Siris unsichtbares Martyrium: Prozess gegen Sozialarbeiterin

Wetzlar. Monatelang wurde die kleine Siri misshandelt, bis die Eltern ihr den Schädel einschlugen. Kann das einer Sozialarbeiterin trotzdem nicht auffallen? Oder hat sie die Wunden des Mädchens ignoriert? Fotos der Quälereien sollen die Mitschuld der Sozialarbeiterin vor Gericht nachweisen.

Zwei Wochen vor dem Tod der kleinen Siri sind einer Mitarbeiterin des Jugendamts Wetzlar nach eigener Darstellung keine Verletzungen bei dem Baby aufgefallen. „Ich habe bis auf ein Pflaster auf der Stirn keine Verletzungen wahrgenommen oder wahrnehmen können“, sagte die angeklagte Frau zum Auftakt ihres Prozesses am Dienstag vor dem Amtsgericht Wetzlar. Sie habe die Familie Mitte April 2008 besucht und dabei „eigentlich einen guten Eindruck“ gehabt. Zwei Wochen später starb das acht Monate alte Mädchen qualvoll - die Eltern hatten ihm den Schädel zertrümmert, nachdem sie es monatelang misshandelt hatten.

Vater und Mutter sitzen wegen Mordes und Kindesmisshandlung eine lebenslange Freiheitsstrafe ab, außerdem hatte das Gericht damals die besondere Schwere der Schuld festgestellt. Damit können die Eltern nicht schon nach 15 Jahren aus dem Gefängnis entlassen werden. Beide treten im neuen Prozess als Zeugen auf. Die Sozialarbeiterin des Jugendamtes ist wegen Körperverletzung durch Unterlassen angeklagt - ein seltener Fall in Deutschland. Nur wenigen Mitarbeitern von Jugend- oder Sozialämtern wird nach tragischen Kinderschicksalen der Prozess gemacht. Der 29-Jährigen drohen in Wetzlar bis zu fünf Jahre Haft oder eine Geldstrafe.

Sie habe blaue Flecken und Schwellungen im Gesicht Siris ignoriert, auch Wunden am Mund des Mädchens und ein gebrochener Arm seien nicht gemeldet worden, wirft die Anklage der Frau vor. Die 29- Jährige habe aus „eigensüchtigen Motiven“ nicht darauf gedrängt, dass Siris Eltern mit dem Mädchen zum Arzt gingen. Den grausamen Tod des Babys habe die Frau aber nicht vorhersehen können, hieß es vor Gericht. Die aus Kanada stammende Mutter (37) sagte dagegen im Zeugenstand, das Pflaster habe einen blauen Fleck verbergen sollen. Ansonsten habe das Baby nur kleine, verblasste Flecken gehabt. Sie sei nicht sicher, ob man diese hätte bemerken können.

Verteidiger Dietmar Kleiner wies die Vorwürfe zurück und griff die Staatsanwaltschaft an. Diese lasse „Objektivität“ und „Fairness“ vermissen. Die Anklage muss der 29-Jährigen an vier Prozesstagen nachweisen, dass sie die Verletzungen bewusst ignorierte. „Davon hängt der Ausgang des Verfahrens ab“, sagte Staatsanwalt Frank Späth. Als Beweise sollen auch Fotos vorgelegt werden - die Eltern hatten die Quälereien und deren Folgen in ihrer Drei-Zimmer-Wohnung abgelichtet, unter anderem auch unmittelbar vor dem Besuch der Sozialarbeiterin. Auf einem Video ist zu sehen, wie der Vater das schlafende Baby aus dem Bett reißt und es in der Dunkelheit etwa 20 Mal hoch in die Luft wirft. Siri - der Name bedeutet „Glück“ oder „gutes Leben“ - schreit dabei jämmerlich, ihr Gesicht ist angstverzerrt. Ihre Mutter lacht, und ihr Vater hält die Quälerei für „lustig“.

Die 29-jährige Jugendamtsmitarbeiterin besuchte Siris Eltern nach eigenen Angaben im Dezember 2007 zum ersten Mal. Zuvor war ein anonymer Hinweis beim Amt eingegangen. Bei diesem Besuch und auch im April gab sie beiden im Umgang mit Siri gute Noten. Sie habe ihre Berichte - so ein weiterer Vorwurf der Anklage - nicht geschönt und zu keinem Zeitpunkt Verdacht geschöpft. Für das Jugendamt war nach dem zweiten Hausbesuch der Fall abgeschlossen. Ende April ging erneut ein anonymer Hinweis ein. Ehe es zu einem weiteren Hausbesuch kommen konnte, war das Baby tot.

Quelle: HNA

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