Kameras zur Luchskontrolle: Hessen schaltet Fotofallen ab

Scharf geschaltet: Fotofalle zur Luchsbeobachtung imBayerischen Wald. Kleines Bild: ein Luchs im Harz.

Kassel. Der landeseigene Hessen-Forst hat alle Fotofallen zur Überwachung von Luchsen in Hessens Wäldern stillgelegt. Man reagiere damit auf Bedenken des hessischen Datenschutzbeauftragten Michael Ronellenfitsch und hoffe auf weitere Klärung, sagte Thorsten Neels, Sprecher des Umweltministeriums in Wiesbaden auf Anfrage unserer Zeitung.

Der Luchs ist nach gut 150 Jahren in Hessen zurück. Das freut Naturliebhaber und Tierfreunde, ist auf Umwegen aber zum Datenschutzproblem geworden. Was alles angestellt wird, um den scheuen Großkatzen auf die Schliche zu kommen, halten Juristen in Teilen nämlich für illegal.

Der Grund: Fotografieren lässt sich Europas größte Katze überhaupt nicht gern. Die scheuen Tiere gehen Menschen, also auch Fotografen, lieber weiträumig aus dem Weg. Dass es trotzdem atemberaubende Schüsse von heimischen Luchsen gibt, die bei uns vor allem durch Teile von Schwalm-Eder- und Werra-Meißner-Kreis streifen, ist sogenannten Fotofallen zu verdanken: 19 der Apparate arbeiteten 2011 im Forstamt Hessisch Lichtenau, 30 im Forstamt Melsungen. Luchsfotos meldete nur Melsungen.

Die Apparate hängen an Bäumen, ganz unauffällig, kaum zu sehen, und lösen eine Bilderserie aus, wenn ein Luchs in den Infrarot-Sensorbereich tritt. Oder ein Reh. Oder ein Mensch.

Genau da liegt das Problem. Hochgekocht ist die Geschichte, als im Sommer im österreichischen Kärnten ein Kommunalpolitiker vors Objektiv einer Wildbeobachtungskamera geriet. Nicht allein, sondern mit einer Frau. Und nicht einfach so, sondern laut österreichischen Medien beim Schäferstündchen.

Für Bernd Groh, Mitarbeiter des Datenschutzbeauftragten in Wiesbaden, weist dieser Fall auf den Kern dessen, was Juristen auch bei uns Bauchschmerzen bereitet. Der Wald sei öffentlich zugänglicher Raum, eines der letzten Erholungsgebiete vor der Haustür. Das Recht, dort unkontrolliert von Videoüberwachung unterwegs zu sein, auch zu Vergnügungszwecken, sei höher zu bewerten als das Interesse, Luchse zu zählen oder zu knipsen. Die Klärung läuft.

Im Grundsatz gelten beim Datenschutzbeauftragten Fotofallen im Wald aber als unzulässig: Wo immer sich Spaziergänger unter Verweis aufs Bundesdatenschutzgesetz zu Recht beschwerten, fordere der Datenschutzbeauftragte Jagdpächter zum Abbau der Apparatur auf, so Groh. Bei Sturheit auch mit Zwangsgeld.

Ausnahmen können eine Kameraüberwachung des öffentlichen Raumes legal machen: für die Polizei an Kriminalitätsschwerpunkten, in Geschäften, wo Inhaber das Hausrecht haben. Außerdem zur Wahrnehmung berechtigter Interessen für konkret festgelegte Zwecke - aber nur wenn es kein milderes Mittel gibt, sagt der Datenschutzexperte. Das gebe es im Wald durchaus: Luchsbeobachter „können sich doch auf den Hochsitz setzen“, rät Groh.

Hintergrund: Überwachungstechnik immer billiger

Deutlich heftiger als mit Fotofallen im Wald schlägt das Thema Kameraüberwachung mit privaten Kontrollen in Haus und Hof auf. Die Technik sei so billig geworden, dass zunehmend auch über Nachbargrundstücke und Straßen hinweg zu Beispiel Autos überwacht würden, sagt Bernd Groh, Mitarbeiter des hessischen Datenschutzbeauftragten. Unzulässig, soweit öffentlich zugänglicher Raum ins Visier genommen werde. Angst vor Kratzern am Auto begründe aus Datenschutzsicht keine Ausnahme: "Die Leute müssen eben eine Garage mieten!" In Österreich wird nach dem per Fotofalle festgehaltenen Schäferstündchen über Kamera-Warnschilder am Waldrand diskutiert.

Von Wolfgang Riek

Quelle: HNA

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