Prozess um Tod von Streitschlichter: „Bin doch kein Mörder“

Frankfurt. Es ist wie so oft bei einem Prozess: Es mag ja ein Geständnis geben - auch bei dem Frankfurter Prozess um ein tödliches Handgemenge mit einem Streitschlichter. Aber vor dem Richter zeigen sich bereits in den ersten Stunden des Prozesses gegen den mutmaßlichen Messerstecher die Gegensätze.

Während der 35-jährige Angeklagte am Mittwoch davon spricht, er habe sein Opfer damals, im Mai 2010, aus Notwehr erstochen, widersprechen ihm Staatsanwaltschaft und Zeugen. Emeka Okoronkwo sei ein freundlicher Helfer gewesen, der zwei bedrängten Frauen aus der Not habe helfen wollen, heißt es dort. Okoronkwo habe nach einem Streit im Frankfurter Bahnhofsviertel auf ihn eingeschlagen, sagt der 35-Jährige Mann aus Eritrea aus. Das Messer habe ursprünglich dem späteren Opfer gehört, es sei während des Gerangels herunter gefallen. Er habe die Waffe aufgehoben und zugestochen, sagt der Mann. „Ich bin doch kein Mörder, wollte niemanden töten“, fügte er mit weinerlicher Stimme hinzu. Vielmehr habe er seinen Widersacher nur abschütteln wollen.

Die Staatsanwaltschaft sieht das anders, sie spricht von einem „gezielten Stich in die Herzgegend“. Nach ihrer Ansicht hat Okoronkwo in der Nacht zum 2. Mai vergangenen Jahres lediglich versucht, den beiden Frauen zu helfen. Zuvor hatte er an einem Streitschlichter-Seminar teilgenommen. Sein Tod war mit dem von Dominik Brunner verglichen worden, der in München bei seinem Versuch getötet worden war, anderen zu helfen. Begleitet von etlichen Journalisten und im Blitzlichtgewitter war der unter einer hellblauen Jacke verborgene Angeklagte am Morgen in den Gerichtssaal geführt worden. In seiner Aussage beschrieb er sein bisheriges Leben als „beschissen“. Er sei im Alter von 15 Jahren in Äthiopien von seinen Eltern in ein Flugzeug nach Deutschland gesetzt worden und habe sich nach einem Aufenthalt in einem Kinderheim in Mittelhessen zunächst mit Gelegenheitsarbeiten durchgeschlagen. In den Monaten vor der Tat sei er sehr häufig betrunken gewesen und habe zuletzt auch Drogen genommen. „Hier haben sich einfach zur falschen Zeit die falschen Leute getroffen“, versuchte sich Verteidiger Manfred Hans in einer Verhandlungspause in einer Erklärung für den Vorfall.

Für die Schwurgerichtskammer mit ihrer Vorsitzenden Richterin Bärbel Stock stellt sich die schwierige Frage: Wer sagt die Wahrheit? Wer kann die Geschehnisse vor einer Diskothek in der Nähe des Hauptbahnhofs exakt nachzeichnen? Ging Okoronkwo ein zu großes Risiko ein? Oder war er ein wehrloses Opfer?

Setzt sich der Angeklagte mit seiner Version durch, dürfte beim Bundespräsidialamt in Berlin das Kapitel „Bundesverdienstkreuz für Okoronkwo“ erledigt sein. Und rein äußerlich wird die Version des mutmaßlichen Täter in einigen Teilen auch von einer der jungen Frauen bestätigt, die den Streit indirekt erst in Gang gebracht hatten: Ja, Okoronkwo sei dem schmächtigen und betrunkenen Angeklagten körperlich weit überlegen gewesen. „Der Täter hatte schließlich keine andere Wahl, er holte das Messer heraus“, sagte die zierliche Frau, die in jener Nacht mit einer Freundin vom Feiern in der Disco kam. Gleichwohl habe der Nigerianer auf sie einen sympathischen Eindruck gemacht und ihr auch gleich zur Seite gestanden, als sie von dem Angeklagten und seinem Begleiter beleidigt worden seien.

Allerdings wird auch deutlich: Selbst Okoronkwo hatte offenbar in jener Nacht „Stress“. Aus der Disco sei er herausgeschmissen worden, weil es auf der Tanzfläche Streit gab. (dpa)

Quelle: HNA

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