Kommunen müssen jetzt häufiger Obdachlose in Notunterkünften unterbringen

In einigen Städten im Kreis steigt die Obdachlosenzahl, die von  Kommunen in Notunterkünften untergebracht werden. Besonders betroffen: Witzenhausen, Hessisch Lichtenau und Sontra.

Das hat eine Umfrage unserer Zeitung ergeben. Aus der größten Stadt, Eschwege, liegen keine Antworten vor. Kleinere Gemeinden wie Berkatal, Neu-Eichenberg und Ringgau mussten dagegen schon lange keine Wohnungslosen mehr betreuen.

Michael Polzhuber vom Witzenhäuser Ordnungsamt beobachtet einen Anstieg seit etwa zwei Jahren. 2017 hätten sich insgesamt sechs Personen obdachlos gemeldet, 2018 seien es 19 Personen gewesen. „Im laufenden Jahr hatten wir bis heute rund 20 Obdachlosenfälle.“ Für die Stadt ergebe sich daraus ein großer bürokratischer und organisatorischer Aufwand. Das bestätigt die Stadtverwaltung Hessisch Lichtenau: Dort habe man sonst pro Jahr ein bis zwei Obdachlose unterbringen müssen, nun seien es fünf bis sechs. Sontra nahm 2018 drei Betroffene in städtischen Wohnungen auf.

Michael PolzhuberOrdnungsamt Witzenhausen

Viele der Betroffenen leben nicht seit Langem auf der Straße, sondern kommen kurzfristig in eine Notlage – die Stadtverwaltungen nennen Mietschulden, Partnerschaftsprobleme, Jobverlust, häusliche Gewalt, aber vor allem Suchterkrankungen als Beispiele. Einige seien aus Suchthilfeeinrichtungen herausgeflogen. Das bestätigt Bernd Mühlhausen von der Witzenhäuser Anonymen Suchthilfe „Die Chance“: Rückfälle, Diebstahl, Gewalt, Nichtintegration in die Gemeinschaft und Missachtung der Hausregeln seien Gründe, warum Suchtkranke Einrichtungen verlassen müssen. „In Therapieeinrichtungen und trockenen und cleanen WG ist der Konsum von Suchtmitteln absolut inakzeptabel.“ Wegen der Gruppendynamik würde sonst die Hemmschwelle bei den Mitbewohnern sinken. Im ungünstigsten Fall könnte die ganze WG von der Suchtspirale mitgerissen werden. Wer ausziehen müsse, führe in der Regel seinen Konsum fort, sagt Mühlhausen. „Ein Ausbruch aus der Sucht ohne Hilfe ist fast nicht mehr möglich.“

Die Städte und Gemeinden können wohnungslose Menschen nicht zwingen, in eine Obdachlosenunterkunft zu ziehen, sagt Friedel Lenze, Bürgermeister von Berkatal und Sprecher der Rathauschefs im Landkreis. Wenn allerdings ein Obdachloser um Hilfe bittet, seien die Kommunen verpflichtet, denjenigen unterzubringen. Das sei aus rechtlicher Sicht eine Aufgabe der Gefahrenabwehr, erläutert Michael Polzhuber vom Ordnungsamt Witzenhausen

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Rubriklistenbild: © Sina Schuldt/dpa

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