"Es gibt Orte im Film, die sind unverwechselbar"

Macher über den Kassel-"Tatort": "In Nordhessen sind die Menschen, wie sie wirklich sind"

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Tatort Bergpark: Die Hauptdarsteller Wolfram Koch und Margarita Broich (rechts) mit ihrer Kollegin Christina Große am Kasseler Herkules.

Am Sonntag bekommt Kassel seinen "Tatort".  Die Hauptdarsteller Margarita Broich und Wolfram Koch sowie Liane Jessen vom HR erklären, warum sie wieder in Nordhessen drehen wollen.

An diesem Sonntag wird in der ARD (20.15 Uhr) eine neue Tatort-Folge gezeigt, die hauptsächlich in Kassel spielt. Wir sprachen über „Das Monster von Kassel“, so der Titel, mit den Schauspielern Margarita Broich und Wolfram Koch, die die beiden Kommissare spielen, sowie Liane Jesse, der Leiterin der Fernsehspielabteilung des HR. Das Interview fand bereits im März anlässlich der Tatort-Preview in der Kasseler documenta-Halle statt.

Frau Broich, Frau Jessen, Herr Koch, wir haben festgestellt: Wann immer wir über den Kassel-Tatort berichten, ist das Interesse daran sehr groß; die Menschen sind neugierig und freuen sich darauf. Haben Sie diese positive Resonanz beim Dreh auch wahrgenommen?

Broich: Unbedingt. Wir waren fast jeden Abend auf einem Grillfest eingeladen. Koch: Mit Ahler Wurscht und allem Möglichen. In Frankfurt haben wir manchmal Nachbarn, die uns und dem Fernsehen nicht so gewogen sind. Da verspüren wir manchmal eine gewisse ablehnende Haltung. In Kassel haben wir das komplette Gegenteil erlebt: ein großes Umarmen. Jessen: Hier war das Bewusstsein, das ich als Kind wahrgenommen habe – als man das Fernsehen wirklich noch geschätzt hat. Außerhalb von München, Köln, Frankfurt gibt es eben noch die freundlich-gestimmte Haltung gegenüber diesem Medium. In den wirklichen Großstädten ist dagegen eine Grundgereiztheit gegenüber allem zu spüren.

Sie sagten, Sie seien zu Grillfesten eingeladen worden. Waren das Spontaneinladungen – oder war das von langer Hand geplant?

Koch: Das hat sich so ergeben, als wir am Brasselsberg gedreht haben. Die Nachbarn hatten einfach Spaß daran, dass wir da waren. Die schauten aus dem Fenster oder saßen im Garten und verfolgten das Ganze. Dann haben sie uns eingeladen für den einen Abend, dann für den nächsten Abend und daraufhin für den übernächsten Abend. Und plötzlich waren wir fast jeden Abend da. Broich: Es gab fantastische Würstchen. Koch: Und Wein und Bier und alles andere. Broich: Die Würstchen waren mit Rosmarin, mit Gorgonzola – also mit allem. Koch: Wir haben einfach gemerkt, wie extrem sich die Leute gefreut haben – auch in der Innenstadt, als wir in der Treppenstraße gedreht haben.

Reichen die Kontakte von damals denn bis heute?

Broich: Dazu muss ich eine Geschichte erzählen. In Kassel habe ich eine ältere Dame wiedergetroffen, der ich eine Woche zuvor auf dem Filmfest in Berlin begegnet war. Sie war mir dort auf der Damentoilette aufgefallen, weil sie ein wunderschönes Kleid anhatte. Das habe ich ihr auch gesagt. Und dann sehe ich sie eine Woche später in Kassel wieder, und sie erzählte mir, dass bei ihr angeblich der Hase von Beuys begraben sei. Ich habe dann auch einen Tee bei ihr getrunken. Aber eine Brieffreundschaft hat sich nicht ergeben. Jessen: Das gibt es eigentlich auch nicht in unserer Branche. Wir sind ununterbrochen fahrendes Volk, wir haben ständig mit neuen Leuten zu tun, und es geht im Prinzip nicht, Beziehungen aufzubauen – auch wenn man die Menschen ganz toll findet. Das schafft man schon emotional nicht.

Trotzdem: Welche Erinnerungen bleiben noch?

Broich: Der Herr Doktor Zahnarzt, der uns zum Essen eingeladen hat, der hat sogar eine T-Shirt-Reihe entworfen. Auf den Hemden stand dann: Tatort im Rosental. Da haben wir dann alle unterschieben. Koch: Bei dem Zahnarzt war ich dann sogar in Behandlung.

Die Folge des ganzen Essens?

Koch: Ich glaube, das hatte damit nichts zu tun. Ich hatte auf einmal Zahnweh, und ich dachte, bevor die Backe dick wird, sag ich lieber mal Bescheid. Ich wurde dann sogar außerhalb der Praxiszeiten behandelt.

Bei ihm zu Hause?

Koch: Nein, in der Praxis. Bei ihm zu Hause wurde nur gegessen.

Kommen wir noch mal auf Kassel als Tatort-Stadt zurück. Die beiden Drehbuchautoren meinten, der Reiz an Kassel läge darin, dass die Stadt als Filmort noch unverbraucht sei. Haben Sie das auch festgestellt?

Koch: Es gibt Orte im Film, die sind unverwechselbar, das auf alle Fälle. Das wollten wir auch so. Der Vorteil ist, dass es in Kassel Höhen und Tiefen gibt – und sehr lange Straßen, die sich gut in Szene setzen lassen. Außerdem ist das Polizeipräsidium im Verhältnis zu unseren Ermittlungsräumen in Frankfurt ein Palast. Jessen: Das passt zu unserer Idee, die hinter dem Film steckt. Diese Idee ist angelehnt an den französischen Film Willkommen bei den Sch’tis. Das heißt: Die Kollegen müssen leider von Frankfurt nach Kassel, und alle denken: Setzt den mal Mützen auf, dort regnet es ständig. Alle sind also schlecht gelaunt. Dann kommen sie in Kassel an, die Sonne strahlt, das Büro ist toll, die Kollegin vor Ort sieht bildhübsch aus, alles funktioniert, und das Ermitteln in Kassel macht richtig Spaß.

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Wie zufrieden sind Sie denn mit dem Ergebnis, Frau Jessen?

Jessen: Ich finde das Ergebnis ganz toll, weil es auch realistisch ist. Kriminalität findet eben nicht nur vor der eigenen Haustür statt. Hier haben wir einen Täter, der versucht, den Ermittlern ein Schnippchen zu schlagen, indem er Leichenteile über einen großen Bereich verteilt, was in Amerika häufig der Fall ist. Und so müssen sich die Ermittler aus ihrer Komfortzone herausbegeben und dort recherchieren, wo sie eigentlich nicht hinmöchten. Das war auch spannend für ein Team, das zuletzt in Frankfurt immer im eigenen Mustopf gewirtschaftet hat.

Der Mörder ist ja nach drei Minuten bekannt. Macht das den gewissen Reiz des Tatorts aus?

Broich: Ja, das ist eine Konstruktion, die ganz gut ist. So funktioniert ja auch Inspektor Colombo mit Peter Falk. Die Zuschauer erfreuen sich daran, den Kommissaren zuzusehen, wie sie endlich auf die Spur kommen. Normalerweise ist das beim Tatort ja andersrum. Jessen: Das Interessante an dem Fall ist, dass alle wissen, wer der Mörder ist, aber es trotzdem schwerfällt, das zu glauben, weil es ein berühmter Mann vom Fernsehen ist. Das ist genauso schwer vorstellbar wie die Tatsache, dass sich Thomas Gottschalk scheiden lässt. Wir können nicht glauben, dass gewisse Ikonen ganz normale Menschen sind. Wir hoffen bis zum Schluss, dass der Mörder das aus Versehen gemacht hat.

Sie haben mittlerweile zwei weitere Tatorte in Frankfurt abgedreht. Ist der Kassel-Tatort überhaupt noch präsent bei Ihnen?

Koch: Es passiert schon, dass man ein bisschen den Überblick verliert. Man wühlt sich in einen solchen Fall rein, es bleiben Splitter, aber das Drehbuch muss man sich wieder hochholen, wenn dazwischen zwei weitere Filmdrehs liegen. Broich: In Frankfurt ist unser Kommissariat bei Neckermann. Die Tatort-Drehs sind dann Neckermann-Wochen. Da ist es noch schlimmer, den Überblick zu behalten, was dort wann gedreht worden ist. Kassel schält sich da auf besondere Weise aus den Dreharbeiten heraus. Und wenn ich heute durch Kassel gehe, kommen automatisch die Erlebnisse hoch. Ich denke mir: Ach, bei der Eisdiele war dies, und hier in der Treppenstraße jenes.

Waren Sie denn auch fernab der Dreharbeiten und der Grillfeste in Kassel unterwegs?

Broich: Ich war überall: im Schloss, in der Grimmwelt, und ich bin viel spazieren gewesen.

Das geht ja gut hier.

Broich: Ja, gerade in Wilhelmshöhe. Da sind so viele verschiedene Bäume.

Das kennt der Frankfurter gar nicht.

Broich: Beeindruckend. Bäume aus der ganzen Welt.

Können Sie sich den vorstellen, diese Klassenfahrt zu wiederholen?

Broich: Ja, gern. Jessen: Absolut. Der Dreh in Kassel hat das Team erfrischt. Denn Hessen besteht nicht nur aus Südhessen und aus den Metropolen, sondern aus vielen anderen Wünschen und Sehnsüchten von Menschen. Ich würde am liebsten viel häufiger im nördlichen Hessen drehen, weil es uns an die Menschen bringt, wie sie wirklich sind. In Frankfurt sind sie nicht, wie sie wirklich sind. Da lebt man an der Kante der Zeit. Da lebt man 2019. Aber die meisten Menschen leben nicht 2019, sondern im besten Fall 1999. Von daher ist es spannend, diesen Weg zu gehen. 

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