Chaos in Tripolis

Aus Libyen zurück: Viele Deutsche kamen am späten Abend in Frankfurt an

Frankfurt. Mit fast dreistündiger Verspätung ist der Lufthansa-Airbus A340-600 aus Tripolis am Dienstagabend kurz vor 22 Uhr mit einigen Touristen und zahlreichen Geschäftsleuten in Frankfurt gelandet.

Erleichterte Angehörige, aber auch jede Menge Medienvertreter empfingen die zum Teil erschöpften Menschen, die viele Stunden im Chaos des Flughafens von Tripolis auf die Ausreise aus Libyen gewartet hatten. Ihren Beschreibungen zu Folge lagern dort Tausende, die das Land verlassen wollen, Ausländer, aber auch viele Libyer, die weder Tickets noch sonst etwas bei sich haben.

Michael Schwarz gehört zu den Wartenden in Frankfurt, ihm ist die Anspannung anzusehen. Der Stahlbauunternehmer aus Marburg hatte zwei seiner 22 Mitarbeiter im Januar für einen Auftrag nach Tripolis geschickt, tagelang sind er und die Ehefrauen der beiden voller Sorge gewesen. Wenig später sind Günter Geisel aus Gemünden und sein Kollege wohlbehalten zurück: „Es geht mir gut, aber zwischen durch hatte ich schon einige Bedenken“, erzählt Geisel, denn in ihrem Camp 15 Kilometer von der Hauptstadt entfernt hatte er immer wieder Schüsse gehört.

Ein paar Meter weiter in Halle C des Terminal 1 haben Siemens-Mitarbeiter ein provisorisches Büro aufgebaut, um ihre Kollegen aus Libyen zu registrieren. Man müsse doch wissen, wer raus ist, sagt einer. Wolfgang Beiswenger aus Aalen gehört nicht dorthin, er hat eine Touristengruppe geführt in Libyen und gibt sich ziemlich cool: „Das war alles harmlos“, sagt er, auch wenn man natürlich immer mal Schüsse gehört habe.

Die Beschreibung der Lage in Libyen ist sehr unterschiedlich an diesem Abend. Ein Dresdener, der für die deutsch-libysche Vereinigung tätig ist, spricht von jeder Menge Toten und zahlreichen Schießereien. Bombardements könne er aber nicht bestätigen. Nur, dass offenbar Jugendliche dafür bezahlt würden, Pro-Gaddafi-Demonstrationen zu machen, „aber die wissen gar nicht, wofür sie das machen.“

Petra Napowanitz, deren Mann in Libyen geblieben ist, um die Ausreise von mehreren hundert thailändischen Arbeitern seiner Firma abzuwarten, gibt den Medien die Schuld daran, dass alles von Bürgerkrieg spricht. „Ich habe noch keinen einzigen getroffen, der selbst etwas Schlimmes gesehen hat. Was da abgeht, ist normal für Libyen“, meint die Frau, die schon während der Luftangriffe der Amerikaner 1986 dort war. Deutsche würden dort sehr zuvorkommend behandelt.

Ganz anders sieht es Eva King-Leonhardt, die für eine Consulting-Firma arbeitet: „Das ist ein Riesenaufstand, ich bin froh, dass wir das raus sind.“ Erleichtert ist auch Uli B. Er arbeitet für eine große Baufirma und musste am Samstag beruflich von Tripolis nach Wien fliegen. Ein Zurück gab‘s nicht, nun wartet er in Frankfurt auf seine Frau, in der Nacht müssen sie noch nach Hause in den Harz fahren. Gabi B. hat im Camp der Baufirma immerhin drei Koffer packen können, „viele sind nur mit Handgepäck ausgereist.“ Was aus ihrem Hab und Gut wird, wissen die meisten nicht. „Alles ist ersetzbar“, meint Klaus Müller. Der Oberpfälzer, der ebenfalls für die Baufirma arbeitet, klopft auf seinen Aktenkoffer: „Da ist das Wichtigste drin.“

Um 23 Uhr, als die Menge sich verläuft, bleiben zwei zurück: Hans Rosenauer aus Lorch im Rheingau und seine Frau warten noch immer auf Sohn Daniel. Der alte Mann mit der Baseball-Kappe versucht unentwegt ihn anzurufen. Auch er war zehn Jahre in Libyen, ist sozusagen ein alter Hase. Da endlich klingelt sein Handy. Daniel ist nicht nach Frankfurt gekommen, sondern nur mit einer Transall der Bundeswehr nach Malta. Aber es geht ihm gut.

Von Petra Wettlaufer-Pohl

Quelle: HNA

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