Drittklässler-Lernstandserhebung - Schulleiter und Eltern: Zu schwer und entmutigend

Kassel. Verstörte Kinder, irritierte Eltern, Lehrer, die sich beschweren: Nach der landesweiten Lernstandserhebung in Mathematik und Deutsch brodelt es an Hessens Grundschulen. Für Drittklässler zu schwer, zu unübersichtlich, schlicht entmutigend.

Was da an Konzentration nötig sei, übersteige alles, was Achtjährige gewohnt seien. Das beklagt nach erstem Murren der Lehrergewerkschaft GEW und des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) auch der Interessenverband Hessischer Schulleiter (IHS).

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Ärger an Grundschulen: Kinder werden „beschämt“

Der Landeselternbeirat will bei Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) diese Woche ebenfalls Protest abladen. Angela Becker, Rektorin der Kasseler Grundschule Jungfernkopf, spricht von „hoch frustrierten“ Kindern, von „gebündeltem Frust“: „Die Aufregung ist groß.“

Die Lernstandstests hätten keine Erfolgserlebnisse gebracht, dafür „Ermüdung und völlige Aufgabe“. Inhaltlich und methodisch sei das weit von dem entfernt, was Lehrer eigentlich pädagogisch anstrebten. Becker beklagt „Zumutungen, die im normalen Schulalltag niemals akzeptiert werden“.

Starker Tobak - doch die Kritiker haben einen wichtigen Mitstreiter: Erich Wittmann, Uni-Professor aus Dortmund und bundesweit bekannter Schulbuchautor, hat sich den vom Berliner Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen erstellten Mathe-Test vorgeknöpft. Sein Fazit: schon von der Sprache her „Schund“.

Wittmanns Brief an die Ministerin:„Wer auch nur ein wenig Ahnung von wirklicher Mathematik hat, schreibt keine solchen Texte.“ „Dilettanten“ am Werk Und das Rechnen an sich? Auch da sieht Wittmann „Ignoranten und Dilettanten“ am Werk. Wer bei Kindern abfrage, was im Unterricht nicht gründlich behandelt sei, verstoße gegen den Vertrauensschutz. Geometrie, Größen und Sachrechnen kämen im Test gar nicht oder kaum vor, anderes sei grotesk überbewertet: „Kompetente Lehrerinnen und Lehrer stellen solche Aufgaben nicht.“

Aus dem Kultusministeriums hieß es auf HNA-Anfrage, die Lernstandserhebung sei keine Klassenarbeit, sondern eine „Diagnose“, um Lehrer anzuleiten, „wie der folgende Unterricht zu gestalten ist“. Der Test werde ja nicht benotet. Er solle bundesweit zeigen, welche Kompetenzen Schüler schon beherrschten und welche nicht.

Da könne natürlich nicht jeder alles lösen. Zuständig sei überdies die Kultusministerkonferenz der Länder. Dort werde man auch Kritik diskutieren. Immerhin: Der Protest lässt Ministerin Henzler überlegen, den nächsten Mathe-Lernstandstest auf zwei Tage zu verteilen, „damit die Bearbeitungszeit immer unter 45 Minuten liegt“.

Diesmal waren’s 60 Minuten am Stück mit zehn Minuten Pause. Arbeiten der dritten Klasse dauern in Hessen höchstens 30 Minuten. Dass Lehrer aus Bergen von Kopien die Tests für ihre Kinder zusammentackern mussten, bleibt auch nicht unbedingt so: Wiesbaden denkt fürs nächste Mal an gedruckte Lernstandserhebungshefte.

Von Wolfgang Riek

Gummibärchen und Würfel - Viermal Mathe: Testen Sie Ihre Drittklässler-Kompetenzen

1. "Anna fädelt zwei schwarze (S), eine weiße (W) und eine gestreifte (G) Perle auf. Die schwarzen Perlen liegen nicht nebeneinander. Notiere alle Möglichkeiten.“ (1. Lösung gegeben: S,W,G,S).
Kritik von Matheprofessor Erich Wittmann: „Die Frage, wie man drei verschieden farbige Kugeln auffädeln kann, wäre okay. Die künstliche Nebenbedingung erschwert die Aufgabe unnötig.“
Lösung: W,S,G,S / G,S,W,S / S,G,S,W / S,G,W,S / S,W,S,G

2. „Du würfelst mit einem Würfel, und gewinnst, wenn du eine 6 würfelst. Du wirfst eine Münze und gewinnst, wenn du die Zahl siehst. Begründe wo die Gewinnchancen größer sind.“

Wittmann: „Vergleich mathematisch unsinnig. Begründung aufzuschreiben ist schwer.“

Lösung: Gewinnchance bei Münzwurf größer: Das Geldstück kann nur auf zwei Seiten fallen, der Würfel auf sechs.

3. „Du füllst zehn Gummibärchen in einen Beutel. Sie können rot oder gelb sein. Dein Partner darf mit verbundenen Augen zwei Gummibärchen herausnehmen. Wie musst du den Beutel füllen, damit dein Partner die besten Chancen hat, ein gelbes und ein rotes Bärchen zu ziehen?“

Wittmanns Urteil: „Gehört in Sekundarstufe I. Nur Ignoranten geben die Aufgabe in Klasse 3.“

Lösung: Je fünf gelbe und rote Bärchen müssen in den Beutel.

4. „Du wirfst einmal mit zwei normalen Würfeln und multiplizierst die Augenzahlen. Welches Ergebnis ist unmöglich?“ (Zum Ankreuzen): 1, 17, 25, 36.

Wittmann: „Warum wird nicht gefragt, welche Zahlen keine Einmaleinszahlen sind? Warum solche Verklausulierungen?“

Lösung: 17 (Primzahl) kann nicht Ergebnis einer Multiplikation mit 2, 3, 4, 5 oder 6 sein.

Quelle: HNA

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