Sozialminister zum Ärztemangel: „50.000 Euro pro Landpraxis höchstens“

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Stefan Grüttner

Mit Geld sollen in Hessen mehr Ärzte aufs Land gelockt werden. Eine entsprechende Vereinbarung hat das Land mit Ärzten, Kassen und kommunalen Spitzenverbände getroffen. Wir sprachen mit Sozialminister Stefan Grüttner (CDU) über den Pakt.

Mit 600 000 Euro jährlich, so ist zu hören, soll künftig die Ansiedlung von Medizinern in Orten gefördert werden, die weit und breit keinen Hausarzt mehr haben. Wie muss man sich das im Detail vorstellen?

Stefan Grüttner: Der Förderbetrag pro Praxis beträgt bis zu 50.000 Euro. Die Voraussetzungen für die Förderung wird eine Arbeitsgruppe aus Vertretern der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen, der Landesverbände der Krankenkassen und der Ersatzkassen in Hessen sowie dem Land Hessen festlegen. Berücksichtigt werden sollen dabei insbesondere die Größe der Gemeinde, in der die Niederlassung erfolgen soll, die Dauer der Nachfolgersuche der Praxisinhaberin oder des Praxisinhabers und die Dauer der Vakanz des Vertragsarztsitzes. Von Bedeutung sind aber auch das Maß der drohenden Beeinträchtigung der vertragsärztlichen Versorgung sowie vor allem die Bereitschaft der antragstellenden Ärztinnen und Ärzte, sich für mehrere Jahre am Sitz der geförderten Praxis niederzulassen. Diese Förderung ergänzt das bereits vom Land Hessen angebotene Förderprogramm „Gründungs- und Wachstumsfinanzierung Hessen“, mit dem sowohl Existenzgründungen von Freiberuflern im Gesundheitswesen als auch Investitionen sowie Betriebsmittel finanziert werden.

Zuschüsse sind das eine - was muss die Kommune beisteuern? Wer kommt wie um Zug?

Grüttner: Das Land kann die Kommunen nicht zum finanziellen Engagement zwingen – aber machbar wäre auf kommunaler Ebene schon einiges. Beispielsweise könnten die Kommunen demjenigen, der bereit ist, sich als Hausarzt dort niederzulassen, verbilligte Bauplätze zur Verfügung stellen. Oder Räumlichkeiten für die Praxis. Was wir zusammen mit den kommunalen Spitzenverbänden im Pakt festgelegt haben, sind Pendel- und Begleitdienste für Patientinnen und Patienten. Vereinbart ist, dass die Kommunen diesen Mobilitätsdiensten in Abstimmung mit der Ärzteschaft Hilfestellung bei der Terminvergabe und Einteilung der verfügbaren Fahrer geben.

Allgemeinmediziner in Aus- und Weiterbildung stärken – ein weiterer Punkt im Pakt. Was ist da geplant?

Grüttner: Das Problem ist, dass zum einen Weiterbildungsassistenten in einer Allgemeinarztpraxis weniger verdienen als im Krankenhaus. Zum anderen müssen sich die Weiterbildungsassistenten in der Allgemeinmedizin – auch im Unterschied zu denen im Krankenhaus – ihren Ausbildungsgang selbst organisieren. Das macht die Ausbildung in der Allgemeinmedizin wenig attraktiv. Um angehende Allgemeinmedizinerinnen und -mediziner besser zu unterstützen und über Förderungsmöglichkeiten zu informieren, haben wir die Vereinbarung der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen, der Landesärztekammer Hessen, der Hessischen Krankenhausgesellschaft und der Universität Frankfurt zur Einrichtung einer Koordinierungsstelle sowie je eines „Kompetenzzentrums Allgemeinmedizin“ an den Universitäten Frankfurt und Marburg unterstützt. Dort sollen junge Allgemeinmedizinerinnen und -mediziner beraten und unterstützt werden. Dafür stellt das Land Hessen jährlich insgesamt 150.000 Euro zur Verfügung.

Die WIBank soll bei der Sicherstellung der gesundheitlichen Versorgung in Hessen ebenfalls mit ins Boot. Wie das?

Die WIBank ist bereits mit im Boot – mit dem schon genannten Förderprogramm „Gründungs- und Wachstumsfinanzierung Hessen“, das bereits in Hessen läuft. Die WIBank wird nun auch die im Pakt vereinbarte Niederlassungsförderung für Ärztinnen und Ärzte abwickeln.

Pilotprojekte, mit denen eigentlich ärztliche Leistungen auf dem Land von Krankenschwestern oder Arzthelferinnen erledigt werden, hatten wir in Nordhessen schon. Auch auf dieser Schiene soll weitergearbeitet werden …

Grüttner: Das ist richtig, versucht wurde schon alles Mögliche. Was aber bislang fehlte, war die Bewertung der einzelnen Maßnahmen verbunden mit der Fragestellung: Was ist wo wirklich zielführend? Das wird durch den Pakt nun ermöglicht: Wir haben uns mit den beteiligten Partnern darauf verständigt, drei Modelle, also Praxisassistentin nach dem Curriculum der Bundesärztekammer, „AGnES“ sowie „Verah“ in Hessen zu erproben und wissenschaftlich zu evaluieren. Auf diese Weise sollen neue, fundierte Kenntnisse zur Lösung etwaiger Strukturprobleme in den ländlichen Regionen Hessens erworben werden. Das Land Hessen erklärt sich bereit, für die wissenschaftliche Begleitung 50.000 Euro im Jahr 2012 zur Verfügung zu stellen.

Was wollen soll mit dem Pendel- und Begleitdienst für Patienten erreicht werden?

Grüttner: Dabei geht es um die weniger mobilen, meist älteren Patientinnen und Patienten, die insbesondere im ländlichen Raum Probleme haben, Zugang zur medizinischen Versorgung zu erhalten. Die oft ehrenamtlichen Dienste sollen zu einer Verbesserung dieser Situation und damit auch zu einer Steigerung der Lebensqualität sowie der selbstbestimmten Mobilität von Seniorinnen und Senioren beitragen. Das Land Hessen wird Qualifizierungsmaßnahmen für Personen anbieten, die einen Mobilitätsdienst gründen und aufbauen wollen. Außerdem werden wir mit den drei hessischen Verkehrsverbünden Gespräche führen, damit diese Fördermittel bereitstellen – denn die Umsetzung scheitert in vielen Kommunen an den Anschaffungskosten für ein entsprechendes Fahrzeug. Um die Gründung von Mobilitätsdiensten insbesondere in unterversorgten Kommunen zu unterstützen, kann eine Ansprechperson auf Landkreisebene bestimmt werden, die für organisatorische Fragen zur Verfügung steht und die einzelnen kommunalen Initiativen koordiniert. Eine Liste dieser Ansprechpersonen wird in einem vom Land erstellten Leitfaden veröffentlicht. Für die Ärztinnen und Ärzte bedeuten die Mobilitätsdienste im Übrigen eine Erleichterung, da sie hierdurch zeitintensive Hausbesuche vermeiden können. (red)

Zur Person:

Stefan Grüttner (54/CDU) ist seit August 2010 Sozialminister in Hessen. Zuvor war er seit 2003 Chef der Hessischen Staatskanzlei. Grüttner ist katholisch, verheiratet, hat zwei Söhne und wohnt in Offenbach.

Quelle: HNA

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