Auf Hessens höchstem Berg ist die Abhöranlage aus dem Kalten Krieg heute ein Ausflugsziel

Wasserkuppe: Wo heute nur noch die Touristen lauschen

Im einstigen Sperrgebiet: Touristenführer Marc-Alexander Glunde (Mitte) mit einer Besuchergruppe auf der Radarkuppel auf der Wasserkuppe. Foto:  dpa

Gersfeld. Wie ein überdimensionaler Fußball thront das 24 Meter hohe, kugelförmige Gebäude auf der Wasserkuppe, der höchsten Erhebung Hessens. Inzwischen hat sich die einstige Abhörstation der Alliierten und der Bundeswehr auf dem 950 Meter hohen Berg zu einem beliebten Ausflugsziel entwickelt. 

Aber sie fängt längst keine Funksignale mehr ab, das frühere Agentennest ist leer. Marc-Alexander Glunde (36) heißt der Mann, der die Erinnerung an die Kuppel wachhalten will. Sie wird auch Radom genannt, das ist ein Kunstwort aus „radar dome“ für Radarkuppel. „Das Radom hat mich schon immer fasziniert“, sagt der Sozialpädagoge aus Gersfeld. Er und andere Radom-Freunde bieten mehrfach im Monat Führungen an. Rund 8000 Besucher kommen nach seinen Angaben pro Jahr.

Für sie beginnt hinter dem lastwagen-großen Eingangstor eine Zeitreise in den Kalten Krieg. In den ausgeschlachteten Hallen standen einst sensible Überwachungselektronik und die 50 Quadratmeter große Antenne. In der Abhöranlage arbeitete ein Dutzend Soldaten im 24-Stunden-Dienst. Die 35 Zentimeter dicken Mauern waren aus Stahlbeton, keiner der 7,50 Meter hohen Räume hatte Fenster. Die Abhörarbeit fand ohne Tageslicht statt.

Röntgenstrahlung war die Waffe gegen den Feind. Der Luftraum der gesamten DDR, halb Polens und Frankreichs sowie der Alpen konnte mit dem Radargerät überwacht werden: Rund 1500 Flugzeuge hatten die Abhörspezialisten als kleine Lichtpunkte zeitgleich auf dem Bildschirm und werteten die Daten aus, wie Norbert Demel erklärt. Der Stabsfeldwebel a.D. hat 15 Jahre lang auf der Wasserkuppe als Elektronik-Spezialist gearbeitet und führt ebenfalls durchs Radom.

Zeitweise standen fünf Radoms auf dem Gipfel. Das erste ging laut Heimatforscher Joachim Jenrich 1962 in Betrieb. Die Lage war ideal: Die Wasserkuppe ist die höchste Erhebung in der Region, die innerdeutsche Grenze nur fünf Kilometer entfernt. Ähnliche Kuppeln gab und gibt es unter anderem in Putgarten auf Rügen, dem Gipfel des Großen Arbers in Bayern und auf dem Brocken im Harz.

Das letzte und heute noch bestehende Radom auf der Wasserkuppe wurde 1990 errichtet. Zum Einsatz kam es jedoch nie. Denn nach dem Fall der Mauer änderte sich alles: Die Bundeswehr gab die Radar-Station und die Kaserne an der Ex-Grenze auf.

Seit rund vier Jahren ist es für die Öffentlichkeit zugänglich und ein Kulturdenkmal. Regelmäßig werden Konzerte in der Kuppel organisiert, Künstler stellen ihre Werke dort aus. „Die Akustik ist einmalig“, sagt Glunde. Sogar eine Trauung habe es in dem Kugelbau bereits gegeben. Durch die besondere Wölbung entstehe ein achtfaches Echo, was die eigene Stimme bis zu eineinhalb Sekunden nachhallen lässt. „Da ist das Ja-Wort besonders fest“, sagt Glunde mit einem Augenzwinkern. (dpa)

Quelle: HNA

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