Rechnungshof rät zu Zwergschulen-Schließung

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Bei sinkenden Schülerzahlen sind nicht alle Schulen zu halten: Einschulung der ABC-Schützen 2010 in die Grundschule Espenau nahe Kassel mit Lehrerin Patricia Mosig-Schwalm.

Wiesbaden. Die Forderung des Landesrechnungshofes, angesichts zurückgehender Schülerzahlen eine Mindestgröße für kleine Grundschulen festzulegen, hat bei Eltern und Gewerkschaftern für Entrüstung gesorgt.

Die Vorsitzende des Landeselternbeirates, Kerstin Geis, nannte es unverantwortlich, auf dem Rücken der Kinder zu sparen. Schließungen müssten „so lange es irgendwie geht, verhindert werden“, sagte Geis. Wenn tatsächlich zu wenig Kinder da seien, müssten die Schulträger verpflichtet werden, die Schülerbeförderung zu regeln: „Es geht nicht, dass man dann auf das Taxi Mama und Papa setzt.“

Liste der kleinsten Schulen als pdf-Dokument

Auch der Landesvorsitzende der Bildungsgewerkschaft GEW, Jochen Nagel, lehnt feste Mindestgrößen für Schulen ab, wie anderen Bundesländer sie haben. „Die Schulträger müssen im Einzelfall abwägen, welche Lösung die beste für die Kinder ist, man kann zum Beispiel jahrgangsübergreifende Klassen bilden.“

Nagel meint, man dürfe auch nicht nur auf die Schülerzahlen schauen, „in vielen ländlichen Regionen werden Orte ohne Schule unattraktiv, das ist auch ein strukturpolitisches Problem.“

Dem Rechnungshof wirft der GEW-Chef vor, „mit vordergründigen Zahlen zu arbeiten und nicht mit einer Gesamtbilanz“. Die von der GEW abgelehnte Schuldenbremse, die zu den Sparüberlegungen führt, habe nie die gesellschaftlichen Folgekosten im Auge.

Das Kultusministerium hatte im Schulgesetz mit der Schaffung von Verbundschulen reagiert: Damit sind mehrere Standorte unter einer Schulleitung zusammengefasst. Der Rechnungshof hält eine Zusammenlegung von Schulen an einem Standort jedoch für die wirtschaftlichere Alternative.

Dass aus Sicht des Rechnungshofes und mit Blick auf die ab 2020 greifende Schuldenbremse auch Lehrerstellen eingespart werden müssen, lehnen Geis und Nagel vehement ab. Wenn Schülerzahlen sinken, sollten freiwerdende Stellen im Sinne von mehr Bildungsqualität erhalten werden, sagen sie. So sieht es auch der Abgeordnete Mathias Wagner. Zu kleinen Grundschulen sagt der Schulexperte der Grünen, Verbundschulen und jahrgangsübergreifende Unterricht seien wichtige Instrumente, Schulen so lange wie möglich zu retten. „Sollten jedoch selbst dann nicht genügend Schülerinnen und Schüler zusammen kommen, wird sich auch aus pädagogischen Gründen nicht jeder Standort erhalten lassen.“

Dass man nicht darauf warten muss, zeigt das Beispiel der Grundschule Felsberg-Neuenbrunslar: Dort schufen Ortsbeirat, Kindergarten, Schule und Vereine gemeinsam ein Ganztagsangebot unter dem Titel „Familienhaus“. Das Konzept ist so attraktiv, dass es auch Kinder aus anderen Schulen anzieht, die zumindest derzeit noch groß genug sind, trotzdem zu überleben.

Die kleinsten der kleinen Schulen

• Waldeck-Frankenberg:

Die Grundschulen Korbach-Rhena und Waldeck-Freienhagen haben beide nur noch je 31 Schüler in zwei Klassen. Sie sollen Standorte von Verbundschulen werden.

• Landkreis Kassel:

Die Bärenberg-Schule in Zierenberg-Oberelsungen ist mit 44 Kindern in zwei Klassen die kleinste. Im Sommer schrumpft sie auf 35 Kinder, Neueinschulung: ein Kind. Zukunft unklar.

• Schwalm-Eder-Kreis:

Die kleinste Grundschule ist die Brüder-Grimm-Schule in Schwalmstadt-Allendorf. Eine Lehrkraft unterrichtet 16 Kinder der Schuljahre 1 bis 4 in einer Klasse. Zum neuen Schuljahr kommen elf neue Kinder, drei gehen weg. Die Grundschule Schwalmstadt-Wiera wurde 2011 geschlossen. Die Kinder fahren nach Treysa.

• Stadt Kassel:

Die Grundschule am Eichwäldchen hat 115 Schüler in sieben Klassen. Zukunft nicht gefährdet.

• Werra-Meißner-Kreis:

Die Grundschule Weißenborn hat 43 Schüler in zwei Klassen und drei Lehrer. Der Kreis möchte sie halten - abhängig von der Lehrerzuweisung.

• Hersfeld-Rotenburg:

Die Grundschule Wildeck-Hönebach hat 42 Kinder in drei Klassen. Der Kreis will den Standort erhalten - so lange Lehrerzuweisungen den Unterricht sichern. Quelle:

Kreisverwaltungen und Stadt Kassel

• Schwalm-Eder-Landrat Frank-Martin Neupärtl findet den Zwergschul-Sparvorschlag des Rechnungshofes empörend. Immer sei das Rhein-Main-Gebiet der Maßstab. „Wir in den Flächenregionen zählen nicht“, so Neupärtl. Schulentwicklung sei verfassungsrechtlich garantiert Sache der Kommunen. Und die fänden in enger Kooperation mit Gemeinden und Eltern kreative Lösungen. Neupärtl verweist auf Zusammenlegung von Grundschulen (vier Standorte über drei Gemeinden mit einem Schulleiter) oder Schulverbünde, die sparen hülfen: „Das Motto Kurze Beine - kurze Wege muss weiter gelten.“ (wrk)

Von Petra Wettlaufer-Pohl

Quelle: HNA

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