Arbeitsagentur fürchtet Ausbluten Nordhessens durch Abwanderung Qualifizierter

Prognosen für Arbeitsmarkt in Nordhessen werden düster

Noch boomt der Arbeitsmarkt: In Hessen ist die Arbeitslosigkeit gesunken. Mittelfristig kann sich nach Einschätzung der Bundesagentur für Arbeit das Blatt wenden. Im Bild ein Mitarbeiter des Solartechnikherstellers SMA beim Spannungstest an Wechselrichtern. Foto:  dpa

Kassel. Noch lacht die Sonne über dem Arbeitsmarkt in unserer Region, aber mittel- und langfristig werden dichte Wolken aufziehen. Das ist die Botschaft einer Studie der Bundesagentur für Arbeit, die die Regionaldirektion Hessen jetzt vorstellte.

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Danach ist es im Moment in Nordhessen eher unwahrscheinlich, die Arbeitsstelle zu verlieren. Im Gegenteil: Die Zahl der Arbeitslosen ist im Juni 2010 gegenüber dem Vorjahresmonat drastisch gesunken. Das verdeutlichen Zahlen: Arbeitsamtsbezirk Bad Hersfeld 16,2 Prozent weniger Erwerbslose, Kassel minus 17,0 Prozent, Korbach minus 18,6 Prozent. Anders sieht es weiter südlich aus. Im Raum Wetzlar sowie in Offenbach und Hanau sind die Jobs zurzeit eher unsicher.

Doch mittelfristig wird sich das Blatt wenden. Dann ist nach Einschätzung des Leiters der Regionaldirektion Hessen, Frank Martin, eine gegenteilige Entwicklung zu erwarten. Der Süden Hessens wird gestärkt, der Norden droht auszubluten.

Die Begriffe lang- und mittelfristig sind nach Angaben von Pressesprecherin Angela Köth nicht in konkrete Jahreszahlen zu fassen. In den nächsten vier bis fünf Jahren werde die Entwicklung sicher noch nicht einsetzen, erklärte sie gegenüber unserer Zeitung. Die Bundesanstalt für Arbeit beobachte Faktoren wie die demografische Entwicklung, Bevölkerungsrückgang oder das Bildungsniveau und stelle aus diesen Daten seine Prognosen gemessen am Ist-Zustand auf. Eine Rolle spiele dabei auch der Anteil berufstätiger Frauen und das Verhältnis von Jung und Alt.

Nach diesen Prognosen werde der Norden künftig hinter anderen Regionen liegen, weil immer mehr junge Menschen, Familien und gut ausgebildete Menschen abwanderten. Martin: „Die schlechtesten Aussichten haben, wenn sich nichts ändert, die Regionen Korbach und Bad Hersfeld.“ Hier gebe es „schwierige bis kritische Strukturentwicklungen“. Das könne, so Martin, dramatische Folgen haben. Der Arbeitsmarkt werde künftig nicht mehr vom Angebot der Arbeitgeber bestimmt, sondern von der Suche nach qualifizierten Arbeitnehmern. Firmen müssten zunehmend darum buhlen und kämpfen, gut ausgebildete Leute zu finden. Im Extremfall heiße dies, Standorte dorthin zu verlagern, wo entsprechende Leute wohnen.

Die Politik könne gegensteuern, wenn sie die Region für Arbeitnehmer attraktiv mache, so Martin. Dies gehe von der Kinderbetreuung über Bildung bis hin zu kulturellen Angeboten. Es müsse ein Umdenken in der Standortpolitik weg von der Firmenansiedlung hin zum Vorhalten qualifizierter Arbeitskräfte geben.

Michael Rudolph, Bezirksvorsitzender Hessen-Nord des Deutschen Gewerkschaftsbundes, erklärte, jeder Jugendliche müsse die Möglichkeit bekommen, sich in der Region zu verwirklichen. In den vergangenen zehn Jahren hätten viele junge Menschen Nordhessen verlassen, weil sie hier keinen Ausbildungsplatz bekommen hätten. Das räche sich nun.

Von Peter Klebe

Hintergrund

Bad Hersfeld verliert die meisten Einwohner Für ihre langfristige Vorhersage der Arbeitsmarktentwicklung hat die Bundesagentur mehrere Kriterien. Hier die wichtigsten, bezogen auf die Arbeitsamtsbezirke. • Arbeitnehmer mit überdurchschnittlicher Bildung: Spitzenreiter ist Frankfurt (18 %), es folgen Wiesbaden (14,2 %) und Darmstadt (12,4 %). Deutlich weiter hinten liegen Korbach (5,4 %), Bad Hersfeld (6,2 %) und Fulda (7,9 %) • Bevölkerungsentwicklung: Am dramatischsten wird die Lage im Bezirk Bad Hersfeld (- 5,9 %). Es folgen Korbach (-3,5 %), Kassel und Wetzlar (je -2,6 %). Gewinner sind Frankfurt (+2,3 % ) und Wiesbaden (+1,2 %). Hessenschnitt: Minus 0,1 %. • Quote berufstätiger Frauen: Hier liegt Frankfurt mit 49,2 % vorn, es folgen Wiesbaden 47,7 %, Korbach 47,5 %. Am anderen Ende der Skala sind Limburg (42,7 %), Marburg (43,3 %), Bad Hersfeld (43,6 %) und Fulda (43,8 %) (kle)

Quelle: HNA

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