Forscher beleuchten politischen Einfluss bei früheren Grabungen zur Keltengeschichte

Von den Nazis pervertiert

Archäologie ohne Ideologie: Das Museum am Glauberg in der Wetterau zeigt keltische Schätze aus dem fünften Jahrhundert vor Christus. Eine Stahlplastik am Ortseingang weist den Weg. Foto: dpa

Wiesbaden. Es war ein Eklat, der das eigentliche Ereignis in den Hintergrund stellte: Bei der Eröffnung des Keltenmuseums am Glauberg (Wetterau) am 5. Mai hatte ein Sicherheitsunternehmen zwei Wachleute aus der rechtsextremen Szene geschickt, den berühmten steinernen Keltenfürsten zu bewachen, das Prunkstück der Ausstellung.

Neonazis und Keltenkult, Nazis und Blut-und-Boden-Politik waren fortan stärker in den Schlagzeilen als das eigentliche Thema, nämlich die Geschichte der Kelten in der Wetterau. Gleichwohl haben sich die Archäologen schon lange vorher mit der Nazi-Vergangenheit auf dem Glauberg befasst, denn auch damals wurde dort schon gegraben. Ein gestern in Wiesbaden vorgestelltes Buch berichtet ausführlich über die Grabungen von 1933 bis 1939 und den zeitgeschichtlichen Zusammenhang.

Denn die Verquickung von Archäologie und Politik, die Instrumentalisierung der Wissenschaft für ideologische Zwecke, das alles begegnet Archäologen auf der ganzen Welt immer wieder – „wenn auch heute glücklicherweise nicht mehr in Deutschland“, so Wissenschaftsministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU).

Buch dokumentiert Tagung

Der vom Landesamt für Denkmalpflege herausgegebene Forschungsband dokumentiert die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Tagung in Nidda-Bad Salzhausen, die bereits 2008 stattfand; 75 Jahre, nachdem die Nazis begonnen hatten, sich der Archäologie auf dem Glauberg zu bemächtigen.

Das Buch beleuchtet die Förderung einer Wissenschaft, die dazu dienen sollte, die völkischen Theorien und Allmachtsfantasien der Nationalsozialisten zu untermauern, nicht nur in der Wetterau. Die Grabungen auf dem Glauberg, die schon vor 1933 geplant waren, fanden deshalb schnell die Unterstützung des hessischen Gauleiters und Reichsstatthalters Jacob Sprenger. Das Buch beschreibt aber nicht nur den Einfluss der Nazis, sondern auch das Verhalten der Archäologen.

Für Professor Hans-Joachim Gehrke, früherer Direktor des Deutschen Archäologischen Institutes, ist die nüchterne Betrachtung der Verquickung von Wissenschaft und Politik in der Archäologie zukunftsweisend. Die Suche nach den Wurzeln sei an sich nichts Schlechtes. Wo Wissenschaft jedoch instrumentalisiert und pervertiert werde, „wo vermengt und vernebelt wird, sind Wachheit und Aufklärung gefragt“.

Auch im Museum am Glauberg wird über die Grabungsgeschichte der 30er-Jahre informiert. „Aber wir haben in erster Linie ein Keltenmuseum eröffnet“, gab Hessens Chefarchäologe, Prof. Egon Schallmeyer, zu bedenken. So sah es gestern auch die Bürgermeisterin der Nachbargemeinde von Ortenberg: „Wir haben schon 20 000 Besucher dort“, so Ulrike Pfeiffer-Pantring (SPD), „wo gibt es das sonst im ländlichen Raum?“

„Archäologie und Politik. Archäologische Ausgrabungen der 30er und 40er Jahre des 20. Jahrhunderts im zeitgeschichtlichen Kontext“, Hrsg. Egon Schallmeyer, 330 S., 48 Euro.

Von Petra Wettlaufer-Pohl

Quelle: HNA

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