Urteil für Straftäter: Ein Buch lesen

Lesen als Jugendstrafe? Ein Pro und Kontra

Kassel. Das Jugendgericht Fulda geht völlig neue Wege: Jugendliche Ersttäter sollen ein Buch lesen statt Arbeitsstunden zu leisten oder in Arrest zu gehen. So sollen sie angeregt werden, sich über ihr Verhalten Gedanken zu machen. Ein Pro und Kontra zu diesem neuen Projekt:

Pro

Peter Klebe, HNA-Politikredakteur: Chancen erkennen

Wie bitte? Das Lesen eines Buches soll eine Strafe sein, von einem Richter angeordnet und besser als gemeinnützige Arbeit oder Arrest? Auch wenn das Projekt „lesen anstatt“ in Fulda auf den ersten Blick merkwürdig anmutet, ist es richtig angewendet durchaus sinnvoll. Denn die Literatur für die jungen Straftäter hat einen konkreten Bezug zu ihren Vergehen und soll sie zum Nachdenken über sich selbst und ihre Opfer anregen.

Dadurch erkennen sie die Verwerflichkeit ihres Handelns leichter als durch das Harken von Parks oder das Absitzen von Arrestzeiten und haben bessere Chancen, künftig straffrei zu bleiben. Es geht hier ja nicht um Schwerverbrecher, sondern um junge Leute, die ihren Weg in eine ehrliche Zukunft noch vor sich haben. Gut ist auch, dass sie in Gesprächen mit der Jugendgerichtshilfe die Bücher bewerten müssen, also konkret angeleitet werden, sich Gedanken zu machen. Wer die Literatur nicht verstehen kann oder will, kann immer noch zu anderen Strafen verurteilt werden.

Es ist erschreckend, dass für viele Jugendliche - nicht nur straffällige - das Lesen eine Qual ist. Auch hier kann das Fuldaer Projekt gegensteuern. Wer die Lektüre nicht nur als Strafe, sondern als Chance ansieht, greift vielleicht auch mal freiwillig zum Buch. Das hat noch niemandem geschadet.

Kontra

Jan Schlüter, HNA-Chefredaktion: Das Gegenteil bewirkt

Mathematik-Aufgaben waren schon zu Schulzeiten Höchststrafe. Aber so weit wollen es moderne Jugendrichter zum Glück nicht treiben. In Fulda verdonnern sie versuchsweise junge Delinquenten zum Lesen von Büchern. Lesen als Strafe? Das klingt auf Anhieb merkwürdig und ist es auch. Die jungen Leute greifen ja nicht freiwillig zum guten Buch, in dem sie mehr über Alkoholsucht, Beziehungsprobleme, Mobbing, Gewalt oder Schuleschwänzen erfahren können. Sie tun es nur, um einer härteren Bestrafung zu entgehen. Genau da liegt das Problem. Wer Leselust wecken möchte, kann dies nicht durch Bestrafung erreichen. kle@hna.de

Der Lesezwang dürfte eher das Gegenteil bewirken: Weil die Täter das Bücherlesen als Strafe empfinden, verbinden sie dieses Gefühl auch weiterhin mit Schmökern aller Art und werden künftig wohl erst recht einen Bogen um Buchhandlungen machen. Dass am Ende sogar das Verständnis für Sprache und Kommunikation verbessert wird, ist nichts als ein hehrer Wunsch der Verfechter der Lesestrafe. Gut ist nur, dass nach dem Lesen über die Inhalte der Bücher gesprochen wird. Sich mit den Nöten der jungen Menschen im direkten Gespräch zu befassen und ihnen so beim Bewältigen ihrer Probleme zu helfen, ist vielversprechender, als sie zwangsweise in Buchläden zu schicken. jas@hna.de

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Quelle: HNA

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