HNA-Interview

Kraftwerkschef Lauer im Interview: „Biblis kann 60 Jahre laufen"

Ohne Strom aus Atomkraftwerken ist eine gesicherte Versorgung Deutschlands mit bezahlbarem Strom auf absehbare Zeit noch nicht zu haben, meint Hartmut Lauer, Leiter des Kernkraftwerks Biblis. Deshalb müsse die Laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke sein, sagte er im Interview.

Vor ein paar Tagen haben Meldungen für Aufsehen gesorgt, dass der Stuxnet-Computerwurm in Irans Atomanlagen eingeschleust wurde. Erleben wir jetzt eine völlig neue Terrorgefahr für Kernkraftwerke?

Hart mut Lauer: Das scheint in der Tat eine neue Bedrohung. Selbstverständlich nehmen wir das ernst und haben auch entsprechende Untersuchungen durchgeführt. Deshalb kann ich ausschließen, dass von so einem Virus unsere Sicherheitsleittechnik, die keinerlei Verbindung mit internen oder externen Rechnernetzen hat, betroffen ist. Ein externer Zugriff auf die Sicherheitsleittechnik ist daher nicht möglich. Für die Konfigurierung der Systeme benutzen wir zudem spezielle Geräte, die unter Verschluss gehalten werden, wir machen wiederkehrende Funktionsprüfungen, um uns gegen Einwirkungen von außen zu schützen.

Die Reaktorblöcke Biblis A und B gingen 1974 und 1976 ans Netz. Damit gehören sie zu den ältesten deutschen Atommeilern. Was würde man sicherheitstechnisch heute anders bauen?

Lauer: Bei der Generation drei, wie dem europäischen Druckwasserreaktor EPR, wie er jetzt unter anderem in Finnland und Frankreich gebaut wird, handelt es sich um eine Weiterentwicklung vorhandener Reaktoren. Dabei hat man zum einen Wert auf einer Steigerung der Wirtschaftlichkeit gelegt und zum anderen zusätzliche Sicherheit eingebaut, sodass bei solchen Anlagen selbst unter Annahme schwerster die Auslegung überschreitender Störfälle die Auswirkungen auf die Anlage begrenzt werden. In Biblis haben wir sicherheitstechnisch erheblich nachgerüstet und Komponenten verwendet, zum Beispiel in der Leittechnik, die auch im EPR zum Einsatz kommen werden.

Und was sagen die Ermüdungsberechnungen für den Stahl des Reaktordruckbehälters und den Beton des Sicherheitsbehälters nach 35 Betriebsjahren aus?

Lauer: Berechnungen zeigen, dass die Reaktordruckbehälter eine Standzeit von über 80 Jahren haben. Das heißt, dass so ein Kraftwerk wie Biblis technisch 60 Jahre laufen kann, wie es in anderen Ländern zum Beispiel den USA oder den Niederlanden möglich ist. Der Reaktordruckbehälter ist aber wohl die einzige Komponente, die man aus wirtschaftlichen Gründen nicht austauschen würde.

Haben Sie Verständnis für Menschen, die schon von einem KKW im Normalbetrieb eine erhöhte Strahlenbelastung befürchten?

Lauer: Zunächst: Die Autoren der KiKK-Studie (Kinderkrebs in der Umgebung von Kernkraftwerken, d. Red.) sind zu dem Ergebnis gekommen, dass ihre statistischen Ergebnisse „nicht strahlenbiologisch erklärbar“ ist. Sie stellen auch fest, dass es im Umfeld der Kernkraftwerke zwar eine leichte Risikoerhöhung für Erkrankungen, aber keine auffälligen Häufungen von Krebserkrankungen im Verhältnis zu anderen Gegenden in Deutschland gibt. Und das Bundesumweltministerium hat damals festgestellt, dass die Strahlung der Kernkraftwerke „um mindestens das Tausendfache höher sein müsste“, um die statistisch hergeleiteten Auffälligkeiten zu erklären.

Was heißt das aus Ihrer Sicht?

Lauer: Ich glaube, bei dem Thema Strahlung spielt sicher ein psychologischer Effekt eine Rolle: Man kann sie nicht sehen, nicht hören, nicht schmecken. Aber: Der Bundesbürger ist im Mittel mit vier Millisievert pro Jahr belastet, zur einen Hälfte durch natürliche Strahlung, zur anderen Hälfte durch zivilisatorische Strahlung, im Wesentlichen resultierend aus ärztlichen Untersuchungen. Rund um das Kernkraftwerk Biblis werden ständig Messungen gemacht, die von den Behörden streng überwacht werden und online jederzeit verfolgt werden können. Die Werte belegen, dass die zusätzliche Strahlung im Normalbetrieb bei einem Tausendstel dieses Wertes liegt.

Das Rhein-Main-Gebiet gehört zu den am dichtesten besiedelten Gebieten Deutschlands. Ein GAU wie in Tschernobyl hätte da unvorstellbare Folgen.

Lauer: Ich bin der festen Überzeugung: Einen Fall wie Tschernobyl wird es in westlichen Anlagen nicht geben. Wir haben in den vergangenen zehn Jahren in Biblis über 1,4 Milliaren Euro investiert, und damit die Sicherheitsreserven noch einmal deutlich erhöht. Internationale Experten wie auch die Periodische Sicherheitsüberprüfung attestieren unserem Kraftwerk ein sehr hohes Sicherheitsniveau. Ich selbst wohne wie viele Mitarbeiter in unmittelbarer Nähe von Biblis. Kurzum: Unser Kernkraftwerk ist sicher. Niemand muss sich Sorgen machen.

Wie viel radioaktiver Abfall entsteht durch die beschlossene Laufzeitverlängerung zusätzlich?

Lauer: Fakt ist: Das Problem der Endlagerung ist sowieso zu lösen, auch ohne Laufzeitverlängerung. Nach dem alten Atomgesetz wären es bei der Abschaltung rund 277 000 Kubikmeter schwach und mittelradioaktiver Abfall, der im Endlager Schacht Konrad eingelagert werden soll. Durch die Verlängerung kommen etwa 10 000 Kubikmeter nicht wärmeentwickelnder Abfall hinzu. Schacht Konrad ist für über 300 000 Kubikmeter nicht wärmeentwickelnde Abfälle zugelassen. Bei den hochradioaktiven Abfällen sind es nach alter Regelung 25 000 Kubikmeter, wie zum Beispiel Brennelemente. Hier kämen rund 5500 Kubikmeter hinzu.

Und was bedeuten diese Zahlen?

Lauer: Diese Mengen könnte der Salzstock in Gorleben aufnehmen - falls die Untersuchungen positiv verlaufen, wovon ich überzeugt bin. Die Kosten für die Endlagerung, das will ich ausdrücklich betonen, trugen und tragen die Abfallverursacher, nicht der Steuerzahler.

Das Drama um den Wassereinbruch in der Asse hat die Ängste der Bevölkerung nicht gerade besänftigt …

Lauer: Das ist wirklich nicht vertrauensfördernd. Die Asse wurde als Forschungseinrichtung unter staatlicher Führung betrieben. Sie ist nicht vergleichbar mit dem Salzstock von Gorleben. Dort handelt es sich nicht um ein ausgebeutetes Kalibergwerk wie bei der Asse, sondern um einen quasi unberührten Salzstock.

Von Peter Ochs

Zur Person

Hartmut Lauer (63) wurde in Bamberg geboren. Nach dem Studium an der TU Hannover arbeitete er drei Jahre in Italien an der Euratom-Forschungsstelle Ispra. 1977 ging er für den Energiekonzern RWE nach Lyon (Frankreich), um als Projektingenieur bei der Errichtung des Superphénix-Kernkraftwerks mitzuwirken. 1992 wechselte er an das dem Energiekonzern RWE gehörende Kernkraftwerk Biblis, dessen technischer Leiter er 1995 wurde. Seit April 2001 ist er Leiter des Kraftwerks. Hartmut Lauer ist verheiratet, hat drei Kinder und vier Enkel.

Quelle: HNA

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