Nach Missbrauchsfällen: Odenwaldschule hat neuen Vorstand

Heppenheim. Knapp drei Monate nach Bekanntwerden zahlreicher Missbrauchsfälle stellt die Odenwaldschule neue Weichen: Das für seine Reformpädagogik bekannte Eliteinternat hat eine neue Führung.

Bei einer Mitgliederversammlung im südhessischen Heppenheim wurden am Samstag fünf Vorstände gewählt, unter ihnen auch ein Opfer. Sie wollen die Schule umkrempeln und fit für die Zukunft machen, wie Johannes von Dohnanyi als einer der Vorstände sagte. Auch solle eine Art Entschädigung geprüft werden.

Teilnehmer berichteten von einer emotionsgeladenen Sitzung, vor allem bei deren Beginn am Freitag. Kurz vor dem nichtöffentlichen Treffen und auch in dessen Verlauf gab es Rücktritte aus dem Trägerverein.

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„Wir brauchen ganz schnell eine neue Satzung“, meinte der 58 Jahre alte von Dohnanyi, der an der Schule 1972 sein Abitur machte. Da dafür juristischer Sachverstand nötig sei, wurde der 60 Jahre alte Rechtsanwalt Michael Frenzel zum Vorsitzenden des Gremiums bestimmt. Der frühere Vorstand war Ende März wegen des Skandals unter Druck zurückgetreten.

Nach einem bei der Sitzung vorgelegten Bericht wurden etwa 50 Schüler missbraucht. Ausgegangen war die Schule von etwa 40 Opfern. Der Tatzeitraum reiche vom Ende der 1960er bis Anfang der 1990er Jahre. Die Staatsanwaltschaft Darmstadt ermittelt gegen sechs ehemalige Lehrer und einen früheren Schüler. Ex-Bundesfamilienministerin Rita Süssmuth (CDU) wird eine mit Experten aus dem In- und Ausland besetzte externe Kommission leiten, die helfen soll, Missbrauch zu verhindern. „Wir wollen die Schule in ruhiges Fahrwasser führen“, sagte von Dohnanyi. „Wir wollen auch Modell werden, wie man mit Missbrauchsopfern umgeht.“

Zudem wurde der Trägerverein auf 54 Mitglieder fast verdoppelt. Die Zahl könnte sich etwas verringern, da nicht alle Kandidaten persönlich anwesend waren. Deren Einverständnis muss noch eingeholt werden. Darunter ist auch die TV-Moderatorin Amelie Fried.

Der Missbrauch war Anfang März neu an die Öffentlichkeit gekommen. Erste Verdachtsfälle wurden 1999 nicht weiter beachtet. Sie galten auch als verjährt. Nach dem Bericht der Rechtsanwältin Claudia Burgsmüller gibt es drei Hauptverdächtige. Im Mittelpunkt steht der frühere Leiter der Schule, Gerold Becker. Er war von 1969 bis 1985 an dem Internat tätig und hat sich für die Übergriffe entschuldigt. In den vergangenen Wochen gab es mitunter heftige Kämpfe zwischen Traditionalisten und Reformern, die eine Aufklärung ohne Wenn und Aber sowie einen organisatorischen Neuanfang der Schule forderten. „Es war ein für viele schmerzhafter Prozess“, sagte von Dohnanyi. Zu den Veränderungen soll nach dem Willen der neuen Führung auch gehören, dass die Schulleiterin Margarita Kaufmann und der Geschäftsführer Meto Salijevic nicht mehr automatisch auch dem Vorstand angehören.

Die beiden Sprecher des Trägervereins, Philipp Sturz und Norbert Hofmann, legten ihre Ämter nieder. Die Sprecherfunktion sei nur bis zu dieser Versammlung befristet gewesen, sagte Hofmann. Sturz hatte auch den Rückzug von acht Mitgliedern gefordert, die schon beim ersten Auftauchen der Verdachtsfälle 1999 Verantwortung trugen. Von Dohnanyi sagte, diese Personen seien ausgetreten oder hätten es zumindest vor. (dpa)

Quelle: HNA

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