Die Sprachgrenze läuft durch den Reinhardswald

Die Resonanz auf unsere Aktion „Rettet die Mundart“ ist überwältigend. Daher wollten wir von dem Dialekt-Experten Heinrich Dingeldein wissen, warum Regionalsprachen so wichtig sind.

Herr Dingeldein, essen Sie lieber Schnuggezeug oder eine Mustenwegge?
Heinrich Dingeldein: Ich esse am liebsten Gudsel, gebackene Süßigkeiten, aber ich bin ja auch ein Südhesse.

Als Südhesse und Sprachforscher - wie finden Sie eigentlich das Nordhessische?

Dingeldein: Ich finde es äußerst interessant, weil wir Südhessen ja die Neigung haben zu meinen, wir wären die Hessen an sich ...

.. leider wahr ...

Dingeldein: ... und wenn man das Kasseläner Deutsch, übrigens auch das Fuldische oder in der nördlichen Wetterau und in der Marburger Gegend das Mittelhessische hört, sind das alles Dinge, die für uns im Prinzip sensationell sind. Nur: Die spontane Empfindung, als ich mich noch nicht wissenschaftlich damit auseinandergesetzt habe, war die: Donnerkeil, sind das eigentlich Hessen? Oder sind das nicht eher Thüringer?

Zur Person

Prof. Heinrich J. Dingeldein (56) stammt aus Michelstadt (Odenwald). Der Sprachwissenschaftler ist Leiter der Arbeitsstelle Sprache in Hessen an der Philipps-Universität Marburg. Der Germanist ist auch im Vorstand der Internationalen Gesellschaft für Dialektologie des Deutschen.

Wie kommt das?
Dingeldein: Das hängt mit einigen phonetischen Eigenarten zusammen, dass zum Beispiel die R-Qualität am Wortende eine im Rachen gesprochene ist, „Häusoch“, auch die Satzmelodie stimmt mit dem Thüringischen überein. Zudem muss man natürlich sagen, dass diese Gegend in der frühen Zeit der Stammwerdung der Deutschen nach Osten mehr Verbindungen bei der Herausbildung der Sprache hatte. Wir wissen ja: Die Zusammenhänge von Hessen und Thüringen waren keine zwischen Darmstadt und Thüringen, sondern zwischen Marburger Land und der Kasseler Umgebung und Thüringen. Diese alten Verbindungen schlagen eben bis heute sprachlich durch.

Warum gibt es denn noch immer so viele Unterschiede bei den Dialekten?

Dingeldein: Immer, wenn Menschen zusammen sind und eine eigene soziale Gruppe bilden, haben sie die Neigung, dies nicht nur beispielsweise durch Kleidung deutlich zu machen, sondern auch durch sprachlichen Ausdruck. Zudem war unser deutschsprachiges Gebiet ja in der Geschichte nie ein zusammenhängender einheitlicher Staat, sondern immer untergliedert in kleine Länder, Fürstentümer, Herzogtümer und Königreiche. Die hatten alle ihre eigene Identität und haben dadurch auch ihre eigene Sprache erhalten und dann auch weiter gepflegt.

Wie kommt es, dass der Dialekt für die Menschen wichtig ist?

Dingeldein: Goethe hat gesagt: Dialekt ist doch eigentlich das Element, in welchem die Seele ihren Atem schöpft. Es ist die Sprache, die man spontan von den Eltern lernt, die man nicht in der Schule beigebracht bekommt. Sie macht deutlich, wo man herkommt, hat also mit Landschaft, Kindheit, Heimat zu tun.

Tipps

Zu jeder Folge unserer Aktion veröffentlichen wir auch die Adresse einer Mundartgruppe und einen Internet-Tipp. 

„Mie Meinerküser“, Meineringhausen. Rainer Schäfer, 34497 Korbach-Meineringhausen, Telefon 05631 / 65710.

Mehr zum Thema bei der Gesellschaft für nordhessische Mundarten im Internet unter: http://www.nordhessische-mundarten.de/

Warum hat sich das Nordhessische nicht so durchsetzen können wie das Frankfodderisch?

Dingeldein: Das Nordhesssische liegt geografisch an der Scharnierstelle. Das macht seine Eigenheit aus, ist aber vielleicht auch der Grund dafür, dass sich das Nordhessische als Regionaldialekt in der Klangfarbe nicht so stabil halten kann wie das Südhessische, weil es umgeben ist von Fremdem. Wenige Kilometer nördlich von Kassel im Reinhardswald liegt das Niederdeutsche, das sich bis Hannover fortsetzt. Dort gibt es eine vollkommen andere sprachliche Struktur.

Hängt die Art der Verbreitung von regionalen und sprachlichen Identitäten eigentlich auch an wirtschaftlichen Entwicklungen beziehungsweise Mittelpunktfunktionen?

Dingeldein: Ja. Kassel war nach dem Krieg verkehrstechnisch in eine absolute Randlage gekommen, weil der Anschluss nach Osten (Eisenach, Erfurt), zu dem es sprachlich am besten passt, abgeschnitten war. Dieses Gebiet, das früher eines der führenden Industriegebiete Deutschlands war, hätte genauso die Kraft gehabt, ein eigenes Zentrum zu werden, wie es dann Frankfurt, München und Stuttgart nach dem Krieg geworden sind. So hat man keine sprachliche Mittelpunktfunktion als Stadt wahrnehmen können, sodass alles, was drum herum gesprochen worden ist, hätte vereinheitlicht werden können, wie das Frankfurt mit seinen Sprachvarianten gelungen ist, die im Taunus, in der Wetterau, im Vogelsberg und bis Rheinhessen gesprochen worden sind.

Hat das Nordhessische als Dialekt eine Zukunft?

Dingeldein: Da sehe ich eine gewisse Chance, nicht als Besinnung auf das Alte, sondern als Ausdruck neuen Selbstbewusstseins mit der documenta-Stadt Kassel, mit dem relativen Aufschwung nach der Wende - wenn ein gewisses Autobahnstück durch ist, dann liegt Eisenach wirklich wieder vor der Haustür. Dann könnte es in Kassel wieder eine Mittelpunktfunktion geben, und ein solches Selbstbewusstsein könnte sich auch sprachlich niederschlagen.

Von Ullrich Riedler

Quelle: HNA

Rubriklistenbild: © Foto: Hoffmann

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare