Logistik-Experte Vahrenkamp im Interview: Nachtflüge verlagern - Zu spät für Calden

Kassel. In Frankfurt fürchten die Mitarbeiter der Lufthansa Frachttochter LH Cargo um ihre Jobs, Lufthansa selbst sieht mit einem Nachtflugverbot auf Deutschlands größtem Flughafen Gefahren für die deutsche Wirtschaft.

Der Kasseler Logistik-Experte Prof. Richard Vahrenkamp hält das für übertrieben.

Herr Prof. Vahrenkamp, hängt das Wohl der Republik wirklich an 17 Nachtflügen, die die Baugenehmigung vorgesehen hatte?

Vahrenkamp: Lufthansa und Fraport sind sehr starke Player, die sich in dieser Frage die Bälle zuspielen. Insofern ist das Stoppschild des Verwaltungsgerichtshofes Kassel ein wichtiges Signal. Natürlich ist die Bedeutung der Nachtflüge ist für die exportierende Wirtschaft hoch, das ist unbestritten. Aber sie müssen ja nicht von Frankfurt ausgehen.

Wo sollen sie stattdessen starten?

Vahrenkamp: Ich schlage seit Jahren vor, dass man sowohl Kapazitätsspitzen als auch Nachtflüge nach Hahn im Hunsrück verlagert, das sind nur zwei LKW-Stunden von Frankfurt entfernt. Von Frankfurt aus nach Köln zu fliegen und dort auf die Nacht zu warten, wie Lufthansa Cargo plant, ist jedenfalls ökologisch und ökonomisch unsinnig.

Es scheint ja auch eher eine Notlösung. Offensichtlich hat LH Cargo nicht erwartet, dass es ein Nachtflugverbot geben könnte.

Vahrenkamp: Das ist eine Fehlentscheidung des Managements, die Mediation sah die Nachtruhe ausdrücklich vor. Man hätte längst einen Plan B entwickeln müssen. Dazu muss man nicht die Slots, Zeitfenster zur Abfertigung, in China ändern, sondern die Abflugorte in Deutschland. LH Cargo sollte also aufhören zu jammern, man kann den LKW-Verkehr für die wenigen Nachtflüge genauso gut zu einem anderen Flughafen führen.

Ohne Frankfurt zu schaden?

Vahrenkamp: Frankfurts Stärke ist das Drehkreuz mit der Koppelung von Fracht und Passage. Die Hälfte der Fracht wird in Passagiermaschinen befördert, und die fliegen tagsüber.

Derzeit hätte der Hahn gar nicht die Kapazität, alle Nachtflüge aufzunehmen, heißt es. Außerdem hat sich die Fraport ja aus der Flughafengesellschaft am Hahn verabschiedet.

Vahrenkamp: Man hätte längst beginnen müssen, den Hahn auszubauen, aber da gibt es natürlich die Länderegoismen. Laut den Boeing-Prognosen, die seit Jahrzehnten zutreffen, wächst der Luftverkehr aber jährlich um fünf Prozent.

Wo soll der hin in Frankfurt in 20 Jahren?

Vahrenkamp: Der Ausbau in Frankfurt führt in eine Sackgasse, in 20 Jahren reicht die gerade eröffnete vierte Bahn auch nicht mehr. Frankfurt ist stark, aber nicht zukunftsfähig. Die Politik muss sich auf einen neuen Standort einigen. Andere Städte haben das längst vorgemacht. In Paris, London und Mailand, aber auch in München ist man mit den neuen Flughäfen schon früh weiter nach draußen gegangen. Das wird heute natürlich immer schwieriger, wahrscheinlich bräuchte man eine Fusion der Länder Hessen und Rheinland-Pfalz, um zu einer Lösung zu kommen. Die vier Milliarden Euro für die vierte Landebahn sind eine Fehlinvestition. Das Geld hätte besser in den Ausbau von Hahn gesteckt werden sollen. Wenn Hahn zum Frankfurt II ausgebaut würde, könnte er mit dem Transrapid an Frankfurt angebunden werden. Dann hätte Deutschland endlich eine Referenzstrecke.

Wie sehen Sie in dieser Gemengelage die Chancen für Kassel-Calden?

Vahrenkamp: Nordhessen gibt logistisch nicht genug her für Frachtflüge. Die Luftfracht läuft auf die Zentren zu, in diesem Fall auf Frankfurt. Selbst etablierte Flughäfen wie Hannover, Hamburg oder Stuttgart schicken 70 Prozent ihrer Luftfracht mit dem LKW nach Frankfurt.

Aber Nordhessen ist ein Logistikzentrum.

Vahrenkamp: Aus regionaler Sicht ist das so. Tatsächlich gibt es aber überall Logistik, auch stärkere als die in der Region. Leipzig ist zum Beispiel Paketdienst-Knoten geworden, der Zug ist für Calden abgefahren.

Von Petra Wettlaufer-Pohl

Quelle: HNA

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