UN: Behinderte haben ein Recht auf Inklusion

Eine Schule für alle Kinder

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Gemeinsam lernen: Nicole (rechts) hilft der körperbehinderten Monique beim Malen in einer integrativen Grundschule.

Wiesbaden. Mit der Vorlage des Schulgesetzentwurfs der SPD und den Ankündigungen für einen Entwurf der Regierung wird auch das Thema Inklusion verstärkt diskutiert in Hessen.

Die Anforderungen der UN-Menschenrechtskonvention, behinderte Kinder mittelfristig nicht mehr in Förderschulen, sondern in den allgemeinen Schulen zu unterrichten, stellt das hessische Schulwesen vor große Herausforderungen und wird insbesondere von der CDU kritisch gesehen.

Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) hat jedoch angekündigt, ihr Gesetzentwurf werde die UN-Vorgaben zur Inklusion erfüllen: "Der gemeinsame Unterricht soll dafür zum Regelfall erhoben werden, wenn er sächlich, räumlich, personell und pädagogisch den Anforderungen des einzelnen Kindes entsprechend ausgestattet werden kann."

Die Oppositionsparteien SPD, Grüne und Linke kritisieren, dass diese Einschränkungen die geforderte Regel wieder zur Ausnahme machten. Allerdings will die SPD in ihrem Gesetzentwurf ein Wahlrecht der Eltern festschreiben, was bedeuten würde, dass beide Strukturen vorgehalten würden. Auch die Grünen wissen, dass es Eltern gibt, die ihr Kind auf einer Förderstufe besser aufgehoben sehen, zumindest unter den heutigen Bedingungen.

Ihr Schulpolitiker Mathias Wagner tritt daher für eine schrittweise Einführung der Inklusion ein: "Wenn man an einem Ort vier Grundschulen hat, kann man an einer beginnen. Auf jeden Fall ist die Umsetzung der UN-Konvention ein längerer Prozess."

Die Kultusministerin plant ebenfalls, dass Eltern sich wie bisher bei der Einschulung auch für eine Förderschule entscheiden können. Auf Wunsch könnten die Kinder aber auch "zunächst an der Regelschule angemeldet" werden. Alles Weitere entscheide dann das Staatliche Schulamt in Zusammenarbeit mit der Schulleitung.

Interview: Inklusionsexperte Aichele: "Gemeinsamer Unterricht ist Menschenrecht"

Herr Aichele, wie unterscheidet sich Integration von der Inklusion?

Aichele: Integration heißt, dass behinderte Kinder als Schüler betrachtet werden, die von außen kommen und sich, durchaus mit Unterstützung, dem System der allgemeinen Schule anpassen sollen. Inklusion bedeutet, dass sie von Anfang an dabei sind. Nicht sie müssen sich anpassen, sondern die Schule muss sich an die Vielfalt der Kinder dort anpassen.

Das klingt sehr ehrgeizig. Ist das mittelfristig realistisch?

Aichele: Es gibt bereits jetzt gute Beispiele, quasi "Inseln der Inklusion", und mittelfristig lässt sich sicherlich sehr viel erreichen. Die entscheidende Frage ist, ob ein Bundesland einen Plan hat, wie es ein inklusives Bildungssystem aufbauen will. Das erfordert Änderungen der rechtlichen Rahmenbedingungen, der Lehrerbildung, der Schulorganisation und natürlich den politischen Willen.

Funktioniert Integration nicht?

Aichele: Deutschland hat mit den Förderschulen ein sehr separierendes System. Das ist ein Problem. Nach der Konvention dürfen behinderte Kinder nicht vom allgemeinen Schulsystem ausgeschlossen werden.

Sind Förderschulen also der falsche Weg?

Aichele: Ja, weil in einem separierenden System das gemeinsame Lernen von behinderten und nichtbehinderten Menschen nicht als Selbstverständlichkeit gelebt werden kann. Im Sinne von Schulabschlüssen sind Förderschulen nicht erfolgreich. Auch dann nicht, wenn Menschen nach der Förderschule auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt keine Chance haben, weil sie als Sonderschüler stigmatisiert sind.

Konservative Bildungspolitiker bezweifeln, dass gemeinsamer Unterricht allen dienlich ist.

Aichele: Natürlich muss man bei einigen gesellschaftlichen und professionellen Gruppen noch Überzeugungsarbeit leisten. Wir wissen aber aus der Wissenschaft, dass ein anspruchsvoll verstandenes inklusives System die besseren Leistungen hervorbringt, und zwar für alle. Es gibt kein Recht auf eine behindertenfreie Schule, aber Menschen mit Behinderungen haben ein Menschenrecht, die allgemeine Schule zu besuchen.

Hessen will Inklusion da fördern, wo finanzielle und organisatorische Voraussetzungen dies ermöglichen.

Aichele: Wir haben in Deutschland natürlich die Ressourcen für den Umbau. Die Ressourcen hierzulande müssen von den Förderschulen in das allgemeine Schulsystem verlagert werden. Sonderpädagogische Kompetenzen sollen ja nicht abgeschafft werden.

Kann es nicht trotzdem sein, dass behinderte Kinder dort mehr Enttäuschungen als Erfolge erleben?

Aichele: Die Enttäuschungserlebnisse entstehen, wenn die Vielfalt der Schülerschaft nicht hinreichend berücksichtigt und gewürdigt wird. Ein anspruchsvolles inklusives Schulsystem beurteilt die Entwicklung des einzelnen Kindes, fördert sie und misst sie nicht nur an anderen.

Wäre ein Wahlrecht der Eltern zwischen Förder- und Regelschule sinnvoll?

Aichele: Menschenrechtlich gibt es kein Recht auf Sonderschule. Mittelfristig könnte das Wahlrecht bedeuten, das separierende System aufrecht zuerhalten. Gibt es Sanktionen der UN? Aichele: Deutschland muss im UN-Fachausschuss darlegen, wo es mit der Umsetzung im Bildungsbereich steht. Die Welt nimmt Notiz davon. Das allein erzeugt Druck.

Von Petra Wettlaufer-Pohl

Quelle: HNA

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