Hessenfest in Berlin unmittelbar nach der Präsidentenwahl: Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle

Und am Abend die große Sause

Entspannung in der Hessischen Landesvertretung in Berlin am Abend eines historischen Tages (von links): Hessens Wirtschaftsminister, Dieter Posch (FDP), Bernd Siebert (CDU-Vorsitzender in Nordhessen), Ursula Bouffier mit Ehemann Volker, dem nächsten hessischen Ministerpräsidenten, und die Ehefrau Dieter Poschs, Isolde. Fotos: Pézsa

BERLIN. Der Gastgeber kam vier Stunden zu spät zu seiner Party. Aber Roland Koch hatte ja auch wichtige Gründe, wie das Volk im Fernsehen verfolgen konnte und Kochs geschätzte 2500 Gäste mithilfe ihrer Smartphones. Wo immer einer so ein Ding in der Hand hielt, fragten ihn wildfremde Leute zwischen Äppelwoi, Handkäs und Naturtrübem: „Wird die Klatsche für Merkel jetzt noch schlimmer?“

Die fast gescheiterte Wahl Christian Wulffs beherrschte am Mittwochabend das Hessenfest in der Berliner Landesvertretung – vor dem Eintreffen Kochs, und noch lange danach bis in die letzten Ausläufer der Riesensause, als am frühen Donnerstagmorgen Ahle Worscht, Frankfurter Grüne Soße, Wildbraten und allerlei andere Köstlichkeiten weitgehend verzehrt waren, als auch der letzte Live-Rock-’n’-Roll durch Musik vom CD-Player ersetzt worden war und als nur noch eine Cocktailbar die letzten Drinks verteilte. Kostenlos, versteht sich, man war ja zu Gast.

Dass es draußen vor dem Tor noch ein Volk gab, welches möglicherweise nicht gut auf Politiker im Allgemeinen und auf die schwarz-gelbe Koalition im Besonderen zu sprechen war – das war manchem Schlemmer düster bewusst. Doch tröstete der Gedanke, dass man 1. ja auch selbst Volk ist, 2. selbst bei bestem Willen nie das ganze Volk einladen kann, und 3. dass man den denkwürdigen Tag ja inmitten zahlreicher Repräsentanten des Volks erlebte, ja sogar der Völker: Botschafter, Abgeordnete, Regierungsmitglieder, Regierungspräsidenten, Landräte, Ehrenamtliche, Ortsheimatpfleger, Vereinsvorsitzende, Bürgermeister, verdiente Tierfreunde, Atomlobbyisten und Ministerialdirektoren aller Art (samt ihren auffällig zahlreichen Assistentinnen).

Als Koch seine Gäste schließlich begrüßte, kurz nach 22 Uhr war das, da hatte er dem Vernehmen nach die möglicherweise entscheidende Rede des Tages schon gehalten: nämlich nach dem gescheiterten zweiten Versuch von Union und FDP in der Bundesversammlung, ihren Kandidaten Wulff endlich ins Schloss Bellevue zu bekommen. Koch sei es gewesen – sagt ein Teilnehmer – der bei der Klausur der Unionsleute „uns richtig gepackt hat“. So stimmten schließlich 625 Delegierte für Wulff, wobei den Gästen des Hessenfestes nicht entging, dass auch bei diesem Ergebnis mindestens 18 Delegierte der eigenen Couleur nicht für Wulff stimmten.

Bizarre Szenerie

Merkel und Westerwelle hielten ihren Besuch auf dem Hessenfest denn auch kurz, gefühlte zehn Minuten. Und die Vorstellung, einmal im Leben auf diese Weise ein Schöppchen Wein trinken zu müssen, ließ manchen Betrachter der bizarren Szenerie schaudern: Endlos zuckendes Blitzlicht aus allen Richtungen, Scheinwerfer, Gedränge und zornige Schmerzensrufe, wenn sich im Pulk um Merkel und Westerwelle wieder einmal welche auf die Füße getreten waren.

Jedenfalls kann nun niemand sagen, die beiden Spitzenleute der schwarz-gelben Koalition hätten ihren Erfolg in der Bundesversammlung nicht noch gefeiert.

Von Tibor Pézsa

Quelle: HNA

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