In Biblis ist die Atomkatastrophe in Japan Thema Nummer eins

Biblis. Die Atomkatastrophe in Japan beschäftigt die Menschen in Biblis in ganz besonderer Weise. In der südhessischen Gemeinde steht das älteste Atomkraftwerk in Deutschland. Wer sich umhört bemerkt schnell: Das Thema ist heikel.

Die Frage nach dem Atomkraftwerk vor der Haustür gleicht im südhessischen Biblis einem Stich ins Wespennest. So auch bei der Gymnastikgruppe in der katholischen St. Bartholomäus-Pfarrei. „Die Nachrichten aus Japan sind schon beängstigend“, sprudelt es am Montag aus einer Teilnehmerin heraus. Sofort ergänzt eine andere: „Es geht aber auch um Arbeitsplätze. Das ist für viele das Gegenargument.“

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In der Heimatgemeinde des ältesten noch laufenden Atommeilers in Deutschland ist die Kernenergie stets Thema - auch angesichts der Fehler, die in Biblis immer wieder vorkommen. Mal ist es eine undichte Absperrklappe, mal ein Defekt an einem Wasserkühler eines Dieselmotors. Für die Atomkraftgegner ist Biblis ein „Schrottreaktor“, der abgeschaltet werden muss. Für den Betreiber RWE nicht. „Die Unglücke von Japan sind so auf Deutschland nicht zu übertragen“, sagte Sprecher Manfred Lang. „Die Anlagen entsprechen den Sicherheitsstandards.“

Ihre Namen wollen die Frauen in Biblis nicht sagen. Das Thema ist ihnen zu heiß. „Die Meinungen über das Atomkraftwerk sind in Biblis geteilt“, schildern sie die Stimmung unter den rund 9000 Einwohnern. Auch die beiden Männer, die sich auf der Straße über die Reaktorkatastrophe unterhalten, wollen anonym blieben - wie der Mann, der gerade vom Bäcker kommt.

Für die zwei Männer, die vor der Sparkasse zusammenstehen, sind Ereignisse wie in Japan in Deutschland nicht vorstellbar. „Ich habe 35 Jahre im Atomkraftwerk Biblis gearbeitet“, erzählt der eine. „Ich habe jetzt ehrlich gesagt weniger Angst als früher. In Japan kühlen sie ja den Reaktor mit Meerwasser.“ Auch in Biblis stünde durch den Rhein genug Wasser zur Verfügung. Keine Gedanken macht sich auch ein anderer ehemaliger Biblis-Beschäftigter, der sich beim Bäcker Frühstück geholt hat. „Die Sicherheit dort ist gut.“

Das Kraftwerk ist der größte Arbeitgeber in Biblis. „Bei uns in der Straße wohnen allein 15 Monteure“, schildert eine Frau aus der Gymnastikgruppe. Mit Lohn und Brot argumentiert auch der Betreiber RWE. Biblis sichere 1500 Arbeitsplätze im Kraftwerk und in der Region. Hinzu kämen jährlich Aufträge für 70 Millionen Euro. Dies ist auch für den Gemeindesäckel von Biblis wie ein warmer Regen.

Ausgesprochen kritisch äußert sich eine jüngere Frau aus der Gymnastikgruppe. „Ich habe mich bei Tschernobyl schon aufgeregt. Ich hoffe, dass endlich mal etwas gegen die Atompolitik getan wird“, schimpft sie. „Hätten wir vor 50 Jahren in Wind, Wasser und Sonne investiert, bräuchten wir heute schon keine Atomkraftwerke mehr.“ (dpa)

Quelle: HNA

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