser für mehrere Wochen wegen paranoider Schizophrenie in einer Eschweger Klinik untergebracht worden. Der Einweisung war ein Vorfall an der Bundesstraße 27 vorangegangen. Dort hatte er vorbeifahrende Autos lautstark beschimpft und versucht, diese mit einem Messer und einem Stock zu beschädigen, sagte der Rechtsanwalt aus. Zurück im Heim, habe er sich dann mit einem Kopfstoß gegen die Wand selbst verletzt. 

Seit Beginn verschlossen 

Von Anfang an habe er jede Zusammenarbeit mit seinem Betreuer abgelehnt. Er habe keine Einsicht in seine Erkrankung und habe seine Medikamente nur unregelmäßig eingenommen, was zu weiteren Vorfällen führte. 

Eine 26-jährige Frau aus Bad Sooden-Allendorf berichtete unter Tränen, wie sie mit einer Arbeitskollegin an einer Bushaltestelle nahe dem Eschweger Stadtbahnhof von dem Angeklagten bedrängt worden sei. Der habe mit Geldscheinen in der Hand immer wieder Sex gefordert und auch dann weitergemacht, als sie ihn angeschrien habe, sofort aufzuhören und zu verschwinden. 

Platzverweis half nicht 

Als die herbeigerufene Polizei einen Platzverweis aussprach, sei er auf dem Fahrrad dem Bus nachgefahren, in dem sich die beiden Frauen befanden. Ihnen gegenüber machte er mehrfach die Geste des Halsabschneidens. 

Auch eine Awo-Mitarbeiterin berichtete gestern als Zeugin von einem beängstigendem Treffen mit dem Angeklagten in ihrem Büro. Der Mann sei sehr aggressiv geworden, habe herumgebrüllt und sei ihr so nahe gekommen, dass sie zur Kollegin ins Nachbarbüro geflüchtet sei. Zwei Mal habe er ihr später am Bahnhof aufgelauert und sie beschimpft. 

Die Verhandlung vor dem Landgericht wird morgen um 9 Uhr fortgesetzt. Der Göttinger Psychiater Dr. Georg Stolpmann wird dann sein Gutachten über die Erkrankung des Mannes abgeben. Dann soll das Urteil folgen.

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