Kritiker bezweifeln Zahlen des Kultusministeriums

Gemeinsamer Unterricht: Zweifel an Erfolgsbilanz

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Nach der UN-Behindertenrechtskonvention sind die Länder verpflichtet, den gemeinsamen Unterricht voranzutreiben. Behinderte Kinder sollen ganz selbstverständlich und ohne aufwendige Genehmigungsverfahren auf normale Schulen gehen können.

Wiesbaden / Kassel. Die Nachricht aus Wiesbaden klingt gut: Inklusion, also der gemeinsame Unterricht von behinderten und nicht behinderten Kindern, kommt gut voran.

Die Zahlen scheinen für den Erfolg zu sprechen: Bei nur 140 von 2664 Kindern wurde der Antrag auf inklusive Beschulung abgelehnt, weil an der Regelschule die entsprechenden Voraussetzungen nicht bestanden.

„Wir haben so viele Kinder mit Beeinträchtigungen oder Behinderungen in den Regelschulen wie noch nie“, lobt Kultusstaatssekretär Alexander Lorz (CDU). In 378 Fällen hätten Eltern und Lehrer sich für eine der Förderschulen entschieden, etwa bei schweren Sprachbeeinträchtigungen. 2011, so Lorz, seien noch 260 Kinder in der Regelschule abgelehnt worden.

Praktiker schütteln über diese Erfolgsbilanz nur den Kopf. Im Vorjahr habe es auch doppelt so viele Entscheidungsverfahren gegeben, sagt Johannes Batton, Landesvorstandsmitglied der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und als Förderschullehrer an der Grundschule von Bad Sooden-Allendorf seit Jahren mit gemeinsamem Unterricht vertraut.

Tatsächlich werde in den Förderausschüssen, die eigentlich den Bedarf eines Kindes feststellen sollen, nur der Mangel verwaltet. „Würde einem Kind tatsächlich zugesprochen, was es an Förderung braucht, wäre das der Super-Gau für das Ministerium“, sagt Batton.

Regelschullehrer überfordert

Es gebe zu wenige Förderschullehrer. Außerdem seien sie nicht direkt in den Schulen, sondern in Beratungs- und Förderzentren angesiedelt. „Allein für Fahrzeiten und Bürokratie geht viel wertvolle Zeit verloren“, so der Gewerkschafter. Die Folge: Die Kinder werden nicht ausreichend gefördert, die Regelschullehrer fühlen sich alleingelassen. In Hessen werde Inklusion tatsächlich benutzt, um zu sparen.

Eine Kasseler Grundschullehrerin, in deren Klasse unter anderen beeinträchtigten Kindern auch ein autistisches Kind ist, bestätigt das: Die der Schule pauschal vom Schulamt zugewiesenen Förderstunden reichten nicht aus. Außerdem seien auch noch die Klassenhöchstgrenzen aufgehoben worden, weil es ja - theoretisch - Förderung gebe.

Über kurz oder lang werde diese Entwicklung die Inklusion insgesamt gefährden. „Alle Welt redet über G8 und G9 an Gymnasien, aber über diese Nöte spricht kaum jemand“, klagt sie und nennt auch gleich den Grund: Eltern von Gymnasiasten suchten meist problemlos die Öffentlichkeit, bei Eltern etwa von lernbehinderten Kindern sei das eher schwierig.

Von Petra Wettlaufer-Pohl

Hintergrund: Hier klappt es

Natürlich gibt es auch Beispiele für gelungene Inklusion. Die Offene Schule Waldau in Kassel etwa, die seit Langem gemeinsamen Unterricht mit eigenen Förderschulkräften praktiziert, wurde kürzlich mit dem Jakob- Muth-Preis der Bertelsmann-Stiftung ausgezeichnet. „Der Weg zur Inklusion braucht engagierte Kollegien, gut ausgebildete Lehr- und Fachkräfte, schlüssige Konzepte und auch Zeit“, sagte Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Stiftung.

Die Politik müsse Schulen die notwendige Unterstützung und Entwicklungsräume gewähren: „Bei der Inklusion ist Qualität wichtiger als Geschwindigkeit.“ Und auch Andrea Michel, Förderschullehrerin an der Waldauer Ganztagsschule, ist überzeugt, „dass inklusives Lernen dann funktioniert, wenn die Fachkräfte zum Schulkollegium gehören und tatsächlich immer als Ansprechpartner für ihre Kollegen da sind .“ (wet)

Quelle: HNA

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